
In den Vereinigten Staaten war 1976 ein Jubeljahr. Die Nation feierte in mehr als sechstausend Projekten mit fünfundzwanzig Millionen Beteiligten das Bicentennial, die riesige Geburtstagsparty zu zweihundert Jahren Unabhängigkeit und Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika. Für das Land, das gerade den Vietnam-Krieg beendet hatte, bedeutete der Rückblick zugleich einen Neubeginn. In diesem Jahr sollte der Demokrat Jimmy Carter den Republikaner Gerald Ford bei der Präsidentenwahl schlagen. Der NASA-Sonde Viking 1 gelang die erste erfolgreiche Landung auf dem Planeten Mars gelingen. Steve Jobs und Steve Wozniak gründeten die Firma Apple.
Im Vorfeld zur 200-Jahr-Feier machte sich auch Patricia Gallagher so ihre Gedanken. Die Amerikanerin war eine der beiden Geschäftsführer der Académie du Vin, einer Weinschule, die der Engländer Steven Spurrier neben seiner Weinhandlung Cave de la Madeleine in Paris betrieb. Da sie in der Vergangenheit eine Reihe vielversprechender neuer amerikanischer Weine getrunken hatte, schlug sie Spurrier eine Verkostung mit kalifornischen Weinen vor. Der freundete sich mit der Idee an, und so ging sie im Herbst 1975 auf eine erste, durch den Weinjournalisten Robert Finigan vermittelte Erkundungstour.
Eine neue Generation

Was zu dieser Zeit aus europäischer Sicht ziemlich exzentrisch schien, war in amerikanischen Augen überfällig. „Preiswerte kalifornische Tafelweine sind von deutlich höherer Qualität als der Landwein, den die französische Arbeiterklasse konsumiert“, hatte Anfang der Siebziger das Time Magazine konstatiert. „Noch überstrahlen die großen Château-Weine aus Frankreich die besten der Neuen Welt, aber die Kluft schließt sich.“ Dabei war diese Entwicklung gerade erst ein paar Jahre alt. Oder genauer gesagt: der kalifornische Weinbau befand sich nach einer beispiellosen Berg- und Talfahrt erst seit etwa sechs Jahren wieder im Aufwind.
Patricia Gallagher und Steven Spurrier, der ebenfalls nach Kalifornien gekommen war, um die Endauswahl für die Probe vorzunehmen, konzentrierten sich nicht auf die alten eingeführten Weingüter, deren Glanz entweder getrübt war oder deren Erzeugnisse nach dem Verkauf an Großkonzerne qualitativ deutlich nachgelassen hatten, sondern auf die Spitzenprodukte der jungen Winzergeneration. Diese kleine Gruppe bestand aus etwa fünfzehn Betrieben, Winzern und Weinmachern ganz unterschiedlicher Charaktere mit grundverschiedenen Hintergründen. Doch gerade weil die Weinszene in Kalifornien so überschaubar war, wiesen sie teilweise identische Stationen in ihren Lebensläufen auf, die mitverantwortlich waren für eine hohe Übereinstimmung an önologischen Grundüberzeugungen.
Stag’s Leap Wine Cellars

Das trifft insbesondere für die Erzeuger der beiden Siegerweine zu, des 1973er Stag’s Leap Cabernet Sauvignon von Warren Winiarski und des 1973er Chateau Montelena Chardonnay von Miljenko „Mike“ Grgich. Warren Winiarski stammte aus einer Familie polnischer Emigranten (deren Name so viel wie „Sohn des Weinmachers“ bedeutet) aus Chicago und hatte bei Lévi Strauss politische Philosophie studiert. Ein Studienjahr in Italien überzeugte ihn davon, nach Kalifornien zu gehen, um Winzer zu werden. Er bekam einen Job in Lee Stewarts Souverain Cellars, die 1944 als Pionierbetrieb für hochklassigen Wein in den Howell Mountains von Napa Valley gegründet worden war. Danach wechselte er als Winemaker zu Robert Mondavi, der ihm die Maßstäbe für Spitzenweinproduktion beibrachte. Nach einer Zwischenstation in Colorado, wo er die dortige Weinindustrie aufbauen sollte, erwarb er nach fast verzweifelter Suche nach Mitinvestoren – er soll selbst den Babysitter der Familie um eine Beteiligung gebeten haben – ein Stück Land unweit von Yountville, in den Hügeln östlich des Silverado Trails, das überwiegend mit Obstbäumen, aber auch mit einigen wenigen Reben bepflanzt war.

Eigentlich galt diese Gegend als zu kühl für Cabernet Sauvignon, aber James Lider, der erste kalifornische Berater für Weinbergsbewirtschaftung, hatte 1961 dem Vorbesitzer Nathan Fay in Stag’s Leap diese Rebsorte empfohlen, sodass dort Setzlinge vom wenige Kilometer entfernten Martha’s Vineyard gepflanzt worden waren. Warren Winiarski hatte vor dem Kauf ein Glas von Fays 1968er Cabernet probiert, der ihn regelrecht begeistert hatte; damit war die Frage, welche Reben er in Stag’s Leap anbauen sollte, schnell beantwortet. 1973 entstand unter der Beratung von André Tchelistcheff in den neu erbauten eigenen Stag’s Leap Wine Cellars der erste Jahrgang des Stag’s Leap Vineyard (später kurz als „SLV“ bezeichnet) Cabernet Sauvignon. Warren Winiarski war in diesem Jahr etwas unsicher über den richtigen Lesezeitpunkt, und als er im Weinberg André Tchelistcheff ein paar Beeren zu probieren gab, seufzte dieser nur: „Honig, göttlicher Honig.“
Chateau Montelena
![]()
Auf Chateau Montelena, einem zauberhaften Anwesen am nördlichen Rand des Napa Valley, in der alten Kurstadt Calistoga, war schon 1882 Wein gekeltert worden. Während der Prohibition war der Weinbetrieb aufgegeben worden, und nachdem die Besitzverhältnisse mehrfach gewechselt hatten, wurde das Gut 1968 von einigen Investoren übernommen, darunter der Rechtsanwalt James Barrett, der mit der Neuanpflanzung der Weinberge und der Wiedererrichtung der Kellerei begann. Den entscheidenden Schritt aber unternahm er mit der Einstellung von Miljenko „Mike“ Grgich als Winemaker. Der hatte in seiner Heimat Kroatien Weinbau studiert und war mit einem Studentenaustauschprogramm in die Vereinigten Staaten gekommen.
![]()
1958 hatte ihm Lee Stewart auf Souverain seinen ersten Job angeboten, und ebenso wie Warren Winiarski sollte er dann ein paar Jahre bei Robert Mondavi arbeiten, wo er zusammen mit André Tchelistcheff intensiv mit Kaltfermentation, Hefeauswahl bei der malolaktischen Gärung und Mikrofiltration experimentierte. Im Mai 1972, nachdem er bei Mondavi für eine ganze Reihe erstklassiger Weine verantwortlich gewesen war, erhielt er ein Angebot von Chateau Montelena, das neben seinen Aufgaben als Winemaker auch eine Beteiligung am Weingut vorsah. Auch auf Montelena war der Cabernet Sauvignon von großer Bedeutung, doch wurde auch ein Chardonnay erzeugt, von dem fast die Hälfte der Trauben aus Sonoma kam, insbesondere von Helen Bacigalupi, der Besitzerin von Bacigalupi Vineyards im Russian River Valley. Als sie Mike Grgich im Sommer 1973 ihre Trauben probieren ließ, tanzte der vor Glück: „Meine Güte, das sind die schönsten Trauben, die ich in meinem Leben je gesehen habe.“
Die Perspektive der Franzosen
![]()
Steven Spurrier hatte zu der Weinprobe am 24. Mai 1976 im Hotel Intercontinental in Paris eine erlesene Schar französischer Weinkritiker versammelt. Unter ihnen waren Odette Kahn, die Direktorin der Revue des Vins de France, Michel Dovaz vom Institut Oenologique de France und Aubert de Villaine von der Domaine de la Romanée-Conti. Sie erwarteten, verschiedene amerikanische Weine zu probieren, deren Qualität allgemein mit der südfranzösischer Vins de Pays auf eine Stufe gestellt wurde. Doch trotz der demonstrativ zur Schau gestellten Gleichgültigkeit war man auch neugierig. Nicht nur war die Kunde von wichtigen technischen Innovationen der amerikanischen Önologie zur französischen Weinkritik gedrungen. Vor allem aber hatten erste große französische Domänen ihre Fühler nach Kalifornien ausgestreckt und sogar schon in großem Umfang dort investiert.

Moët-Hennessy etwa war auf der Suche nach geeigneten Rebflächen für ein hochwertiges Champagner-Pendant im Napa Valley fündig geworden und hatte 1973 in Yountville die Domaine Chandon California gegründet. André Portet, der technische Direktor von Château Lafite, hatte seit 1968 ebenfalls weltweit nach hochwertigen Standorten gesucht, allerdings für den Anbau von Cabernet Sauvignon. Seine beiden Söhne gründeten 1971 Clos du Val in der unmittelbaren Nachbarschaft von Stag’s Leap Wine Cellars – ihr 1972er Cabernet Sauvignon sollte im Judgement of Paris den 8. Platz belegen. Und ganz zu Beginn der 1970er Jahre hatte sich ein Vertreter des Baron Philippe de Rothschild von Château Mouton-Rothschild mit Robert Mondavi auf Hawaii getroffen, um eine mögliche Kooperation zu sondieren – eine Begegnung, aus der einige Jahre später das Joint Venture „Opus One“ entstehen sollte, als Ausdruck einer Partnerschaft auf Augenhöhe zwischen Franzosen und Kaliforniern.
Die Arroganz der Grande Nation
![]()
Diese Tatsachen hatten in der französischen Weinbranche dafür gesorgt, dass die anfängliche Gleichgültigkeit gegenüber kalifornischen Weinen einer gewissen Gereiztheit gewichen war. Als Steven Spurrier den Teilnehmern der Verkostung im Interconti eröffnete, dass die Auswahl kalifornischer Rot- und Weißweine in einer blinden Vergleichsprobe gegen einige Spitzenweine aus dem Burgund (bei den Chardonnays) und dem Bordelais (für die Cabernet Sauvignons) antreten würde, war die Reaktion ein überlegenes Schulterzucken. Die überlieferten Kommentare künden vom unerschütterlichen Selbstbewusstsein der französischen Degustatoren dieser Jahre: „Die Kalifornier herauszuschmecken ist einfach“ – „Oh, kein Duft, das muss ein Kalifornier sein“ – „Ah, endlich zurück nach Frankreich“. Dabei war der Wein ohne Duft ein Bâtard-Montrachet und der typische Franzose ein 1972er Napa Chardonnay.

Der Ausgang des Tastings ist Geschichte: Kalifornien-Frankreich 2:0. Die Grande Nation war blamiert. Aufgebrachte Verkoster versuchten, ihre Wertungsbögen wieder in ihren Besitz zu bekommen. Noch am selben Tag begannen die Versuche, das Ergebnis und die Probe insgesamt, nicht zuletzt auch Steven Spurrier persönlich zu diskreditieren. Gegen die Auswahl der französischen Weine konnte kaum etwas gesagt werden: schließlich befanden sich unter ihnen Château Haut-Brion, Château Mouton-Rothschild und Château Léoville Las Cases bei den Roten und der Meursault-Charmes von Guy Roulot, der Bâtard-Montrachet der Domaine Ramonet und der Puligny-Montrachet Les Pucelles der Domaine Leflaive bei den Weißen, allesamt aus guten bis sehr guten Jahrgängen.
Ein Tasting wird zur Legende
![]()
Einer der wichtigsten Einwände, dass Kaliforniens Weine eben jung ihre ganze Frucht und Fülle zeigten und nicht für die Lagerung geeignet seien, die gerade die Klasse der französischen Weine ausmachte, wurde erst allmählich widerlegt. In den folgenden Jahren kam es häufig zu Neuauflagen der Verkostung, in denen sich die Kalifornier immer wieder durchsetzen konnten. Wegen der Abwesenheit französischer Kritiker fanden sie aber wenig Anerkennung. Erst das Re-Tasting zum dreißigsten Jahrestag des Judgement of Paris, das 2006 parallel in Napa und London veranstaltet wurde und ausschließlich Rotweine zum Gegenstand hatte und unter dessen Juroren sich neben zwei der französischen Verkoster des Pariser Tastings einige der angesehensten Autoren der Weinwelt befanden wie Hugh Johnson, Michael Broadbent, Jancis Robinson oder Michel Bettane, brachte die Kritiker zum Verstummen: Erneut siegte Kalifornien, diesmal mit dem 1971er Ridge Monte Bello an erster Position vor dem Sieger von Paris, dem 1973er Stag’s Leap, während der beste Franzose, ein Château Mouton-Rothschild, auf dem sechsten Platz landete.
Zu diesem Zeitpunkt hatte das Ergebnis von Paris die Weinwelt bereits gründlich verändert. Tatsächlich wäre die Verkostung um ein Haar unbemerkt geblieben, weil Steven Spurrier, der spätere Herausgeber des britischen Weinmagazins Decanter, keine Pressevertreter zum Kommen hatte motivieren können. Nur dem Umstand, dass Patricia Gallagher den Reporter des Time Magazine George M. Taber eingeladen hatte, den sie von einem ihrer Weinkurse kannte, war es zu verdanken, dass bei diesem historischen Ereignis überhaupt ein Journalist anwesend war. Sein Bericht war ein wenig versteckt und ließ wenig von der tatsächlichen Bedeutung der Veranstaltung spüren, doch er sorgte dafür, dass die Lawine ins Rollen kam.
Die Transformation des American Eden
![]()
Das amerikanische Eden, wie das Napa Valley gern genannt wird, in dem Mitte der 1970er Jahre noch das klassische amerikanische Family Farming den Ton angab, wurde Ziel von Investoren aus aller Welt. In unglaublicher Menge floss Geld ins Tal und veränderte die Region nicht nur zum Guten. Wein aus Napa wurde nicht nur an der Ostküste fashionable, sondern auch bei Sommeliers und Sammlern in der ganzen Welt. Aus Landwirten wurden Stars, unzählige Boutique-Wineries sprossen aus dem Boden und reklamierten einen Kult-Status für sich. So änderte sich insbesondere der Stil der Weine: Die der Post-Judgement-Ära wurden immer reifer und massiver, vor allem nach dem üppigen 1997er Jahrgang. Big Egos waren auf der Suche nach Big Flavour. Das konnte man lieben oder hassen, und so polarisierte der kalifornische Stil die Weinkritik weltweit.
Cabernet Sauvignon und Chardonnay setzten sich erst nach dem Judgement of Paris als Leitreben auch in anderen aufstrebenden Weinregionen durch. Das Tasting inspirierte Italien, Spanien, Chile und viele andere Länder, und es sollte nur wenige Jahre dauern, bis deren Weine in Weinolympiaden oder ähnlichen Veranstaltungen vergleichbare Erfolge feierten. Mit einiger Verzögerung motivierte die Verkostung aber auch das Mutterland, die Herausforderung anzunehmen. Auch Frankreichs Weine sind heute besser als je zuvor, nicht zuletzt dank dieser historischen Niederlage. Und im Londoner Liv-ex-Index, der die Wertschwankungen von Spitzenweinen auf dem Markt notiert, sind noch relativ wenige kalifornischen Weine vertreten, bei einer überwältigenden Dominanz der Weine aus Burgund und Bordeaux.
Ein National Heritage
![]()
Das schmälert die Bedeutung der Verkostung von Paris in keiner Weise. Heute sind die beiden Gewinner, der 1973er Stag’s Leap SLV und der 1973er Chateau Montelena Chardonnay, in der Dauerausstellung des Smithsonian Museums in Washington zu sehen, neben dem Weltraumanzug von Neil Armstrong und dem Zylinder von Abraham Lincoln, als Bestandteile der „101 Objects That Made America“. Das Ereignis ist von Hollywood verfilmt worden („Bottle Shock“, in dem die Familie von James Barrett im Zentrum stand), und weil in diesem Film aber auch so gar nichts stimmt – der Montelena Chardonnay war „NIEMALS braun oder verfärbt“ (Mike Grgich) −, wurde eine Zeitlang ein Alternativprojekt entwickelt, das die Geschichte der wahren Helden Mike Grgich und Warren Winiarski erzählen soll.
„Not bad for kids from the sticks“ – nicht schlecht für Jungs aus der Provinz, war der Kommentar des Besitzers von Chateau Montelena, nachdem er von den Resultaten des Judgement of Paris erfahren hatte. Dabei hätte man zumindest in der Alten Welt wissen müssen: Dass Paris die Helena erwählt, ist doch eine der ältesten Geschichten der Welt.
Not bad for kids from the sticks.
Jim Barrett, Chateau Montelena
California Past & Future: Ein Tasting 50 years after
![]()
50 Jahre später hat eine Master Class von Elaine Chukan Brown auf der Wine Paris nach dem Erbe des legendären Tastings gefragt. Chukan Brown, nicht nur als Autorin des Buches „The Wines of California“ (2025) tief mit der Materie vertraut, hat dabei nicht noch einmal die Flights von damals gegenübergestellt: Stattdessen fragte Chukan Brown nach der Bedeutung der Verkostung für Kaliforniens Weinindustrie und wie sich die Weine seit damals verändert haben. Kurz: nach deren Vergangenheit und Zukunft.

Dazu hat sie in Zusammenarbeit mit California Wine und deren Schulungsplattform Capstone sowie den teilnehmenden Weingütern vier Pärchen von „gleichen“ Weinen aus jeweils dem aktuellen Jahrgang 2022 und einem aus den Neunzigerjahren gebildet. Mit dabei waren Weißweine von Chateau Montelena, 1976 der sensationelle Sieger bei den Chardonnays, sowie Cabernet Sauvignons von Clos du Val (Hirondelle Vineyard), Ridge Vineyards (Monte Bello) sowie der Robert Mondavi Winery (To Kalon). Die hatte zwar nicht teilgenommen. galt damals wegen ihrer Bedeutung für die jungen Winzer Kaliforniens als „Mondavi University“. So hatten sowohl Warren Winiarski als auch Mike Grgich, beides Protagonisten des Paris Tastings als Kellermeister von Rotwein-Sieger Stag’s Leap beziehungsweise Chateau Montelena, hier gearbeitet.
Das Erbe des Paris Tasting
![]()
Ein halbes Jahrhundert Abstand bedeutet aber neben Kontinuität auch einige Disruption. So wies Chukan Brown gleich zu Beginn darauf hin, dass in den Weinbergen heute wenig an früher erinnert. was etwa an der Phylloxera-Krise der Neunzigerjahre und den folgenden erheblichen Neuanlagen liegt. Chateau Montelenas Chardonnay stammte, zumal in den ersten Jahren, teilweise aus Sonoma. Hier hat sich, was man dem sehr reifen 1991er (trotz Magnum) und dem hervorragenden, leicht reduktiven 2023er auch anmerkte, der Umgang mit Schwefel stark verändert. Der nächste Flight, Clos du Vals Cabernet Sauvignon 1992 versus 2022, beide vom Hirondelle Vineyard, zeigte zwei völlig verschiedene Stilistiken. Einmal klassisches Old-School-Napa, wo sich mittlerweile eine fast ans Burgund erinnernde Eleganz zeigt. Und dann der neue Stil von Napa mit luxuriöser Textur durch raffinertes Tannin-Management und markantes, „teures“ Holz. Beides sind sehr gute Weine, aber der jüngere erschlägt einen fast, zumal bei 15 Prozent Alkohol gegenüber 13 Prozent beim 1992er.
Bei Ridge Vineyards ist die Kontinuität größer. So gab es hier etwa keine Neuanpflanzungen und die Auswirkungen des Klimawandels sind in der Höhenlage des Monte Bello geringer. Der 1997er Monte Bello weist mit 12,9 Prozent einen nur wenig niedrigeren Alkoholgehalt als der 2022er auf (13,8 Prozent). Zudem hat sich das Profil der Weine über die Jahrzehnte wenig verändert, was sich auch dem Kalksteinboden verdankt, der straffe, mineralische Cabernets hervorbringt. So stachen beide Jahrgänge Monte Bello schon durch ihre hohe Säure aus dem Teilnehmerfeld heraus. Während 2022 noch sehr verschlossen wirkt, zeigt sich der 1997er mit seiner hohen, vielschichtigen Dichte und seinem langen, salzigen Finish in Topform.
![]()
Der Cabernet Sauvignon Reserve der Robert Mondavi Winery aus dem To-Kalon Vineyard (1995 versus 2022) demonstrierte dagegen wieder stärker den stilistischen Wandel. Höherer Neuholzanteil, zumal deutlich längere Verweildauer, dazu ein markant höherer Alkoholgehalt. Der 1995er zeigte sich trotz leicher Malznote nach einiger Belüftung gut in Form. Dennoch schien der aktuelle Jahrgang von einem anderen Stern zu stammen: kraftvoll, hedonisch, aber auch mit Tiefe und großer Länge. Es sind zwei Weine, die aus zwei sehr verschiedenen Ären kommen: der der Mondavi-Familie und der von Constellation.
Auch dieser Aspekt, der Übergang in Kalifornien vom „Family Farming“ zu den großen externen Investoren, gehört sicherlich dazu, wenn man versucht, das Erbe des „Paris Tasting“ zu benennen. Auch wenn Elaine Chukan Brown diese Frage ausklammerte, so kann man sich doch ihrer Feststellung anschließen, dass die Verkostung von 1976 für Kaliforniens Spitzenweingüter das Startsignal für die überwältigende Entwicklung seiner Weinproduktion bis heute gewesen ist.
Bildrechte
Filmplakat: Gefunden auf Cinematerial.com, Copyright beim Filmstudio
Alle übrigen Bilder: Stefan Pegatzky / Time Tunnel Images
Die im Aufmacherbild abgebildete historische „Bear Flag“ stammt von Harlan Estate, Oakville
Anmerkung
Der historische Teil des Artikels erschien in veränderter Fassung zuerst in FINE – Das Weinmagazin 3/2016 zusammen mit Reportagen von Stefan Pegatzky über Inglenook, Ridge Vineyards und Heitz Cellars. Die Serie wurde fortgesetzt mit Artikeln über Newton Vineyard, Vérité Winery, Schrader Cellars (FINE 4/2016), Robert Mondavi Winery, Opus One, Continuum Estate (FINE 3/2017) Grace Family Vineyards, Harlan Estate, Realm Cellars (FINE 4/2017). In FINE 4/2023 erschien dann im Kontext einer Reihe zu Weingütern von Jackson Family Wines auch ein Artikel über Freemark Abbey.
