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Geschichte
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Das Haus entstand nach der Heirat von Olivier Collard und Caroline Picard 1996. Es vereint zwei Champagnerwinzerfamilien unterschiedlicher Regionen von großer Bedeutung. Picard ist eigentlich Picard-Gonet. Das wiederum verweist auf die Winzerdynastie Gonet in Mesnil-sur-Oger (mehr hier), in die Dominique Picard, Carolines Vater, eingeheiratet hatte. Der Collard-Zweig gehörte unter Georges Collard zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den ersten Winzern im Marnetal, die eigene Champagner vermarkten. Zu seinen Innovationen gehörte die Verwendung großer Foudres, um den deutlichen Holzgeschmack der kleinen Fässer zu vermeiden. Ihm folgte sein Sohn, der legendäre René Collard. Im Nebenberuf Fotograf (um Geld zu verdienen!) produzierte ab 1943 in Reuil unter eigenem Namen Champagner, nachdem er die gut 17 Hektar Weinberge der Familie übernommen hatte. Weil er der Erste war, der den Pinot Meunier reinsortig als Champagner ausgebaut hat, gilt er als der Urvater der Meunier-Renaissance unserer Tage und inspirierte etwa Kultwinzer Jerôme Prévost.
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Aber René Collard galt in mehrfacher Weise in Pionier. Einmal durch seine naturnahe Weinbergsbewirtschaftung ohne Pestizide und Herbizide. Zudem blieb er dem Holzfassanbau seines Vaters treu und verzichtete auf die malolaktische Gärung. Durch enorm lange Lagerung seiner Champagner wollte er Skeptiker widerlegen, die nicht an die Alterungsfähigkeit des Meuniers glaubten. 1974 gründete Sohn Daniel gemeinsam mit seiner Frau Françoise das eigene Champagnerhaus Collard-Chardelle im Nachbarort Villers-sous-Châtillon.
Den gleichen Sinn für Eigenständigkeit zeigte auch deren Sohn Olivier. 1996, im Jahr der Heirat mit Caroline Picard, gründete er mit seiner Ehefrau seinerseits das Haus Clollard-Picard mit gerade einmal 2,5 Hektar. Es war zugleich das Jahr, im dem Oliviers Großvater René seine Produktion beendete. Zehn Jahre später weihte das junge Champagnerhaus eine neue Kellerei in Villers ein.Als sich 2013 die Gelegenheit ergab, ein heruntergekommenes Anwesen an der Avenue de Champagne in Épernay zu erwerben, griff das Ehepaar Collard-Picard zu. Sie waren der erste Winzerchampagnerproduzent an der prestigeträchtigen Flaniermeile. Aber auch mit ihrer nach kalifonischem Vorbild eingerichteten Boutique zur Champagnerverkostungen für Besucher waren sie Pioniere. 2024 stieg ihr Sohn Alexandre in den Betrieb ein. Dieser hatte nach seinem Diplom in Weinbau und Önologie in Avize noch weitere, teilweise internationale Aufbaustudien Welt absolviert, etwa in Wein-Marketing und Management.
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Stilistik
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Collard-Picard verkörpert viel vom Erbe René Collards. Aber das Haus ist doch, nicht zuletzt durch den Besitz an der Côte des Blancs, mit heute 16 Hektar in 52 verschiedenen Plots auch um einiges vielfältiger. Natürlich bildet der Weinbergbesitz im Herzen des Marnetals (Reuil, Villers-sous-Châtillon, Binson-et-Orquigny u.a.) das Rückgrat. Hier dominiert insbesondere natürlich der Meunier, gepflanzt in Massenselektion von teilweise sehr alten Reben. Aus dem Collard-Erbe stammen übrigens auch Parzellen in Vanault-Les-Dames, im äußersten Osten des Vitryat. Von der Picard-Gonet-Seite stammen Chardonnay-Weinberge aus den Grand Crus Oger und Mesnil-sur-Oger. Aber auch Weinberge in Vertus, die größtenteils mit Pinot Noir bepflanzt sind. So bilden heute 40 Prozent Meunier, 40 Prozent Chardonnay und 20 Prozent Pinot Noir den Rebspiegel. Zugekauft von Dritten wird nichts. Collard-Picard führen die Familientradition des naturnahen Weinbaus weiter und sind HVE-3 zertifiziert. Weil die Champagner vor allem Ausdruck ihrer Herkunft seien, erfahren alle Grundweine im Keller die gleiche Behandlung.
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Dennoch zeigen die Champagner einen klaren Stilwillen. Gepresst wird mit einer modernen Highend-Presse von Coquard mit 8 Tonnen Fassungsvermögen, ausschließlich die erste Pressung findet Verwendung. Vergoren wird mit eigenen Hefen, die Malo komplett geblockt. Der Ausbau der Weine findet im Holz statt (große 72 Hektoliter fassende Foudres). Zunehmend werden auch Tonamphoren eingesetzt. Dem Haus stehen mittlerweile neun Jahrgänge als Reserven zur Verfügung. Davon liegt ein Großteil im Holz (darunter zwei verschiedene „Réserves perpetuelles“), ein wenig auch im Edelstahl. Das wird ansonsten nur für die Vorklärung und zur Cuvetierung eingesetzt. Vor der Tirage reifen alle Cuvées neun bis zwölf Monate auf der Feinhefe im Holz. Die zweite Gärung in der Flasche verläuft ungewöhnlich lange. Bald soll für alle Cuvées eine Mindestdauer von fünf Jahre gelten. Zunehmend wird mit Naturkorken („Sous liège“) statt Kronkorken gelagert – für 2027 ist die vollständige Umstellung geplant. Als Dosage (maximal Extra-Brut) kommt rektifizierter Mostkonzentrat zum Einsatz.
Portfolio
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Das Haus besitzt ein bemerkenswertes Portfolio, das nur in Umrissen an das traditionelle Angebot einer klassischen Maison erinnert. Einstieg sind die jahrgangslosen Cuvées ADN (Deutsch: DNA), einmal als Noir sowie als Rosé (beide Extra-Brut). Ersterer ist ein Blanc de Noirs aus hälftig Meunier und Pinot Noir aus dem Marnetal. Seit der Tirage 2020 besteht er komplett aus einer Reserve Perpetuelle von 2015. Auch der Rosé stammt von der Marne. Hier sind es 92 Prozent Jahrgangs-Chardonnay, assembliert mit 8 Prozent rotem Meunier-Stillwein eines älteren Jahrgangs. Perpetuelle Extra-Brut ist sozusagen der ältere Halbbruder des ADN Noir und stammt aus einer beständigen Reserve seit 2008. Hier stammen die Trauben (50%Ch|25%PN|25%PM) aber hälftig von der Marne sowie der Côte des Blanc. Racines (Deutsch: „Wurzeln“) Autre Cru Extra Brut blickt dann als reinsortiger Meunier am deutlichsten in die Familiengeschichte zurück. Hier kommen zu 50 Prozent eines Basisjahrgangs in der gleichen Menge drei Reservejahrgänge hinzu.
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Die Welt der Jahrgangschampagner betritt man eigentlich bereits mit dem Blanc de Blancs Dom. Picard Grand Cru Extra-Brut. Die Homage an den Vater von Caroline Picard besteht aus Chardonnay aus Mesnil-sur-Oger und Oger. Der jeweilige Jahrgang wird nur dezent auf dem Rückenetikett vermerkt. Genauso hält es Merveilles Premier Cru Extra Brut, ein Einzellagen-Rosé aus Vertus. Hier stehen in der Parzelle „Les Terrats“ Pinot Noir und Chardonnay in zwei Blocks (Verhältnis 80:20) gemeinsam. Die Trauben werden am selben Tag geerntet und co-mazeriert. Der extravagante Essentiell Brut nature (50%Ch|25%PN|25%PM) vereint wieder die beiden wesentlichen Herkünfte von Collard-Picard in Nord und Süd und ist dann ausdrücklich ein Vintage. Noch länger reift (unter Naturkorken) Archives Extra-Brut, ebenfalls ein Millésime. Hier vermählen sich 80 Prozent Chardonnay aus Mesnil mit 20 Prozent Pinot Noir aus der Parzelle „Les Oies“ in Reuil. Ältere Jahrgänge dieser Cuvées gibt es im Rahmen des Paketes Synthésie.
Daneben gibt es einen raren reinsortigen, gereiften Meunier-Stillwein aus der Parzelle Les Louves in Binson-et-Orquigny, einen ungewöhnlichen Coteaux Champenois. In diesem Jahr wird er ergänzt durch einen Chardonnay der Lage Les Moissonnères aus Mesnil-sur-Oger. Darüber hinaus ist ein ganzes Füllhorn von neuen Cuvées, darunter auch Einzellagen, in Vorbereitung. Besonders vielversprechend: eine Selektion des besten Fasses eines Jahrgangs, ausschließlich aus Spitzenjahren, die gemeinsam in einer Solera reifen. Letztes Jahr war Tirage, Release nicht unter zehn Jahren Flaschengärung …
Verkostung
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ADN Noir (Tirage3/19|deg.2/25) zeigt sich generös und kraftvoll dank des sonnigen Basisjahrgangs 2018. Mittleres Strohgelb im Glas, bei lebendiger Perlage. Reifer Apfel, Mandarine, Physalis, Trauben, aber auch Honig und Brioche im Bouquet. Dank blockierter Malo balanciert am Gaumen die lebendige Säure die reifen Grundweine aus. Ein sehr schöner Einstieg (90p.). Perpetuelle 13 Années (Tirage3/21|deg.7/24) zeigt sich um einiges heller im Glas. Hier steht die Textur im Vordergrund. Obwohl auch hier die Säure deutlich spürbar ist, wirkt der Wein weicher und weniger von der Spannung geprägt. Von beiden der harmonischere, abgeklärtere, aber auch komplexere Champagner (91p.). Racines (Titage3/18|deg.12/24) zeigt dagegen neben lebhafter Perlage wieder die deutlich vollere Farbe eines Champagners aus roten Trauben. Die Nase ist mit Grammy Smith und etwas Holz zunächst zurückhaltend. Am Gaumen zeigt sich der Champagner aber strahlend und pur: mit prägnanter Säure, sehr fokussiert und mit salzigem Abgang. Ausgesprochen gelungen, ein großer Meunier (93–94p.).
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Merveilles 1er Cru Rosé de Saignée 2017 (Tirage3/18|deg.7/24) ist ausgesprochen individuell. Sehr dunkles Rosé-Rot im Glas, bei wunderschön zarter Perlage. In der Nase rote Beeren, Quitte und Blüten, die sich dann am Gaumen sehr reif zeigen. Der Champagner zeigt eine weiche, fast cremige Textur, sodass er eher an einen Wein als einen Champagner denken lässt. Die Säure ist allerdings sehr niedrig, sodass es etwas an Eleganz mangelt (88p.). Beim Dom. Picard 2020 (Tirage3/21|deg.2/25) ist dann wieder alles am rechten Fleck. Noch sehr jung, mit lebhafter Mousse, verändert sich der Champagner merklich an der Luft. Zunächst Ingwer und Mango im Boquet, später auch Earl-Grey-Tee und Konditorcreme. Die zart cremige Textur mit eingebundener Säure lässt auch hier die Idee eines Weißen Burgunders aufkommen. Aber der ist definitiv auf der frischen Seite, mit hohem Trinkfluss (92-93p.) Ebenfalls mit weiniger Textur zeigt sich der Essentiel 2015 (Tirage5/16|deg.4/25). Sehr feine, aber lebendige Perlage. In der Nase zeigen sich etwas zögerlich Granny-Smith-Apfel, Quitte und etwas Ingwer sowie zarte Holznoten. Am Gaumen vielschichtig und elektrisierend durch eine kraftvolle Säure (93p.).
Anmerkung
Die sechs im Studio fotografierten Cuvées wurden im Dezember 2025 in Berlin verkostet. Das gesamte Portfolio probeweise zuvor auch zur ProWein 2025. Dabei zeigte der preislich anspruchsvolle Archives 2012 auch qualitativ als Top-Cuvée des Sortiments (95p.), mehr hier. Der Coteaux Champenois Les Louves 2015 (der aktuelle Jahrgang!) präsentierte sich dagegen mit ausgesprochen hoher Reife. Um darüber zu urteilen, dafür muss ich mir mehr Zeit nehmen.
Bildrechte
Stefan Pegatzky / Time Tunnel Images





