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Winzer-Crémants von der Loire sind verhältnismäßig selten, zumindest in Deutschland. Das liegt schon an den reinen Zahlen. Neben den 30 großen Kellereien nennt der übergeordnete Dachverband FNPEC gut 600 unabhängige Produzenten in seiner letzten vergleichenden Gesamtübersicht von 2023. Und das bei einer Produktionsfläche für Crémant von 3.018 Hektar und 23 Millionen Flaschen in 2022. Blickt man auf die Konkurrenz, zeigt sich wie wenig das eigentlich ist. So kommt das Elsass, vor der Loire bei den Crémants die Nummer eins in Frankreich, auf 2.350 Produzenten bei insgesamt 3.673 Hektar und 37,6 Millionen Flaschen. Nummer 3 Burgund (2.911 Hektar) zählt immerhin 1.513 Crémant-Produktionsbetriebe. Die fast sieben Mal kleinere Appellation Crémant du Jura zählt mit 415 „Producteurs“ und 173 „Élaborateurs“ (Kellereien) fast so viele wie die Loire. In der Champagne, nur zum Vergleich, waren es 2024 gar 4.100 Produzenten. Allerdings auch bei einer mehr als 10-mal so großen Fläche und Flaschenzahl.
Voraussetzungen: Geschichte und subregionale Verwurzlung

Die Geschichte der Schaumwein-Produktion an der Loire ist – bis auf die jüngste Ausnahme des Hauses Ackerman – weitgehend ungeschrieben. Besonders wenig wissen wir über Anfänge Schaumwein-produzierender Winzer. Zwar ähnelt die Struktur der Produzenten – Négociants, Kooperativen, Winzer – der der Champagne. Die Präsenz der Akteure im Markt und ihr Kräfteverhältnis zueinander ist in den beiden Regionen völlig verschieden. Das liegt auch daran, dass bei den allermeisten Winzern die Schaumweinproduktion bis in die unmittelbare Gegenwart hinein nicht den Haupterwerb darstellte. So gibt es, anders als in der Champagne, nicht das Gegenüber (früher: die Konfrontation) der Branchenverbände. Dort stand seit dem frühen 20. Jahrhundert das Syndicat Général des Vignerons in Opposition zur Union des Maisons de Champagne, bis beide dann 1959 ihren historischen „Frieden“ geschlossen haben. Genauso wenig wie dieses historische Abkommen aber gab es auch an der Loire so etwas wie das, was von ungefähr 1985 an als Winzerchampagner-Revolution bekannt wurde.

Daraus ergibt sich meiner Wahrnehmung nach ein etwas pragmatischerer, weniger weltanschaulicher Ansatz vieler Schaumwein-produzierender Winzer an der Loire. Der aber umgekehrt vielleicht auch im Vergleich zur Champagne nicht so ehrgeizig ist. Zudem sind Winzer-Schaumweine von der Loire historisch stärker in regionalen Unterschieden verwurzelt. Diese ergeben sich durch die jeweiligen Klimata, die Böden und die zugelassenen Rebsorten. Deren Verschiedenheiten sind durchaus markant. Hier sei nur das maritime (Anjou) versus halbkontinentale Klima (Touraine) genannt. Oder die „Terres noires“ des Armorikanischen Massivs und die „Terres blanches“ des Pariser Beckens. Und schließlich findet vom Westen der Appellation bis in den Osten ein gleitender Übergang traditionell angepflanzter Rebsorten statt. Weshalb im Schaumwein von Anjou etwa Gamay oder Cabernet Sauvignon enthalten sein darf, in dem von Vouvray aber überhaupt keine Rotweinrebsorte. Unter dem zumindest von den Rebsorten her gesehen viel liberaleren Dach „Crémant de Loire“ vereinten sich jedenfalls 1975 Winzer mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen.

Domaine du Moulin de l’Horizon

Der Betrieb in Sanziers, einem Ortsteil von Le-Puy-Notre-Dame, liegt ganz im Süden des Saumurois. Er war 1992 von Jacky Clée gegründet worden. Zehn Jahre später hatte sie die aus Arras – also ganz aus dem Norden Frankreichs – stammende Familie Des Grousilliers-Lefort übernommen. Mit weinig landwirtschaftlichem Hintergrund und ohne jede professionelle Weinbaukenntnis, aber immerhin einer zweijährigen Übergangsphase mit dem Vorbesitzer. 2016 erhielten die Néo-Vignerons Unterstützung von ihrem Sohn, der nach einem Weinbaustudium und mehreren Stationen bei Weingütern in der ganzen Welt 2016 zum elterlichen Betrieb hinzustieß. Wenig später stieß auch seine Schwester Justine hinzu. Sie ist heute für Marketing und Kommunikation zuständig, ihr Bruder übernimmt dagegen zunehmend die Verantwortung in den Weinbergen und im Keller. Trotz der gut 20 Jahre an der Loire nennt die Familie ihr Unternehmen immer noch ironisch „Vignerons Ch’ti“ – Letzteres ein Dialektausdruck aus dem Patois, sodass man „Winzer aus der (nordfranzösischen) Bierregion“ übersetzen könnte.
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Moulin D’Horizon verweis auf eine ehemalige Windmühle auf dem nahen Hügel gleichen Namens – mit 118 Meter Höhe die höchste in Saumurois, manche sagen im ganzen Loire-Tal. Trotz dieser Exposition wird der Chardonnay hier mittlerweile zu reif, weswegen sein Anteil zuletzt abgenommen hat. Die Familie legt großen Wert auf umweltschonende und nachhaltige Bewirtschaftung (etwa als Mitglied eines Flaschen-Recycling-Verbundes), geschwefelt wird kaum. Vom Vorbesitzer hat die Familie die Bezeichnung einiger Stillwein-Cuvées übernommen. Ansonsten liegt heute der Schwerpunkt der 32 Hektar großen und gut 150.000 Flaschen produzierenden Betriebs bei den Schaumweinen. Diese bilden gut 80 Prozent der Produktion, wobei die Hälfte davon auf mehrere klassische Cuvées AOP Saumur Mousseux entfällt.
Die andere Hälfte ist Crémant de Loire – derzeit ausschließlich die Cuvée Jean & Jacques Extra-Brut. Er ist technisch ein Blanc de Blancs Vintage (95% Chenin Blanc, 5% Chardonnay), was aber bewusst nicht kommuniziert wird. Vinifiziert wird im Edelstahl, die Hefelagerung dauert etwa 30 Monate. Ich verkoste Jahrgang 2021 sowie den gerade abgefüllten 2022er. Beide zeigen eine bemerkenswert pure Frucht. Letzterer besitzt noch etwas dominierende Hefenoten, aber er ist kraftvoller als sein schlanker Vorgänger. Der wiederum beeindruckt durch seinen salzigen Abgang.
Domaine de Bois Mozé
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Ein geschichtsträchtiger Ort! Einst zum nahen Château Montsabert gehörend, wurde das Anwesen aus dem 17. Jahrhundert 1901 abgetrennt und war seit 1913 ein eigenständiges Weingut. 1996 wurden Odile und René Lancien Eigentümer – als Nachfolger unter anderem der Adelsfamilie d’Aubigné, von denen es die sogenannte „Madame de Maintenon“ immerhin zur Gemahlin Ludwig XIV. schaffte. Bois Mozé liegt nahe Coutures im Anjou – aber die kalkhaltigen Böden entsprechen hier, am westlichen Rand des Pariser Beckens, eher denen von Saumur. 2004 übernahm Mathilde Giraudet die Leitung. Seitdem wird sehr viel Wert auf biologische Bewirtschaftung gelegt (seit 2017 zertifiziert). Gearbeitet wird nach dem Prinzip der Agroforesterie – unterstützt etwa durch die Anpflanzung von Obstbäumen und Trüffeleichen nahe den Reben. Von den 36 Hektar stammen insbesondere weiße (ausschließlich Chenin) und rote (Cabernet Franc) Anjou-AOP-Weine, aber auch restsüße Coteaux de l’Aubance. Darüber hinaus werden auch Pinot Noir, Grolleau Noir und etwas Cabernet Sauvignon angebaut.
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Die Produktion von Schaumwein hat erst mit der Ankunft von Mathilde Giraudet richtig Fahrt aufgenommen. Ihr Anteil an der Produktion liegt bei etwa 30 Prozent, 40 bis 50 Prozent sollen es einmal werden. Abgesehen von einem Pet-Nat sind dies ausschließlich Crémants de Loire – von denen viele nach Großbritannien exportiert werden. „Deutschland“, so Giraudet, „ist für kleine Crémant-Produzenten ein schwieriger Markt“. Den Einstiegsbereich bilden ein weißer Port Blanc (in UK: Brut Tradition) aus 100% Chenin sowie der Rosé Désirée Anne (90% Cabernet Franc, 10% Grolleau Noir). Es sind zugängliche, gut gemachte Schaumweine mit gutem Preis-Leistungs-Verhältnis.
Die beiden Spitzen, Blanc Secret und Rosée Captive, beide Brut Nature, spielen eine Liga höher. Sie werden seit 2018 nicht mehr im Edelstahl, sondern im Holz ausgebaut (1/3 neu). Dazu wendet Giraudet die „méthode anchestrale“ an: Hierbei wird die Gärung durch Kühlung auf 11,5 Grad gestoppt – wodurch etwa 24 Gramm Restzucker erhalten bleiben. Nach sechs Monaten Ausbau im Holz erfolgt die Tirage und Flaschengärung – ohne weiteren Liqueur. Nach gut fünf Jahren erfolgt das Degorgement. Auch hier wird keine Dosage zugefüllt (allerdings verbleiben etwa 4 Gramm natürlicher Zucker). Entsprechend sind die Crémants natürlich Vintages. Ich verkostete 2019 (Blanc: 100 % Chenin) und 2013 (Rosé: 100% kleinbeerige burgundische Pinot-Noir-Klone). Ersterer wies ungewöhnliche Tiefe auf, bei cremiger Textur. Letzterer zeigte, bei reifer, üppiger Frucht, eine erstaunliche Nähe zu einem Rosé-Champagner von der Aube.
Domaine de Gagnebert

Es sind nur ein paar Meter – und doch ist alles anders. Eben waren Mauern und Hauswände noch aus weißem Kalkstein. Nun dominieren grauschwarze Schieferplatten die Dörfer. Es ist nur ein unscheinbarer Hügel, der hier nahe Juigné-sur-Loire das Armorikanische Massiv vom Pariser Becken trennt. Südlich der Loire, nahe Angers, führt das zu vielfältigen Bodenformationen. Die 120 Hektar der Domaine Gagnebert verteilen sich auf viele davon und sie richtet ihre Produktion danach aus. Roter Anjou-Villages Brissac und der süße Coteaux de l‘Aubance stammen etwa vom blauen Schiefer. Die Trauben für den Crémant, der gut ein Drittel der Produktion ausmacht, kommen dagegen von lehmhaltigem Verwitterungsschiefer oder porösen kalkhaltigen Tonböden. Die Domaine von 1884 konzentrierte sich 1950 auf den Weinbau und begann 1978 mit der Flaschenabfüllung. Heute ist sie in der fünften Generation im Besitz der Gründerfamilie Moron. Seit 2000 ist Christophe der Kellermeister, während sein Bruder Nicolas seit 2003 den kaufmännischen Bereich leitet.
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In den letzten Jahren haben die Brüder vermehrt auf Nachhaltigkeit gesetzt. 2020 erhielt der Betrieb das HVE-Label, 2024 ist die Domaine de Gagnebert dem Terra-Vitis-Verband beigetreten. Auch im Keller wurde einiges modernisiert, etwa in moderne pneumatische Pressen, thermo-regulierte Edelstahltanks und ein Tangentialfiltersystem. Bei den Schaumweinen (ausschließlich Crémants) wird jede Form von Oxidation vermieden und Wert auf pure Frucht gelegt, die Malo erfolgt durchgehend.
Den Einstieg in das Gagnebert-Sortiment bildet ein Pärchen. Un des sens (Blanc, wobei der Name ein Wortspiel ist: Indécent bedeutet „unanständig“) und Un sens (Rosé). Beide reifen 12 Monate auf der Hefe und funktionieren jeweils gut über ihre charmante Frucht. Hinsichtlich der Reben sind sie spiegelbildlich. Beim Blanc sind neben Chenin auch Chardonnay und Grolleau Gris im Blend. Beim Rosé sind es neben Cabernet Franc Pinot Noir und Grolleau Noir. Die autochthonen Grolleau-Varianten werden übrigens wegen ihrer relativ hohen Säure bei gleichzeitig niedrigem Alkohol-Potential und zarten Fruchtaromen verwendet. Sens % Chenin – wieder ein Wortspiel für „100 Prozent Chenin“ – ist dagegen reinsortig. Und mit seinen 36 Monaten Hefelagerung, einer Dosage aus Coteaux-de-l’Aubance-Wein und als de-facto-Vintage (von 2021) deutlich ausdrucksstärker und komplexer. Kein Wunder, dass die Moron-Brüder in Zukunft stärker auf höherwertige Jahrgangs-Crémants setzen wollen.
„Cultiver son jardin“ – ein Fazit
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Will man Gemeinsamkeiten dieser drei durchaus verschiedenen Betriebe zusammenfassen, so lassen sich drei wesentliche Punkte benennen. Bei allen ist ein hoher Einsatz für eine umweltschonende und nachhaltige Produktion spürbar, der über bloße Zertifizierungen hinausweist. Sei es bei Moulin de L’Horizon die Kooperation mit dem Flaschenrecycler Bou’à Bout, die von Bois Mozé Vogelschutzliga LPO zur Erhöhung der Biodiversität oder bei Gagnebert mit Forschungsinstitut Institut Français de la Vigne et du Vin (IFV). Bei allen drei Weingütern, ob Neo-Vigneron oder alteingesessene Domäne, ist zudem die Verwurzelung in die weinbaulichen Traditionen der mittleren Loire stark ausgeprägt. Das zeigt sich insbesondere in der Rebsortenwahl und der deutlichen Konzentration auf den Chenin Blanc. So ließe sich die Betriebsphilosophie aller drei Betriebe als ein Voltairesches „cultiver son jardin“ verstehen. Sie verlieren sich nicht in Spekulationen über „die beste alle möglichen Welten“, sondern bestellen im besten, modernen Sinne „ihren Garten“.
Dabei wachsen, um im Bild zu bleiben, die Bäume nicht in den Himmel. Alle hier vorgestellten Winzer teilen in wirtschaftlicher Hinsicht einen pragmatischen Realismus. So kostet – trotz guter Bewertungen etwa im „Decanter“ oder der „Revue du vin de France“ – keiner der hier verkosteten Weine mehr als 20 Euro. Das ist für Schaumwein-Liebhaber natürlich eine gute Nachricht – aber für die gebotene Qualität (und den Aufwand der Erzeuger) bei den Top-Cuvées zu wenig.
Bildrechte
Stefan Pegatzky / Time Tunnel Images





