Man kann jungen Sommeliers heute kaum vermitteln, welche Bedeutung roter Bordeaux einmal in der Weinwelt besaß. Noch 2001, als die Londoner Weinhandelsplattform Liv-ex den globalen Fine-Wine-100-Preisindex einführte, betrug dessen Anteil am Handel 92 Prozent. Aktuell liegt er bei etwa 35,5 Prozent. Heute wird zudem der Bordelaiser En-Primeur-Markt vor allem durch Krisengerede bestimmt und haben junge Bordeaux-Weine im Handel zu kämpfen. Dennoch erleben, wie etwa der „Robb Report“ meldete, die gereiften Weine der Region einen Boom auf dem Auktionsmarkt. Das hat natürlich einen Grund, genauer gesagt, gleich mehrere. Ihr im Verhältnis zu Jungweinen niedriger Preis. Ein hoher Grad an „Genusssicherheit“ samt einer unnachahmlichen Stilistik. Und schließlich ihre relativ gute Verfügbarkeit und ihre enorme Lagerfähigkeit.
Das frühe Verdikt der Kritiker

Mich selber hat kurz nach dem Abitur ein 1982er Château Calon-Ségur für Bordeaux-Weine entflammt. Der erste Jahrgang, den ich bewusst in der Breite verkostet habe und von dem ich mein erstes breiteres Sortiment klassifizierter Gewächse erworben habe, war 1986. Zu diese Zeit gab es für mich bereits zwei Quellen, nach denen ich mich richtete. Robert Parkers „Wine Advocate“ und das deutsche Magazin „Alles über Wein“. Dort hatte 1983 ein junger Journalist als erster Deutscher damit begonnen, Verkostungsnotizen der Bordelaiser En-Primeur-Woche zu publizieren. Einige Jahre später galt er bereits als „deutscher Robert Parker“: Armin Diel – der spätere prominente Weingutsbesitzer und „Deutschlands oberster Weinkritiker“ (FAZ). Nach einem für den deutschen Weinbau wohl beispiellosen Lebensweg veranstaltet er heute neben Weinreisen vor allem hoch- und höchstkarätige Raritätenverkostungen. Seine Einladung an mich für die Teilnahme an diesem Event war die einmalige Gelegenheit, Bekanntschaft mit einem Jahrgang zu machen, den ich aufgrund meiner Jugend versäumt hatte.
Wie die Zeit vergeht: Wir blicken nach 40 Jahren Abstand heute auf 1985, wie dieses Jahr seinerzeit auf die 1945er!
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1985 war ein Jahrgang mit idealen Lesebedingungen und guter Erntemenge. „Nur Pechvögel oder Pfuscher vermasselten ihren 1855er“, schrieb Michael Broadbent. Während ihn der britische Weinkritiker zum besten Jahrgang der Achtzigerjahre kürte, waren andere vorsichtiger. An der Spitze Robert Parker. Zwar sparte auch der nicht an Lob, aber er verteilte auch Spitzen wie „erstaunlich entfaltet“ und „verführerisch ansprechend“. Verglichen mit den 1982ern und 1986ern hätten sie nicht deren „Konsistenz, Wucht oder Konzentration“. Der Hinweis auf die frühe Trinkbarkeit und die Unnahbarkeit des Folgejahrgangs führte dazu, dass die Weine rasch konsumiert wurden. Nach 20 Jahren schienen sich dann einige Weine schon zu verabschieden. So verschwanden die Weine aus den Kellern und wurden Verkostungen immer seltener. Von kaum einen der Weine findet sich eine jüngere Notiz im „Wine Advocate“ als 2016! Inzwischen aber macht unter Sammlern das Wort vom „neuen Plateau“ oder der „zweiten Karriere“ der 1985er die Runde.
Flight 1: Cantemerle, La Lagune, Talbot (Magnum), Branaire-Ducru (Magnum), Beychevelle
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Der erste Flight versammelte die beiden einzigen Crus Classés aus dem Haut-Médoc sowie das erste der beiden Saint-Julien-Trio. Château Cantermerle setzte gleich ein Ausrufezeichen. Rubinrot, mit ziegelroten Reflexen im Glas stand deutlich ein reifer Wein vor uns. Gereift, aber intakt auch das Bouquet mit Pflaume, Orangenzeste, Leder und Zedernholz. Am Gaumen klassisch, mit integrierter Säure, etwas trocknenden Tanninen und etwas kurzem Abgang (91p.). Mit dichterem Rot zeigte sich La Lagune, der insgesamt aber deutlich gezehrter war. In der Nase mit etwas Rauch und Leder, aber fast ohne Primärfrucht. Eigentlich ein schönes Mundgefühl, aber zu hohe Säure (87p.). Château Talbot beginnt zunächst sehr zurückhaltend. Dann folgt etwas undeutliche Fruchtaromatik und leicht vegetabile Noten. Am Gaumen mit einer gewissen Dichte, etwas Wärme und einer gewissen Süße. Aber auch hier fehlt etwas die Länge, und nach einiger Zeit wird eine leicht metallische Härte wahrnehmbar (89p.).
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Eine interessante Rot-Schattierung, die bis in Richtung Cola reicht, zeigt Château Branaire (Duluc-Ducru). Hier finden sich noch süße, rote Früchte und etwas Plätzchenteig in der Nase. Was an den „vordergründigen Charme und das Make-up“ erinnert, von dem Robert Parker 1990 gesprochen hatte. Am Gaumen wird man daran erinnert, dass der Wein schon im Seniorenstadium ist, aber er ist abgeklärt und derzeit gut zu trinken (89p.). Mit Château Beychevelle stand dann der erste Höhepunkt auf dem Tisch. Immer noch ist prominent Cassis in der Nase spürbar, aber auch Gewürzbox und etwas Holz. Sehr klassisches Mundgefühl mit großem, komplexem Bogen. Aromatische, „warme“ Fruchtsüße im Abgang. Ein Wein, der „singt“ (94p.). Die Probe bestätigt den hervorragenden Eindruck, den ich mit gereiften Beychevelles (wie etwa einem ausgezeichneten 1966er) gemacht habe. Aber auch die aktuellen Jahrgänge, wie ich bei einer Vertikalen (bis 2003) mit Gutsdirektor Philippe Blanc jüngst in Berlin erfahren durfte, sind in Bestform.
Flight 2: Ducru-Beaucaillou, Léoville-Poyferré, Gruaud-Larose, Montrose, Cos d’Estournel
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Mit schnellen Schritten ging es Richtung Schwergewichte. Und das hieß 2èmes Grands Crus Classés – und die fingen gleich mit einem an, den man damals als „Super-séconds“ tituliert hat. Weil der sich eben nach Meinung einiger Kritiker auf dem Niveau der Premiers Crus befunden und eine Aufwertung verdient hätte. Eine Diskussion, die interessanterweise (am linken Ufer zumindest) heute kaum jemand mehr führt. Leider bewahrheitete sich die Befürchtung, dass Château Ducru-Beaucaillou von Korkproblemen befallen sein könnte. Eigentümer Bruno Borie hatte mir bei einem Besuch vor Ort von der damaligen dramatischen Totalsanierung des Kellers erzählt. Jedenfalls war die Nase schwierig, mit spürbarem TCA. Auch die Struktur war nicht intakt, mit hartem, unschönen Mundgefühl (ohne Wertung). In einer Übergangsphase präsentierte sich dagegen Château Léoville-Poyferré. Klassische Tertiäraromatik in der Nase. Vielleicht ohne ganz präzise Kontur und etwas zurückhaltend, aber doch ernsthaft. Auch am Gaumen noch gut intakt, bei etwas niedriger Säure, aber spürbaren Reserven (90p.).
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Mit Château Gruaud Larose folgte der letzte Wein aus St. Julien. Das Folgejahr 1986 sollte einen spektakulären Wein ergeben, aber auch 1985 zeigte sich in sehr guter Form. Süß und beinahe hedonistisch in der Nase. Am Gaumen dagegen mit ausgefeilter Struktur, guter Frische und langem Abgang (92p.). Es folgten zwei Weine aus Saint-Estèphe. Leider schwächelte auch Château Montrose. Das Weingut war 1985 noch weit entfernt von der Form, die mit dem monumentalen 1990er einsetzte. Auch hier gab es leisen Korkverdacht. In der Nase jedenfalls dezent auch etwas Sauerkirsche und Unterholz. Schwierig im Mund, wo der Wein nach einem passablen Auftakt abrupt am mittleren Gaumen abbricht (87p.). Deutlich besser, aber nicht groß, präsentierte sich Château Cos d’Estournel. Der Wein benötigte viel Luft, bevor er saftige Frucht und Five-Spices-Gewürze, aber auch einen Hauch Liebstöckel präsentierte. Am Gaumen die typische, holzgeprägte Wucht eines Cos mit präsenter Säure. Diese Stilistik muss man mögen (90p.).
Flight 3: Duhart-Milon-Rothschild, Pichon Comtesse, Palmer, Rausan-Ségla, Margaux (Magnum)
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Der Flight versammelte die beiden ersten Grands Crus aus Pauillac sowie die drei Vertreter aus der Gemeinde Margaux. Château Duhart-Milon-Rothschild, ein 4ème Cru, wird gelegentlich als eine Art Zweitwein von Lafite angesehen. Mit dem teilt es zwar den Weinmacher. Aber es besitzt ein völlig eigenes Terroir um das Örtchen Milon westlich von Château Lafite. Der 1985er jedenfalls zeigte einen eigenwilligen aromatischen Spagat zwischen Veilchen, Sanddorn, Heu und Kuhstall. Der Körper wirkte schlank und lebendig, bei recht kraftvoller Säure und etwas harten, trocknenden Tanninen. Benötigt unbedingt eine Speisebegleitung (88p.). Château Pichon Longueville Comtesse de Lalande war dann einer der Höhepunkte des gesamten Abends. Sehr klassisch mit Cassis, Graphit, Leder und Zedernholz in der Nase. Am Gaumen mit einer wunderbaren Textur, in der feingeschliffene Tannine, Säure und Fruchtwürze bestens ausbalanciert waren. Vielschichtig, mit großer Länge, wow (96p.)! Bemerkenswert, dass der Wein einen für Pauillac sehr hohen Anteil von 30 Prozent Merlot hat.
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Bei den Margaux machte Château Palmer den Auftakt. Der zeigte ebenfalls ein klassisches Bouquet, das aber etwas mehr in Richtung Kräuterwürze tendierte. Auch am Gaumen war alles „comme il faut“, aber insgesamt eigentümlich matt. Feine Tannine, gute Säure, aber lediglich passable Komplexität und keine große Länge. Kein großer Palmer (92p.). Der 2ième Cru Château Rausan-Ségla war dagegen schwieriger zu beurteilen. Eine recht feine Nase, in der aber eine prominente Rost- oder Blut-Aromatik störte. Auch im Mund wirkte der Weine wenig harmonisch, mit einer eigenartigen süß-sauren Note, die auf eine fehlerhafte Flaschenentwicklung hindeutete (87p.). Premier Cru Château Margaux in der Magnum präsentierte sich in prächtigem, dichtem Granatrot und war spürbar dankbar für möglichst viel Sauerstoffzufuhr. Schöne, noch etwas strenge Architektur, mit hoher Säure und lebendigen Tanninen (94p.). Der Wein war einer der ersten Margaux-Jahrgänge nach der Wiedergeburt unter der Mentzelopoulos-Familie. In der Magnum zeigt er heute noch nicht sein volles Potenzial.
Flight 4: Lafite-Rothschild (Magnum), Mouton-Rothschild, Latour, Domaine de Chevalier, Haut-Brion
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Mit den drei Pauillac-Premiers-Crus beginnt die Königsklasse. Auch Château Lafite-Rothschild zeigt sich in der Magnum noch etwas unnahbar. Jedenfalls zeigt er von allen Weinen den wohl pursten Cabernet-Sauvignon-Ausdruck, schon im Bouquet mit viel Grafit und Zeder. Wegen der hohen Säure und den immer noch etwas rauen Tanninen bleibt der Ausdruck merkwürdig karg und etwas unharmonisch (93p.). Der dunkle Kern des Château Mouton-Rothschild weist auf den Ausbau in 100 Prozent Neuholz hin. Leider keine perfekte Flasche: Trotz süßer Gewürznoten zeigt sich die Nase etwas krautig-gestört. Am Gaumen mittelgewichtig und ohne den Druck und die Vielschichtigkeit eines großen Mouton (91p.). Es folgte ein majestätischer Château Latour, der sich sprichwörtlich wie die Eisenfaust im Samthandschuh präsentierte. Noch immer mit etwas Espresso und Vanille im Bouquet, am Gaumen sehr strukturiert und mit großer Länge (96p.). Das zeigt, wie schwierig es ist, Latour jung einzuschätzen. Neal Martin schrieb noch 2016: „Ein Latour, der sich damit begnügt, das Minimum zu liefern“ – und gab 88 Punkte.
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Es folgten zwei Weine aus den Graves. Domaine de Chevalier zeigte sich sehr stimmig, mit einer feinen, süßen und Nase mit Pflaumen- und Cassis-Noten. Ein Tick Likör deutete auf etwas Überreife. Am Gaumen nicht allzu konzentriert, aber saftig, trinkig und dennoch elegant (92p.). Dann hatte der in meinen Augen größte Wein seinen Auftritt: Château Haut Brion (1985 noch ohne Bindestrich). Beim vielleicht raffiniertesten und komplexesten Wein der Probe war der Merlot-Anteil mit 45 Prozent ungewöhnlich hoch. Dazu kamen 44 Prozent Cabernet Sauvignon, 9 Prozent Cabernet Franc und ein Rest Petit Verdot. Ein Taschentuch-Wein, wie man in Andalusien sagt, mit klassischen Zeder- und Cassisaromen, aber auch zarten floralen Noten. Dazu eine seidige Textur, die den ganzen Gaumen ausfüllt. Der Wein geht nicht über die Kraft – und ist insofern das Gegenstück zum Latour. Für einen Moment entführte einen der Wein in den Rokoko-Zauber von Versailles (97p).
Flight 5: Angélus (Magnum), Figeac, Petit Village, Le Pin (Magnum), Pétrus (Magnum)
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Château Angelus in der Magnum stand leider auch unter leisem Korkverdacht. Zwar zeigte das Bouquet eine schöne Heidelbeer-Anmutung, aber auch eine Idee von TCA. Anders als beim Ducru-Beaucaillou war die Struktur nicht beschädigt und der Wein hatte eine gewisse Konsistenz und Süße, aber es fehlten Eleganz und Tiefe (91p.). Château Figeac zeigte sich fast Rosé-artig hell und transparent im Glas. In der Nase reif, mit der Anmutung von Unterholz und Paprika, aber auch etwas unsauber. Der Körper war etwas gezehrt, aber noch intakt, mit passabler Dichte und Komplexität (91p.). Der erste Pomerol des Abends, Château Petit Village, war gleich eine große Überraschung. Im Bouquet verführerische Noten von Schokolade, Kaffee und Toffee, aber auch etwas wild mit Kräutern und einem Tick Gemüse. Am Gaumen zeigt der Wein viel Druck und eine beeindruckende Länge (94p.). Für Armin Diel – und da schließe ich mich an – die „größte Überraschung der Probe!“
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Es folgten zwei Pomerol-Titanen, zumal in der Magnum, die aus dieser großen Probe eine regelrechte Sternstunde machten. Château Le Pin war erst 1979 gegründet worden und produzierte gerade einmal 600 Kisten. Glücklicherweise war der Gastgeber des Abends der Entdecker dieses Weingut in Deutschland – und so stand Le Pin 1985 in der Magnum vor uns. Es war tatsächlich ein traumhaft schöner, hedonistischer Wein, mit surreal schönem Fruchtparfüm bei überraschend durchsichtiger Farbe. Armin sah ihn an der Spitze der Verkostung. Ich war wegen der etwas schlanken Struktur am Gaumen etwas konservativer (96p.). Pétrus zeigte sich dichter im Glas, mit merklichen Kaffee- und Tabaknoten. Schöne Dichte und eine gewisse Wärme bei noch jugendlich wirkenden Tanninen. Pétrus 1985 hat bei den Kritikern immer für Diskussionen gesorgt. Michael Broadbent fand ihn „virtually perfect“– was Robert Parker mit deutlichem Unverständnis quittierte: „increasingly disappointing“. Zumindest hinsichtlich dieser Flasche stehe ich in der Mitte (94p.).
Post Scriptum und Fazit
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Nur gut einen Monat später war ich im Berliner KaDeWe Moderator eines Bordeaux Rarities Tasting mit dem Thema „Die großen 5er-Jahrgänge“. Neben 1955, 1975, 1995, 2005 und 2015 wurden natürlich auch Weine des 1985er-Jahrgangs verkostet. Weil sie Armins Diels Raritätenverkostung im Golfhotel Stromberg ergänzen, möchte ich meine Eindrücke hier anfügen. Sehr schön präsentierte sich Château Trotte Vieille, eine Flasche direkt aus dem Bestand des traditionsreichen Bordeaux-Handelshaus Borie-Manoux, seinem Besitzer. Überraschend jugendlich, sowohl in der Farbe wie in der Nase, fein gereift, mit mittlerer Komplexität, aber schönem Trinkfluss. Wurde etwas von einem überragenden 1955er aus dem gleichen Haus überstrahlt, war aber eine schöne Überraschung (93p.). Richtige Klasse zeigte dann Château Lynch-Bages 1985. Der Wein galt schon immer als einer der Spitzenweine des Jahrgangs. Auch an diesem Abend zeigte er eine sinnlich-expressive Fruchtwürze, die ihn unwiderstehlich macht (95p.).
Was kann man also abschließend zu 1985 sagen? Sicherlich lässt sich festhalten, dass sich viele Weine deutlich über ihren ursprünglich prognostizierten Genussreife-Horizont hinaus entwickelt haben. Allerdings nicht alle. Bei etwa fünf der 27 Weinen würde ich urteilen, dass sie ihren Höhepunkt deutlich überschritten haben. Etwa bei weiteren fünf würde ich sagen, dass man als Verkoster eine gewisse Altwein-Erfahrung benötigt, um ungetrübtes Vergnügen zu empfinden. Fünf Weine (Pichon-Comtesse, Latour, Haut-Brion, Le Pin, Lynch-Bages) präsentierten sich denkwürdig. Die ursprüngliche Diagnose – ein guter, aber kein großer Jahrgang – hat aber auch diese Verkostung nicht revidiert.
Bildrechte:
Stefan Pegatzky / Time Tunnel Images
