Zeitenwende auf Château Margaux

Endes des Jahres wird Generaldirektor Philippe Bascaules Château Margaux verlassen. Er kam 1990 zum Premier Cru, um an der Seite des legendären Paul Pontallier zu arbeiten. Bascaules wurde nach einer Station auf Inglenook im Napa Valley 2017 zum Gutsdirektor ernannt, sein Abgang markiert das Ende einer Ära. Aus diesem Anlass druckt Sur-la-pointe noch einmal eine Reportage vom Beginn der Amtszeit von Philippe Bascaules nach.
04/06/2026
11 Minuten Lesezeit

Majestätisch thront es wie ein Architektur gewordener Traum am Ende einer uralten Platanenallee: Château Margaux ist für Weinliebhaber in aller Welt die Inkarnation französischen Weinbaus schlechthin. Doch dieses Idealbild überdeckt, welche bedeutende Rolle das Gut in der Weingeschichte tatsächlich einnimmt und welchen heftigen Turbulenzen es unterworfen war. Nach dem Tod von Paul Pontallier im März 2016 hat mit Philippe Bascaules nun ein neues Kapitel auf Château Margaux begonnen.

Verpflichtungen aus der Geschichte

Was für wunderbare Aussichten: der Blick vom Weingut Richtung Gironde, von der Kelterhalle über den englischen Garten und natürlich der entlang des alten Königswegs, des „Chemin royale“, zum Schloss selbst. Sehnsuchtsbilder wie aus dem 18. Jahrhundert. Und doch muss man sich an einigen Stellen nur umdrehen, um wieder im 21. Jahrhundert anzukommen, etwa in der neuen, von Norman Foster entworfenen Cuverie. Denn Vergangenheit und Gegenwart schließen sich auf Château Margaux nicht aus, sondern bleiben immer aufeinander bezogen. So wie die ultramoderne, chromglitzernde Kelterhalle sich von außen ganz in die Architektur der alten Wirtschaftsgebäude einfügt und die Form der traditionellen südfranzösischen Markthallen zitiert.

Geschichte kann eine Last sein, auch für Weingüter. Château Margaux, das sich aus einer befestigten Anlage namens La „Mothe de Margaux“ aus dem 12. Jahrhundert entwickelt hat und wo Wein bereits seit dem 15. Jahrhundert angebaut wurde, bezieht aus ihr einen Gutteil seiner Autorität. Das gilt weniger für die Ereignisgeschichte und die oftmals turbulente Abfolge seiner Besitzer. Sicher gab es prominente Namen darunter und manche haben in der Region noch immer einen guten Klang. Seinen Platz unter den großen Weingütern der Welt aber hat sich Château Margaux durch die Fülle an Innovationen erarbeitet, die von hier aus die Weinwelt geprägt haben.

Avantgarde im Médoc

Das beginnt bereits mit der Anlage der Weinberge zwischen 1572 und 1582 durch Pierre de Lestonnac. Gegen den Trend zur Getreidewirtschaft kaufte der damalige Besitzer systematisch Landstücke auf und formte einen fast geschlossenen Weinbergsbesitz, der die späteren Flächenarrondierungen im Médoc vorwegnehmen sollte. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts hatte der Grundbesitz von Château Margaux 265 Hektar erreicht, davon ein Drittel mit Reben bestockt, ein Drittel Wald und ein Drittel Weideland – nahezu identisch mit den Verhältnissen von heute. Zu dieser Zeit wurde mit großem Erfolg damit begonnen, statt des traditionellen hellen und leichten „Claret“ durch Mazeration der Traubenhäute und Ausbau im kleinen Eichenholzfass einen Wein mit tieferer Farbe und längerem Leben zu produzieren. Als die nachfolgenden Besitzer, die Familie d’Aulède, die Hälfte von Château Haut-Brion erbt, folgten sie dessen Beispiel, den Wein mit seiner genauen Herkunft zu kennzeichnen. Die erste Erwähnung über eine Versteigerung von „Margose“ findet sich in einem Heft der London Gazette von 1705.

Es wird oft vergessen, dass die Weingüter, die 1855 in der großen Klassifizierung der Grands Cru Classés als Premier Crus an die Spitze der Qualitätspyramide gesetzt werden sollten, auch historisch die Ersten waren. So bestimmten zu Beginn des 18. Jahrhunderts vier Weine den Markt, wobei die von Château Lafite und Château Latour dem Marquis de Ségur, die von Château Haut-Brion und Château Margaux dem Marquis d’Aulède gehörten, dessen Familie in die der Lestonnacs eingeheiratet hatte. Unter diesen „quatre premier clarets“ stand Château Margaux in diesen Jahren mit an der Spitze, vor allem dank seines Gutsverwalters, eines gewissen Berlon, der durch seine innovativen Methoden zum „Dom Pérignon des Bordelais“ wurde: Weiße und rote Trauben baute er getrennt an und aus. Reserve-Weine enthielten nur noch Rotweintrauben– bis dahin galt eine Zugabe von 10 Prozent Weißweintrauben als üblich, zudem werden sie aus den besten Parzellen selektioniert.

Auch die Egalisierung der Qualitäten der einzelnen Parzellen durch das Blending wurde in diesen Jahren eingeführt, um der Forderung des Weinhandels nach einer einheitlichen Qualität nachzukommen. Modern im eigentlichen Sinne war diese Weinzubereitung „selon les habitudes de Berlon“, wie es allgemein heißt: nach den Methoden von Berlon, aber noch nicht. Erst der spätere Besitzer Joseph de Fumel wird in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts den Weinbau auf Château Margaux so weit reformieren, dass auch die unterschiedlichen Rebsorten sowie die Qualität der Rebensetzlinge und das Alter der Reben berücksichtigt wurden – was nicht zuletzt den großen Beifall des Weinliebhabers und späteren Präsidenten der USA, Thomas Jefferson, finden sollte.

Eine architektonische Ikone

Zur Ikone wird Château Margaux dann aber durch den Neuentwurf des Schlosses zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Der neue Besitzer, der baskische Geschäftsmann Bertrand Douat, der den Titel eines Marquis de la Colonilla gekauft hatte und für Weinbau keinerlei Interesse zeigte, benötigte eine „standesgemäße“ Repräsentation. So ließ er das alte Schloss – das in seiner Anlage dem heute noch existierenden Château Beychevelle ähnlich war – abreißen und durch ein von Louis Combes aus Bordeaux in wenigen Jahren errichtetes neoklassizistisches Herrenhaus ersetzen, das im ganzen Médoc seinesgleichen suchte. Ein Glücksfall, denn Combes hatte seinen Stil während eines mehrjährigen Aufenthalts in Rom ausgebildet. Sein ästhetisches Programm fasste er in dem Satz zusammen, wonach Vollkommenheit auf drei Prinzipien beruhe: „Einheit, Einfachheit, Angemessenheit.“ So entstand das moderne Château Margaux zwar als Statussymbol eines neureichen Aufsteigers, aber doch als eines, dessen Ausstrahlung von Klassizität und Eleganz auch dem innerhalb seiner Grenzen wachsenden Wein einen unleugbaren Anspruch vorgab.

Die Kontinuität der Verwalter

Um dessen Qualität kümmerten sich freilich im 19. und frühen 20. Jahrhundert, in denen Cabernet Sauvignon allmählich zur Leitrebe aufsteigen und das Gut mit viel Mühe die Reblauskrise und Mehltau-Epidemien überstehen sollte, weniger die wechselnden Besitzer als vor allem Verwalter und Kellermeister. Unter Gutsdirektor Pierre Moreau wurde um 1900 ein großer Teil der Weinberge neu angelegt – und weil die jungen Reben stark im Ertrag waren, wurde 1908 der seit langer Zeit produzierte Zweitwein zum ersten Mal unter dem Namen „Pavillon Rouge du Château Margaux“ verkauft, zwölf Jahre später folgte dann eine separate Abfüllung des seit dem 17. Jahrhunderts erzeugten Weißweins unter dem Namen „Pavillon Blanc du Château Margaux“.

1921 übernahm schließlich ein Unternehmenskonsortium den Besitz und wandelte ihn in eine Aktiengesellschaft um. Von nun an „gewinnt Château Margaux an wirtschaftlicher Bedeutung, was es an gesellschaftlichem Glanz verliert“ (Nicholas Faith). 1924 setzte das Schloss weitgehend den Flaschenabzug durch, das „Mise en bouteilles au Château“, nachdem das Weingut, wie alle anderen der Region, die Qualitätskontrolle über ihre Ware fast gänzlich an die Zwischenhändler verloren hatte. Dann aber folgten die Dreißigerjahre mit desaströsen Jahrgängen und einer fatalen Wirtschaftskrise. Viele Errungenschaften der letzten Jahrzehnte wie die Erzeugerabfüllung mussten auf Château Margaux aufgegeben werden und der „Société vinicole de Château Margaux“ ging finanziell allmählich die Luft aus.

Krise und Neubeginn

Große Krisen aber eröffnen große Chancen. Der Kaufmann Fernand Ginestet hatte 1897 das Weinhandelshaus „Ginestet & Co.“ am legendären Quai de Bacalan in Bordeaux gegründet und nach einigem Erfolg seit 1917 begonnen, Weingüter wie etwa Château Cos d’Estournel zu kaufen. 1921 gehörte er zu den frühen Miteignern des Konsortiums, das Château Margaux übernommen hatte. Aber erst 1935 begann er, sukzessive seine Anteile an der Aktiengesellschaft zu erhöhen, bis seine Familie 1950 schließlich im Alleinbesitz des Weingutes war.

Unter der Ägide seines Sohnes Pierre gelang zunächst ein verheißungsvoller Start. Die Weinberge wurden neu angelegt, es wurden hervorragende Parzellen von anderen Weingütern eingetauscht und vor allem wurde wieder deutlicher zwischen dem „Grand Vin“ und schwächeren Partien unterschieden. Seit 1950 wurde die komplette Produktion von Château Margaux direkt ab Schloss in Flaschen verkauft. Das spätere Scheitern, so Nicholas Faith, der Autor der maßgeblichen Monografie über Château Margaux, habe die Verdienste der Familie Ginestet um das Renommee des Weinguts überdeckt. Auch Hubert Duijker notierte: „Der Margaux aus dieser Zeit war der Gipfelpunkt der Finesse; kein anderer Bordeaux erreicht ihn hinsichtlich der Delikatesse. Er erinnert an zarte Blüten, zerbrechliches Porzellan, weichen Samt oder den feinen Klang des Spinetts.“

Gewitterwolken über Château Margaux

Doch schon in den 1960er-Jahren zogen wieder Gewitterwolken über Château Margaux auf. Die zeitweise unorthodoxen Vermarktungsmethoden des Hauses Ginestet zogen den Zorn der Konkurrenz auf sich. Als Partien schwächerer Jahrgänge geblendet und als jahrgangsloser Wein vermarktet wurde, war gar von Skandal die Rede. Die Wirtschaftskrise der Siebzigerjahre erwischte das Unternehmen dann mit voller Wucht. Wieder stand Château Margaux zum Verkauf, und nach gescheiterten Übernahmeversuchen durch Cognacproduzent Rémy Martin sowie den US-amerikanischen Konzern National Distillers wurde das Weingut schließlich 1977 an Félix Potin, eine Pariser Kette von Lebensmittelläden, verkauft.

Quel scandale! Denn deren Eigentümer war der griechisch-stämmige Unternehmer André Mentzelopoulos. Was danach folgte – die durch ihn begonnene und unter Führung seiner Tochter Corinne und des Gutsdirektors Paul Pontallier vollendete Renaissance von Château Margaux – bildet heute eines der herausragenden Kapitel in der französischen Weinbaugeschichte.  Mit erheblichem Aufwand wurden ganze Weinberge komplett neu angepflanzt und die Entwässerung besonderer Parzellen durch den Einsatz spezieller Tonröhren optimiert. Der Keller wurde modernisiert, neue große Holzbottiche zur Fermentation der Rotweine wurden angeschafft und der Weißwein getrennt im voll klimatisierten und zum Gut gehörenden Château Abel-Laurent ausgebaut. Für die Sensorik war nun der legendäre Önologe Professor Émile Peynaud von der Universität Bordeaux zuständig. So erlebte nicht nur der „Grand Vin“, sondern auch der „Pavillon Blanc“ und, durch strikte Selektion, der „Pavillon Rouge“ eine Auferstehung. Bereits der Jahrgang 1978 bedeutete den Durchbruch.

Renaissance eines Premier Cru

Ende 1980 verstarb André Mentzelopoulos und Gerüchte über einen erneuten Verkauf machten die Runde. Unverhofft aber stellte sich insbesondere Tochter Corinne dem Erbe des Vaters. Der geplante unterirdische Keller, der erste seiner Art im Médoc, wurde 1982 unter großem Aufwand realisiert. 1983 ergänzte der 27-jährige promovierte Önologe Paul Pontallier das Team. Gemeinsam bildeten er und Corinne Mentzelopoulos ein veritables Dream Team, der „Wine Spectator“ widmete den beiden 1985 sein Cover und nannte sie die „jungen Dynamos von Margaux“. 1990 wurde Pontallier zum Gutsdirektor ernannt. Nun verschärfte er unaufhörlich die Kriterien für die einzelnen Qualitäten. Ab 1997 wurden schwächere Partien anonym als Fassware abgegeben, ab 2009 ein Drittwein „Margaux de Margaux“ geschaffen, der in ausgesuchten Märkten für um die 100 Euro in Restaurants angeboten werden soll. Die Reihe der legendären Weine, die unter Pontalliers Regie entstand, ist nicht an einer Hand abzuzählen: 1990, 1996, 2000, 2005, 2009, 2010 … 2015 schließlich wurde sein Vermächtnis. Paul Pontallier starb unmittelbar vor der Präsentation der Primeur-Weine am 28. März 2016.

Wenn man mit Philippe Bascaules durch die unterschiedlichen Weinberge des Gutes fährt, weiß man sofort, warum sich Corinne Mentzelopoulos für ihn als Nachfolger von Paul Pontallier entschieden hat. Zum einen steht Bascaules für Kontinuität, kennt er doch Château Margaux seit 1990, als er als Betriebsdirektor zur Unterstützung von Paul Pontallier eingestellt worden war. Zehn Jahre, so heißt es, habe Pontallier gebraucht, um zu verstehen, welche Parzelle welchen Wein produziert. Diese Zeit hat Bascaules längst hinter sich und so liegen die einzelnen Lagen vor ihm wie ein offenes Buch: die etwas fetteren, frostgefährdeten in Flussnähe ebenso wie die erstklassigen kiesigen Hanglagen wie der „Puch sem Peyre“ oder „Cap-de-Haut“, der wie ein burgundischer Clos von Mauern umgeben ist, die wohl älter sind als das Weingut selbst, und der für viele das Herz von Château Margaux bildet.

Kontinuität und Neubeginn: Philippe Bascaules

Philippe Bascaules © Francois Poincet

Aber Bascaules, der aus dem benachbarten Department Landes im Südwesten Frankreichs stammt und wie Pontallier an der Universität von Montpellier ausgebildet wurde, blickt auf Château Margaux nicht nur mit dem Blick des Einheimischen. Zwischen 2011 und Februar 2017 leitete er das Kultweingut Inglenook von Francis Ford Coppola als Gutsdirektor im Napa Valley [vgl. meine Reoprtage in FINE 3/2016]. Der legendäre Hollywoodregisseur hatte Bascaules ein Angebot gemacht, das er nicht ablehnen konnte, aller Verbundenheit zu Margaux zum Trotz. Nicht nur für Inglenook, auch für Bascaules waren diese Jahre eine Phase intensiven Lernens, ein permanentes Infragestellen seines scheinbar sakrosankten französischen Weinwissens. „Nichts“, sagt er heute, „kann so gefährlich sein, wie übermäßiges Selbstvertrauen – in jeder Hinsicht.“ Als ihn Corinne Mentzelopoulos wieder zurückholte (nicht völlig allerdings, der Franzose behält seinen Posten auf Inglenook und wird jedes Jahr sechs Wochen vor Ort sein), blickte Bascaules auf Château Margaux mit neuen Augen.

„Für uns“, so sagt er heute, „gibt es keine guten oder schlechten Böden. Wir müssen uns vielmehr fragen: Was genau trägt jede Parzelle zum Stil von Château Margaux bei? Dabei müssen wir mehr und mehr analysieren, um das optimale Ergebnis zu erzielen: Welche Parameter müssen verändert werden: die Pflanzdichte, die Pflanzrichtung, die Rebsorte? Das Wichtigste ist jedenfalls, erst einmal alle Gewissheiten anzuzweifeln.“ Aus Kalifornien hat er nicht nur eine grundsätzliche methodische Offenheit mitgebracht, sondern auch den Willen zu noch mehr Präzision, um die Qualität zu sichern. „Im Bordelais zählt die Tradition so viel, aber worin genau besteht diese Tradition? Sind unsere Handgriffe im Weinberg wirklich noch dieselben wie früher? Niemand hat das genau notiert, woher wissen wir es also?“ Château Margaux ist voller Relikte der Vergangenheit: Das Weingut hält eine eigene Viehherde, um Dünger herzustellen, und einen eigenen Küfer mit einzigartigem Wissen um den Holzfassanbau. Die Dokumentation solcher Kenntnisse ist eines der großen Ziele von Bascaules’, die traditionellen Verfahren müssen, um in Zukunft bestehen zu können, genau kontrolliert und protokolliert werden. Das verlangt nach neuen Wegen der Organisation und Kommunikation.

Zu neuen Ufern

Der Rahmen jedenfalls, den Château Margaux für diese Herausforderungen bereitstellt, könnte nicht besser sein. 2015 wurde die seit 2009 geplante Kelterhalle von Norman Foster eingeweiht. Durch die modulare Konstruktion können nun noch mehr Tanks zur Plot-genauen Fermentation aufgestellt werden, zudem ist der Weißweinausbau wieder ins Schloss zurückgekehrt. Und schließlich wurde Raum für die noch von Paul Pontallier entworfene Recherche- und Entwicklungsabteilung geschaffen. Und mit Alexandra Petit-Mentzelopoulos, der Tochter von Corinne, ist, auch wenn sie überwiegend in London arbeitet, die nächste Generation der Eigentümerfamilie im Weingut präsent, mittlerweile als stellvertretende Geschäftsführerin für die Bereiche Kommunikation und Image. Ob Philippe Bascaules und sie einmal Château Margaux prägen werden wie Paul Pontallier und Corinne Mentzelopoulos, wird die Zukunft zeigen.

Dass diese zu größten Hoffnungen Anlass gibt, wird deutlich, wenn man mit Bascaules über den Wein selbst redet. Natürlich ist ihm all das gegenwärtig, was man klassischerweise über Château Margaux sagt, über dessen gleichsam „schwebende Kraft“ (Andrew Jefford) und die zugleich kraftvolle wie zarte Finesse, die aus den mageren Böden stammen soll, die unvergleichliche, oft als feminin bezeichnete Grazie bei einer in früheren Jahrgängen fast divenhaften Sensibilität gegenüber den klimatischen Bedingungen. Für Bascaules ist der Schlüsselbegriff zu einem großen Wein dagegen dessen Textur: Nur wenn in einem Wein alle Details in einem perfekt balancierten Kontinuum verdichtet seien, erschließt sich beim Trinken die eigentliche Botschaft des Weins. Diese Textur würde sich nicht dem Gaumen entgegenstellen, sondern mit diesem verschmelzen und schließlich verschwinden, gleichsam zu Geist werden wie kostbares Parfüm. Was für ein ästhetischer Gegenentwurf zu all den überextrahierten Monsterweinen der modernen Weinwelt!

Eine ästhetische Vision

Philippe Bascaules ist der Auffassung, dass vor allem der Cabernet Sauvignon des Gutes seinem Ideal entspricht, während der Merlot eher dem stilistischen Ideal des späten 20. Jahrhunderts angehört, weswegen sein Anteil im Grand Vin beständig sinkt. Die Herausforderung in Margaux sei es, der Eleganz auch ein Maß an Reichhaltigkeit mitzugeben – so wie in Napa der Reichhaltigkeit die Eleganz. Denn er ist überzeugt, dass Größe immer in der Mitte liegt, in der Balance, nicht in den Extremen.

Damit weiß er sich in Übereinstimmung mit der Tradition des Weinguts, und so sehr er sich in aller Bescheidenheit bewusst ist, dass er auf den Schultern von Riesen steht, verkörpert er mit seinem Selbstbewusstsein zugleich selbst den Gipfel französischer Weinbaukunst. Auf die Frage, was sich für ihn in seiner neuen Position geändert habe, antwortet er: „Die Menschen hören sich an, was ich zu sagen habe.“ So wird Château Margaux wohl auf absehbare Zeit die „Kaaba im Mekka der Bordeaux-Pilger“ bleiben, wie es der italienische Winzer Paolo de Marchi einmal formuliert hat.

Bildrechte und Copyrights

Der Artikel entstand nach einem Besuch auf Château Margaux im Februar 2018 und wurde in leicht veränderter Form und mit Fotos von Marco Grundt zuerst in FINE – Das Weinmagazin 2/2018 veröffentlicht. Dort findet sich auch meine Verkostung von Weinen von Château Margaux zwischen 1989 und 2016. Alle Bildrechte an dieser Stelle mit Ausnahme des Portaits von Philippe Bascaules © Stefan Pegatzky / Time Tunnel Images. Mein Artikel zu den jüngsten Entwicklungen auf Château Margaux findet sich hier.

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