ProWein 2026

SLPs Top-10 Weine auf der ProWein 2026

Konzentration und Professionalisierung – das sind die Kernthemen, mit denen die Düsseldorfer Weinmesse ihre globale Relevanz behaupten möchte. Zumindest aus Sicht vieler deutscher Beobachter ist das der ProWein 2026 auch gelungen. Der Preis dafür aber ist hoch. Die Messe hat an Vielfalt verloren und ist auf dem Weg zur Regionalveranstaltung. Die Dichte in der Präsentation von internationalen Spitzenweinen hat in diesem Jahr jedenfalls erneut erheblich abgenommen – was sich auch in meinem Rückblick spiegelt.
13/05/2026
8 Minuten Lesezeit

31.000 Besucher in 2026 gegen 42.000 im Jahr zuvor –und noch 61.500 im Rekordjahr 2019. Ein Rückgang um nahezu 50 Prozent, bei weniger als der Hälfte Aussteller (3.400 statt 6.900). Der internationale Bedeutungsverlust der ProWein lässt sich nicht kleinreden, wenn im Vormonat mehr als 63.000 Menschen die Wine Paris besucht haben. Ein eindrucksvoller Rekord, trotz Absatzflaute und weltweiten Krisen. Die ProWein hat dagegen ganze Regionen und viele Leuchtturmpräsentationen (Napa Valley Vintners, Primum Familiae Vini) verloren. Wegen mangelnder Spitzen wurde aus meiner jährlichen Top-10-Rotwein-Liste eine Auswahl von Spitzen-Stillweinen auf der Messe insgesamt. Wobei ich deutsche Weine wegen alternativer Verkostungsmöglichkeiten wie immer ausgeklammert habe.

Trotz dieser Vorbemerkung muss ich natürlich festhalten, dass die ProWein nach wie vor eine inspirierende Veranstaltung ist, auf der sich die vielfältigsten Entdeckungen machen lassen. Mein Coup de Coeur außerhalb der Top-10: Melnik Family Tree 2023 von Villa Melnik. Der Wein ist ein Blend von Varietäten der autochthonen Rebsorte Melnik aus Südwestbulgarien. Einmal ihre in Busch-Erziehung gepflanzte „Muttersorte“, die breitblättrige („Siroka“)-Melniska-Rebe sowie fünf moderne Klone. Das Resultat ist beeindruckend würzig und komplex, mit guter Länge und ohne jede Überreife (93p.).

1. Domaine William Fèvre Chablis Grand Cru Les Clos 2023

Dass mein diesjähriger Favorit bei den trockenen Weißweinen überhaupt in Düsseldorf präsent war, verdankt sich einem bemerkenswerten Besitzer- (und anschließend auch: Importeurs-) Wechsel. Die Domaine William Fèvre, der in Chablis 70 Hektar, darunter die größte Fläche an Grands und Premiers Crus besitzt, gehörte noch bis ins Jahr 1998 dem Champagnerhaus Henriot, bevor dieses mitsamt William Fèvre von der Artémis-Gruppe der Familie Pinault erworben wurde. Von beidem trennte sich Artémis aber bald wieder. Seit Anfang 2024 nun im Besitz der Domaines Barons de Rothschild (Lafite), stellte nun DBR-Exportmanagerin Amélie André das Portfolio auf dem Stand des neuen Deutschlandimporteurs Véritable vor.

Die säurebetonten, mineralischen Weine von Chablis leiden stark unter dem Klimawandel. Allerdings hatte mir unlängst eine spektakuläre Flasche von Fèvres Grand Cru Bougros Côte Bouguerots aus 2015 gezeigt, wie hervorragend ihr Direktor Didier Séguier mit Hitze und Trockenheit umgehen kann. Die Premiers Crus aus 2022 und 2023 (Beauroy, Montée de Tonneree, Vaulorent) präsentierten sich entsprechend frisch und in ausgesprochen guter Verfassung. Die Grand Crus Bougros und Les Preuses aus 2023 ware noch einen Tick feiner und konzentrierter. Die Krone in der Kollektion gebührt freilich Les Clos aus dem gleichen Jahr. Der Holzfasseinsatz (40 Prozent gebrauchte Barriques) ist hier dezenter als bei anderen Häusern, die einen Les Clos abfüllen. So jung der Wein auch ist, so zeigt er doch eine beeindruckende, kreide-geprägte Komplexität, mit rassiger Säure und langem Finish (95p.)

2. Famille Hugel Riesling Schoelhammer Vendage Tardive 2015

Manchmal ereignen sich Revolutionen leise. Als das Elsass 1975 seine Grands Crus einführte, hatten sich drei der bedeutendsten Weingüter aus dem System ausgeklinkt. Léon Beyer, Trimbach und Hugel fanden die Grenzziehungen seinerzeit viel zu liberal. 2015 machte die Domaine Hugel ihren Frieden mit der Bezeichnung. So wurden aus den beiden Spitzenweinen Sporen (Gewürztraminer) und Schoenenbourg (Riesling) – gutsintern „Grossi Laüe“ benannt – dann schließlich doch Grands Crus. In Düsseldorf präsentierte Jean Frédéric Hugel aus der 13. Generation (!) der Familie dann sehr engagiert die ersten Jahrgänge 2015 und 2016 unter der neuen Bezeichnung. Mittlerweile fast zehn Jahre nach der Ernte enthüllen diese Weine eine zeitlose Größe – inmitten der turbulenten Messeumgebung ein kontemplativer Augenblick.

Aber Jean Frédéric Hugel hatte noch eine Steigerung in der Hinterhand: Riesling Schoelhammer 2015 als Vendage Tardive, die bisher einzige jemals produzierte Spätlese aus dieser ikonischen Parzelle. Von der Stilistik her halbtrocken, mit markanter, spannungsgebender Phenolik ist der Wein perfekt balanciert und dabei von enormer Dichte. Ein elsässisches Monument! (98pt.)

3. Pia Strehn Rosé Lovestory 2023

Einer Begegnung in Paris mit Freunden aus den USA verdanke ich die Bekanntschaft mit Pia Strehn und ihren Weinen. Ein Glück, weil sie mich zu Weinen abseits der Pfade geführt haben, auf denen ich normalerweise unterwegs bin. Auf der ProWein 2026 waren sie meine größte Entdeckung. Pia Strehn steht für Rosé-Weine aus Deutschkreutz im österreichischen Burgenland. Das heißt natürlich Blaufränkisch, aber eben nicht nur. Dazu kommen eine biologische Bewirtschaftung, und, von den großen Rosé-Crus aus der Provence inspiriert, ein Ausbau im Barrique sowie so wenig direkte Frucht wie möglich. Schon „Der Elefant im Porzellanladen“ entlockt dem Verkoster ein dezentes Wow. Das steigert sich noch bei der Spitzen-Cuvée Lovestory Rosé 2023, bei der die Blaufränkisch-Reben auf Kreideböden in 280 Meter Höhe stehen. Man glaubt es kaum, wie viel Struktur ein Wein mit so geringer Farbdichte haben kann, ohne dabei im Geringsten an Trinkfluss einzubüßen (94p.).

4. Bruno Giacosa Barolo Falletto 2020

Nach der Präsentation des großartigen 2021er-Jahrgangs im Vorjahr ging Giacosa-Importeur Consigliovini/Schlumberger einen Schritt zurück und präsentierte den Vorgänger 2020. Der erreichte zwar nicht ganz dessen elegant-strukturierte Größe (mehr hier), war dennoch höchst eindrucksvoll. Die Lage Falletto aus Serralunga ist vollständig im Besitz des Weingutes aus Neive. Gleichzeitig ist dies der Name eines hier gelegenen Weingutes, das Bruno Giacosa 1982 mitsamt dem Weinberg 1982 erworben hatte. Unter „Azienda Agricola Falletto di Bruno Giacosa“ wurden dann Giacosas Weine aus eigenen Trauben gelabelt. Das hat Giacosas Tochter Bruna wiederum kürzlich zu „Falletto di Bruno Giacosa“ verkürzt Wie auch immer: 2020 ist in der Trilogie der Spitzenjahrgänge 2019, 2020 und 2021 sicherlich der zugänglichste. Zugänglich für Giacosa-Verhältnisse natürlich, auch wenn die Tannin-Struktur schon sehr fein ist. Ansonsten mit Aromen von Brombeeren, Kirschen und etwas Rauch, dabei sehr dicht, mit feiner Säure und ohne jede Überreif (96p.).

5. G.D. Vajra Barolo Bricco delle Viole 2022

Zum ersten Mal durfte ich in Düsseldorf das Portfolio von G.D. Vajra aus dem Barolo-Ortsteil Vergne verkosten. Mindestens ebenso eindrucksvoll wie die Weine war die Geschichte, die Giuseppe Vajra (und Ehefrau Sophie) von seinem Weingut und seiner Familie erzählte. Vajra ist ein Mann, in dem sich ein Landwirt mit einem Historiker und einem Philosophen verbindet. Und man hätte ihm dabei stundenlang zuhören können. Dabei erzählen auch seine Weine große Geschichten, und das beginnt bereits beim Freisa, dem Riesling und dem Dolcetto – Rebsorten, bei denen G.D. Vajra Referenzpunkte im Piemont setzt. Und man könnte natürlich über Luigi Baudana schreiben, das Weingut in der Gemeinde Serralunga di Falletto, das die Familie 2009 von den kinderlosen Eigentümern erwarb.

An dieser Stelle aber soll es aber um den Spitzenwein im aktuellen Sortiment von G.D. Vajra gehen, und das ist meiner Meinung nach der Barolo Bricco delle Viole 2022. Die Lage wird biologisch bewirtschaftet – das Weingut ist (seit 1971) der drittälteste Bio-Produzent im Piemont. Die Lage, nur einen Steinwurf vom Ort Barolo entfernt, liegt am westlichen Rand der Appellation auf einer Höhe von bis zu 480 Meter. Wo die Trauben früher Mühe mit der phenolischen Reife hatten, sind sie nun dank Klimawandel im Vorteil. In einem heißen Jahr wie 2022 bewahren sie ihre Frische und Struktur. Bricco delle Viole 2022 ist kraftvoll, verzaubert aber zugleich mit seinen floralen Noten, die sich über die raffinierten Frucht- und Gewürznoten legen (97p.). „Eher Pink Floyd als AC/DC“, sagt Giuseppe Vajra im Vergleich zum Barolo Ravera aus dem gleichen Jahr.

6. Ornellaia 2023

Der 2023 ist der zweite Jahrgang des neuen Teams um den Technischen Direktor Marco Balsimelli und die Önologin Denise Cosentino. Nachdem die Premiere aus 2022 zwar sehr gelungen, aber jahrgangsbedingt für meinen Geschmack etwas „too big“ ausgefallen ist, ist 2023 ein echter Hit. Vor allem zeigt der Ornellaia aus dem Jahr, dass Balsimelli die Linie von Vorgänger Axel Heinz weiterverfolgt und auf balancierte, präzise Weine setzt. Interessanterweise entspricht die Zusammensetzung des Weines nahezu dem Vorjahr: 55% Cabernet Sauvignon, 26% Merlot, 12 % Cabernet Franc, 7% Petit Verdot. Tatsächlich war 2023 ein herausforderndes Jahr, aber ohne Hitzespitzen und mit ausreichend Niederschlägen. Das Weingut hat dem Wein aus diesem Jahr den Namen „La Vitalità“ gegeben. Das passt gut, denn die Kraft und Würze des Weines wird durch eine belebende Säure getragen. Aber es fehlt natürlich weder das raffinierte, noch etwas holzbetonte Bouquet noch die luxuriöse Textur, die einen großen Ornellaia ausmachen (97p.).

7. François Feuillet Latricières-Chambertin Grand Cru 2018

Ein Grand Cru aus dem Burgund, dazu noch von einer in Frankreich (und international) hoch bewerteten Domaine? Die versteckte sich auf der ProWein wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen. Hinter dem Namen François Feuillet verbirgt sich eine ungewöhnliche Geschichte, genau genommen zwei. Die des gleichnamigen Industriellen der seit Anfang der 1990er-Jahre ein beeindruckendes Weinbergportfolio in der Côte de Nuits zusammengetragen hat. Und die des Winzers David Duband, der 1991 das Weingut seiner Familie in Chevannes übernommen hat und heute auch die Weine von François Feuillet ausbaut.

Latricières-Chambertin besitzt sicher nicht die Klasse eines Chambertin oder Clos de Béze. Aber die Lage kann natürlich hervorragende Weine hervorbringen, auch wenn sie wegen des etwas tieferen Oberbodens über dem Kalkuntergrund etwas vordergründiger ausfallen. Diese Flasche besaß ein verführerisches Parfüm von Himbeeren und Walderdbeeren mit guter Dichte und einer sehr samtigen Textur. Ein Tick Likör verweist auf hohe Reife und auch die recht weiche Säure signalisiert, dass der Wein nicht für die Ewigkeit gemacht ist (95p.).

8. Château Lynch-Bages 2019

Man konnte froh sein, dass die Union des Grands Crus 2026 überhaupt noch ihre Weine in Düsseldorf präsentierte. Allerdings war erneut die Ausstellerzahl geschrumpft. Aus Sauternes etwa war kein einziges Weingut anwesend! Und über die mickrige Ausstellungsfläche verliere ich am besten kein Wort … Aber es gab auch positive News. Wie bereits in Paris hatte der Verband auch zur ProWein mit den 2019ern einen zweiten Jahrgang mitgebracht. Weil der doch um einiges über den aktuellen 2023ern steht, war es kein Wunder, dass diese die Bordeaux-Präsentation krönten – und einen Großteil des übrigen Angebots der ProWein in den Schatten stellten.

Lynch-Bages zeigte 2019 klassische Größe! Das Château hatte mir erst vor Kurzem mit dem 1985er demonstriert, wie großartig die Weine reifen und welche Kombination aus Sinnlichkeit und Eleganz sie im Alter entfalten können. Mit intensiver Süßkirsche und Brombeeren in der Nase sowie vielschichtiger Dichte am Gaumen gehört e2019 nicht zu den Pauillac-Archtetypen. Aber er notiert natürlich weit höher als es sein offizieller Rang als 5ème Cru nahelegt (98p.).

9. Château Léoville-Poyferré 2019

Seit dem Jahrgang 2000 konkurriert Poyferré wieder mit Barton um den Vizetitel der einstmals ungeteilten Leóville-Güter hinter Las Cases. So sehr ich die Eleganz von Léoville-Barton schätze habe ich 2029 Poyferré vorne gesehen. Auch wenn William Kelley sicher Recht hat. Unter den drei Léovilles in 2019 ist der Poyferré mit einem Merlot-Anteil von etwa 35 Prozent sicher der opulenteste. Und doch hat sich der Wein nach seiner überwältigenden Fruchtphase etwas zurückgezogen und zeigt sich derzeit von seiner seriösen, strukturierten Seite. Die ziemlich pure Frucht ist sicher auch Folge der bis zu acht Tage dauernden Kaltmazeration. Die Struktur dagegen von der recht langen Maischestandzeit und dem 80-prozentigen Neuholzanteil. 2019 ist sicher kein frühreifer Jahrgang bei Léoville-Poyferré (96p.).

10. Château Brane-Cantenac 2019

Der Baron de Brane besaß einmal das spätere Mouton-Rothschild. Das aber verkaufte er, um sich ausschließlich seinem Besitz auf dem Plateau von Cantenac bei Margaux zu widmen: Château Brane-Cantenac. Kein Wunder, dass das, wie seinerzeit Mouton, als 2ème Cru klassifiziert wurde. Heute gehört das Weingut Henri Lurton, und bei einem Kurzbesuch 2018 in Margaux war ich beeindruckt, wie stark dieser so bescheidene wie fokussierte Gutsdirektor den Anteil des Grand Vin zugunsten des Zweit- und Drittweins Baron de Brane und Margaux de Brane reduziert. Der Wine Advocate hat den 2019er jedenfalls zum besten Brane Cantenac der modernen Zeit ernannt. Und es war auch in Düsseldorf ein echter Wow-Wein, mit enormer Frische und intensiv-frucht-würzigen, aber auch etwas wilden Aromen im Bouquet (97p.). Nicht nur in diesem Jahr ein Wein mit einem spektakulären Preis-Leistungs-Verhältnis.

Bildrechte

Aufmacherbild: Messe Düsseldorf / ctillmann

Alle übrigen Fotos: Stefan Pegatzky / Time Tunnel Images

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