Porträt: Champagne JMSélèque

2021 ist mein Buch „Champagner: Die 100 wichtigsten Maisons, Winzer und Kooperativen“ erschienen. Damals fiel es mir ausgesprochen schwer, unter den Hunderten erstklassig arbeitenden Champagnerproduzenten eine Auswahl zu treffen. Deswegen gibt es online auf Sur-la-pointe eine Fortsetzung! Teil 17 widmet sich einem Shooting-Star aus Pierry.
29/05/2026
5 Minuten Lesezeit

Geschichte

In den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts sind Hunderttausende Polen auf der Suche nach Arbeit in den Westen ausgewandert – in Deutschland insbesondere ins Ruhrgebiet. Aber auch nach Frankreich, etwa in die großen Zechen Nordfrankreichs, aber auch in die Landwirtschaft. Henri Sélèque kam 1925 als Sechsjähriger aus Polen nach Frankreich. Nach dem Krieg heiratet er Francoise Bagnost aus Pierry und zieht auf einen Bauernhof in Boursault an der Marne. Sein Schwiegervater Jean Bagnost hatte 1956 die Cooperative de Pierry mitgegründet – 1965/66 pflanzen er und Henri gemeinsam erste Reben. 1969 füllt Henri Sélèque dann seine ersten Weine ab. Seit 1974 wird er unterstützt von Sohn Richard, einem studierten Önologen, sowie dessen Bruder Jean. Beide gründen Familien und haben Kinder. Da diese ebenfalls im Weinbau tätig sind, kommt es 2007 zur Aufteilung von Champagne Sélèque. In diesem Jahr ruft Richard Sélèque Sélèque R & JM ins Leben.

Unterdessen sammelt Sohn Jean-Marc, der Weinbau und Önologie studiert hatte, Erfahrungen im kalifornischen Napa Valley und australischen Yarra Valley. Er lernt dort den Einsatz hochmoderner Technik schätzen, erkennt aber auch die Tendenz zu einer standardisierten Weinproduktion. 2008 kehrt er in den väterlichen Betrieb zurück und wird bereits 2009 Teilhaber. Er richtet den Betrieb zunehmend in Richtung organische, seit 2010 auch teilweise auf biodynamische Bewirtschaftung aus. 2012 heiratet Jean-Marc Sélèque Oriane Rousselot. 2013 wird die Marke JMSélèque eingeführt und 2015 ziehen beide mit dem Unternehmen aus dem Ortskern in eine hochmoderne Produktionsanlage an der Ortumgehung von Pierry um. Im Jahr darauf übernimmt Jean-Marc die Leitung des Champagnerhauses. 2018 wird aus dem Winzerbetrieb wird ein Négociant, der auch Trauben von hauptsächlich biologisch wirtschaftenden Winzern aus den Dörfern kauft, in denen das Haus bereits vertreten ist, insbesondere Épernay, Moussy und Pierry, um die Qualität der Cuvée Solessence zu stärken.

Stilistik

Champagner von JMSélèque sind in erster Linie Champagner aus den Coteaux Sud d’Épernay. Zwischen dem eigentlichen Marnetal und der Côte des Blancs gelegen, erstrecken sich diese V-förmig um den Cubry, einen Nebenfluss der Marne. Die Heimatgemeinde Pierry sowie der Nachbarort Moussy stehen im Zentrum, doch darüber hinaus besitzt die Familie auch Weinberge in Boursault, Mardeuil und Dizy an der Marne, in Épernay und auch in Vertus im Süden der Côte des Blancs (insgesamt 48 Parzellen). Jean-Marc Sélèque jedenfalls weist gerne auf die enorme geologische Vielfalt im Cubry-Tal hin. Sowohl für Meunier als auch Chardonnay und selbst Pinot Noir gibt es hier Mikro-Terroirs, wo sich das ganze Potenzial der Rebsorte entfalten kann. Die Weine entstehen also vor allem im Weinberg, mit biologischer, teilweise biodynamischer, aber nicht-zertifizierter Bewirtschaftung. Im Übrigen: Massenselektion der Reben, Rebzeilenbegrünung, Vermeidung von Bodenverdichtung, Erhaltung des Bodenlebens sorgfältiger Rebschnitt und niedrige Erträge von reifen Trauben (aber mit niedrigem pH).

Jean-Marc Sélèque möchte in erster Linie „Champagne de terroir“ machen, also werden die Grundweine natürlich parzellenweise ausgebaut. Zum Pressen benutzt er eine Coquard-Presse der neuesten Generation, die außergewöhnliche Präzision bietet und es ermöglicht, die Säfte beim Pressen sofort zu kühlen. Die Weine vergären anschließend schonend bei niedrigen Temperaturen mit autochthonen Hefen. Neben dem Edelstahl kommt immer öfter Holz zum Einsatz. Mittlerweile vergären die Vins clairs oberhalb der Solessence-Linie sämtlich in Eichenfässern unterschiedlicher Größe. Dazu kommen einige Amphoren und gläserne Wineglobes (für Coteaux Champenois). Die Malo läuft regelmäßig ab, auch weil die Weine nur minimal geschwefelt werden. Die Tirage erfolgt erst spät im Juli nach der Ernte. Die Dauer der Flaschengärung wurde in den letzten Jahren kontinuierlich verlängert. Gerade der Brut Nature, die Magnums und die „2ème Lecture“ genannten Late Releases bleiben überdurchschnittlich lange auf der Hefe. Zunehmend kommen Naturkorken statt Kronkorken zum Einsatz. Geschönt und gefiltert wird nicht, und die Dosage ist im niedrigen Extra-Brut Bereich oder entfällt ganz.

Portfolio

Zehn Champagner, zwei Coteaux Champenois und ein Ratafia umfasst das aktuelle Sortiment des Hauses. Die Reihe Solessence macht dabei mehr als 80 Prozent der Gesamtproduktion aus. Es sind Assemblage-Champagner, getreuer Ausdruck der Coteaux Sud d’Epernay. Solessence und Solessence Nature sind erst einmal identisch, (50Ch|40M|10PN, 60% Edelstahl, 40% Holz, 50% Basisjahrgang/50% Réserve perpétuelle), letztere reift drei statt zwei Jahre auf der Hefe und erhält keine Fülldosage. Beim Solessence Rosé kommen 10% Meunier mit Schalenkontakt und 5% roter Stillwein zur Assemblage. Mit Quintette Blanc de Blancs beginnen die „musikalischen“ Cuvées, die eine lange Tradition in der Familie haben. Das ist eine Assemblage aus fünf besonderen Chardonnay-Parzellen (u.a. Vertus und Pierry), ausgebaut ausschließlich im Holz und „jahrgangsgetreuer“ mit nur 20% Reserven aus einer Solera von 2012. Aus sieben Plots besteht der ebenfalls im Holz ausgebaute Partition (72Ch|14M|14PN). Er steht preislich an der Spitze des Portfolios, insbesondere als 2ème Lecture mit deutlich längerer Flaschengärung.

Dann gibt es vier Einzellagen-Champagner, allesamt aus dem Premier Cru Pierry und für jede Rebsorte einen, wobei der Meunier auch als Rosé dekliniert wird. Soliste Chardonnay stammt freilich von den beiden Nachbarplots Les Tartières und Les Porgeons, wo der Kalk bereits 70cm unter der Oberfläche beginnt. Dagegen stammt Soliste Pinot Noir von Les Gayères von Tonböden mit hohem Feuerstein- und Kalksteinanteil. Soliste Meunier aus Les Gouttes d’Or kommt aus den ältesten, teilweise 1951 gepflanzten Anlagen im Sélèque-Besitz, wo eine Ader aus kampanischem Kalk nahe der Oberfläche sitzt. Aus Les Charmiers schließlich stammt Soliste Meunier Rosé (aus Mazeration erzeugt). Dort bildet, wie das Weingut schreibt, „orangefarbener Ton aus dem Sparnacian, reich an Kalkstein und Feuerstein“ den Oberboden, wobei der Unterboden hier deutlich tiefer sitzt. Dazu kommt der Coteaux Champenois Blanc Perpétuel (85% Chardonnay, 15% Petit Meslier!), ein Multi-Vintage. Und der reinsortige Pinot-Noir-Stillwein Pierry Rouge (mit Jahrgang) aus Les Gouttes d’Or.

Verkostung

Solessence Extra-Brut (deg.12/24) basiert auf dem heißen Jahrgang 2022. Das merkt man ihm an. Im Bouquet Noten von Zitronentarte und Brioche, am Gaumen cremig, mit reifer, weicher Säure und feiner, sanfter Perlage, aber auch komplex und spicy (89p.). Solessence Rosé Extra-Brut (deg.11/24) zeigt sich mit heller Lachsfarbe und Kupferreflexen mit feinen Mandarinen- und Orangenaromen. Er punktet mit einer feinen Phenolik, sehr purer Frucht und einiger Eleganz und sollte am besten solo getrunken werden (91p.). Solessence Brut Nature konnte ich nur auf der Messe in Paris verkosten. Hier ist von meinen Aufzeichnungen nur die hohe Bewertung erhalten geblieben: 92p. Der Blanc de Blancs Quintette Extra-Brut (deg. 11/24), vermutlich aus dem kühlen Basisjahrgang 2021, ist merklich straffer und puristischer. Hier dominieren Aprikosenaromen, Sauerteig und etwas Holzwürze die Nase. Von teilweise sehr alten Reben stammt der Eindruck von Kalk und etwas Salzigkeit. Ein Champagner, der mit Belüftung deutlich an Komplexität gewinnt (92p.).

Für die Reihe Soliste hatte Importeur Champagne Characters mir einige ältere Jahrgänge zur Verfügung gestellt. In Paris waren bereits die 2020er vorgestellt worden (mehr hier). Soliste Meunier Extra-Brut aus Les Gouttes D’Or von 2019 war 4/2024 degorgiert worden. Er reiht sich ein in die hervorragenden Meuniers, die ich zuletzt verkosten durfte. Er ist dunkler in der Charakteristik als die Chardonnays von JMSélèque, mit Noten von roten Stachelbeeren und dezenter Holzaromatik. Trotz geringer Dosage von 2g/l ist da eine wunderbare Fruchtsüße zu spüren, die von der großartigen Säure brillant in Balance gehalten wird (93p.). Spätestens mit diesem Wein zeigt sich Jean-Marc Sélèque als großer Stilist!

Soliste Chardonnay Extra-Brut (s.o., deg. 5/2023) stammt sogar aus 2018. Er ist in der Aromatik „sonniger“, fast exotisch mit Papaya und junger Ananas, aber auch Sauerteig, Vanille und einem Anklang von Senfkörnern in Salzlake. Am Gaumen zunächst recht fruchtsüß, vielschichtig und recht cremiger Textur. Nach einem Tag Belüftung dann allerdings deutlich herber und fokussierter (92p.). Sehr verhalten zeigte sich zunächst der Soliste Pinot Noir Extra-Brut von 2019 (deg. 1/2024). Er ist der am wenigsten fruchtbetonte und dunkelste Champagner des Trios mit Aromen von gerösteten Mandeln und Roggen-Sauerteig. Am Gaumen weinig, mittelgewichtig und präzise, mit einer schönen, eleganten Spannung. Ein Champagner, der unbedingt breite Gläser braucht, um sich zu entfalten (93p.).

Höhepunkt war schließlich Partition 2019 Extra-Brut (deg. 11/24). Noten von Birne, Vanille und Roggen-Sauerteig, dazu ein markanter, aber gut eingebundener Holzeinfluss. Kraftvoll und vielschichtig, mit schöner Säure. Vor allem aber mit einer für Champagner ungewöhnlichen Eigenschaft: Tiefe! (94–95p.).

Bildrechte

Stefan Pegatzky / Time Tunnel Images

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