SLPs Top-12-Champagner auf der Wine Paris 2026

Krise? Davon war in Halle 7.3, der zentralen Ausstellungsfläche für die Champagne auf der Weinmesse Wine Paris, nichts zu spüren. Es herrschte enormer Andrang an den Ständen, wo sich eine Neuheit neben der anderen präsentierte. Es fiel freilich auf, dass überraschend viele Eigentümer, CEOs und Kellermeister persönlich anwesend und ansprechbar waren, in der Vergangenheit eher scheue Spezies auf Messen. Vielleicht ein Signal, in diesen herausfordernden Zeiten aufeinander zuzugehen und Gemeinschaften zu stärken.
16/02/2026
12 Minuten Lesezeit

Die Wine Paris gibt mittlerweile wie wohl kein zweiter Ort einen Überblick über die aktuelle Champagnerproduktion. Wenn ich richtig geschätzt habe, sind es mittlerweile mehr als 160 Produzenten. Die Lokalzeitung „L’Union“ sprach davon, dass „wahrscheinlich noch nie so viele Champagnerhersteller auf einer Messe vertreten“ waren. Aber natürlich ist auch das nur ein Ausschnitt, viele wichtige große Maisons und einflussreiche Winzer fehlten auch in diesem Jahr. In meinen Augen ein Fehler: Kaum ein Ereignis erhöht die Sichtbarkeit der eigenen Marke mehr als die Wine Paris. Wie auch immer. Für den Besucher gilt, dass die Dichte des Angebots und der persönlichen Kontakte sowie die Fülle an Novitäten und Events schlicht überwältigend sind.

An Veranstaltungen konnte ich nur an drei teilnehmen. Einer ausgesprochen köstlichen Käse-Champagner-Verkostung von Champagne Besserat de Bellefon (mit herausragenden Käsen des Artisan-Affineurs Philippe Olivier). Einer aufschlussreichen Meisterklasse zu den Blancs-de-Blancs-Champagnern von Bruno Paillard durch Alice Paillard (Bilder rechts und unten, vgl. auch hier). Und einem denkwürdigen Grand Dinner von Champagne Pommery & Associés mit Paul-François und Nathalie Vranken im Pariser Sterne-Restaurant Lucas-Carton. Hier nun aber in alphabetischer Reihenfolge zwölf (und mehr) bemerkenswerte Verkostungserfahrungen aus Paris.

1. Champgne Agrapart Avize Ameunia VME 23 Brut Nature

Es begann 2020/21 während der Arbeiten zu meinem Champagner-Buch. Damals kamen die Champagner von Agrapart & Fils immer häufiger unter dem Namen Pascale Agrapart in den Handel. Vor einem Jahr erfolgte dann die tatsächliche Teilung des 1894 gegründeten Hauses. Einmal Champagne Pascale Agrapart et Fils – das sind insbesondere eben Pascale Agrapart und sein Sohn Ambroise. Und dann Champagne Agrapart, das den Gemeindenamen Avize in seinen Markennamen mit aufgenommen hat. Dies wird von Pascales Bruder Fabrice sowie dessen Partnern Johanna Bertilsson Stephen und Emmanuel Turpin geführt. Das Haus verfügt über eigene Weinberge, kauft aber auch hinzu, ist also technisch ein Négociant. Auch in der Stilistik schlägt Agrapart Avize eine andere Richtung ein als das Vorgängerunternehmen, etwa in der teilweisen Vinifizierung im Holz.

In Paris konnte ich zunächst die ausdrucksvolle Signature-Cuvée Atoma Blanc de Blancs (P 23) aus einer noch jungen, 2020 angelegten Réserve perpétuelle verkosten. Es folgten der reinsortige Meunier-Champagner Ameunia sowie der Rosé Anthocya, beide noch nicht im Verkauf und mit vorläufigem Label. Letzterer ist (mit 98% Chardonnay und lediglich 2% Pinot Noir) wohl einer der am wenigsten farbgesättigten Rosé-Champagner überhaupt. Ameunia, mit Trauben aus Mareuil-le-Port und Festigny aus dem Marne-Tal, ist der erste Meunier bei Agrapart überhaupt. Ich empfand in zu diesem Zeitpunkt als den stärksten Wein des Trios, würzig, mit wenig direkter Frucht, aber viel Gripp und Ausdruck (93p.).

2. Champagne J. Charpentier Pierre-Henri 100% Meunier Sous Bois

Mit Champagne Collard-Picard hatte ich unlängst erst ein Haus porträtiert, das in Villers-sous-Châtillon beheimatet ist. Zeitgleich bin ich auf die Winzerin Marie-Pierre Lutet-Charpentier als Präsidentin der „Groupe des Jeunes Vignerons de la Champagne“ aufmerksam geworden. Ihr hatte ich einen Abschnitt auf meinem Artikel „Re-Generation“ im Frankreich-Spezialheft 2026 des Meininger-Verlages gewidmet (online hier). Natürlich nahm ich die Gelegenheit in Paris wahr, sie kennenzulernen und ihre Champagner zu verkosten. Die stammen vom Weingut J. Charpentier, das ihr Vater Jacky Charpentier 1974 gegründet hatte. Seit einigen Jahren geht die Verantwortung über Weinberge und Champagnerproduktion zunehmend in ihre Hände sowie die ihres Bruders Jean-Marc über.

Als Produzent aus Villers-sous-Châtillon liegt natürlich ein besonderer Schwerpunkt auf der Rebsorte Pinot Meunier. Die Spitzen-Cuvée des Hauses Pierre-Henri wird, bei blockierter Malo, im Holz ausgebaut. Also so, wie es René Collard, der Urvater des reinsortigen Meunier-Champagners aus dem Nachbarort Reuil gepredigt hatte. Und es heute eben auch Collard-Picard mit ihrer Cuvée Racines, aber auch Alfred Gratien mit ihrem Cumières-Champagner machen (siehe unten). Auch bei J. Charpentier ist das ein sehr erfolgreiches Rezept. Dunkles Gold im Glas mit Rosa-Reflexen, zeigt die Nase Steinobst- und reife Brioche-Aromen. Am Gaumen kraftvoll, cremig und dennoch frisch (94p.).

3. Champagne Coessens Largillier Millésime 2019 Extra Brut

Die Familie Coessens verkörpert vielleicht am reinsten die burgundische Philosophie des Weinmachens in der Champagne. Ein Weinberg in Alleinbesitz (Monopole), eine Rebsorte (Pinot Noir) und in der Regel ein einziger Jahrgang. Doch das Haus aus Ville-sur-Arce in der Côte des Bars geht noch weiter. Dem Winzer Jerôme Coessens war aufgefallen, dass sein Weinberg Largillier vier unterschiedliche Weinprofile hervorbrachte. So benannte er vier Teilparzellen nach ihrem Geschmack: Mineral, Frucht, Blume und Stoff. Unterstützt durch pedologische Studien baute er sein Portfolio auf diesen Unterschieden auf. Mein Favorit in einer faszinierenden Kollektion war Largillier Millésime 2019 Extra Brut aus der Unterparzelle Matière. Aus einem herausragenden Jahrgang, im Holz ausgebaut inklusive malolaktischer Gärung wurde der Champagner 2024 degorgiert. In der Nase rote Beeren, Mandarinen und geröstetes Weißbrot. Viel Substanz und Dichte am Gaumen, bei guter Frische (94p.). Kein Wunder, dass Guillaume Selosse mit Coessens zusammenarbeitet hat und von ihm Trauben für die Mikro-Cuvée Largillier bezog.

4. Champagne Esterlin Cléo Blanc de Blancs 2012

Die Champagner-Kooperativen von Vinay und Mancy von den Côteaux Sud d’Épernay waren bis letztes Jahr nur ausgesprochenen Spezialisten ein Begriff. Immerhin hatte die Coopérative Vinicole de Mancy mit einigem Erfolg die Marke Esterlin etabliert. Mittlerweile residiert sie unter dessen Zeichen– als einzige Genossenschaft überhaupt – in Épernays nobler Avenue de Champagne. Im Januar 2025 ist sie nun nach langem Hin und Her mit der benachbarten Genossenschaft von Vinay fusioniert. Damit wird der eher Chardonnay-basierte Rebspiegel durch Meunier ergänzt. Für einen regelrechten Paukenschlag sorgte dann im April, die Nachricht, dass Gabrielle Malagu zur Kellermeisterin der neuen Einheit Coopérative Vinay Mancy – Champagne Esterlin ernannt wurde. Die kam vom traditionsreichen Haus Gosset und sollte dort eigentlich als Cheffe de cave in die Fußstapfen von Odilon de Varine treten.

Ich habe jedenfalls ihre beeindruckende Kompetenz während einer Reportage über Gosset kennengelernt. Und daraufhin nun ein Auge auf Champagne Esterlin geworfen. Deren Spitzen-Cuvée ist Cléo Blanc de Blancs, hier von 2012. Bei den Grundweinen wird die malolaktische Gärung blockiert. Ausgebaut werden sie jeweils zur Hälfte in gebrauchten 228-Liter-Burgunderfässern sowie Muids mit einem Fassungsvermögen von 350 Litern. Der Champagner verbindet die Großzügigkeit des Jahrgangs und die Cremigkeit vom Holzfassausbau mit der frischen Äpfelsäure durch die blockierte Malo. Eine ziemlich unwiderstehliche Kombination (94p.)!

5. Champagne Alfred Gratien Cumières Clos Le Village 2019

Im letzten Herbst hatte Champagne Alfred Gratien die Neuigkeit seines ersten Einzellagen-Champagners verkündet. Clos le Village stammt aus dem Herzen der Premier-Cru-Gemeinde Cumières am Ufer der Marne. Die Parzelle in Südexposition ist nicht einmal 0,2 Hektar groß und wurde 1961 zu 100 Prozent mit Pinot Meunier bepflanzt. Vom Premierenjahrgang 2018 wurden weniger als 2.000 Flaschen produziert. Wie man es von dem 1864 gegründeten Haus gewohnt ist, wurde auch der Clos le Village in kleinen gebrauchten Eichenfässern ohne malolaktische Gärung vinifiziert, um die Frische und Präzision zu bewahren.

Diesmal liegt der Fokus aber nicht beim Chardonnay, der Signature-Grape von Alfred Gratien, sondern dem Meunier. Und der zeigt in dieser Cuvée, was in ihm steckt. Schließlich war 2018 ein heißes „Année solaire“ und ist Cumières die wohl heißeste Premier-Cru-Lage der Champagne. Dank blockierter Malo präsentiert sich die Cuvée mit wunderbarer Frische. Die Mousse ist verhalten, in der Nase dominieren Zitrus, Steinobst, Mandeln und Brioche. Komplexes, straffes Mundgefühl, mit noch jugendlichem Säurebogen und salz-geprägter Länge (95p.).

6. Champagne Charles Heidsieck Blanc des Millénaire 2017 & Cuvée Champagne Charlie 2020

Bei Charles Heidsieck hatte es zuletzt große Veränderungen gegeben. So hatte sich Kellermeister Cyril Brun im März 2023 Richtung Trentino verabschiedet. Nur zweieinhalb Jahre später verließ Nachfolgerin Elise Losfelt die Maison aus familiären Gründen. Mit Nachfolger Emilien Erard findet das Haus hoffentlich wieder in ruhigere Gewässer. Verglichen mit der Situation von 1985, als die Produktion der Maison von gut 4 Millionen Flaschen auf 250.000 Flaschen eingebrochen war, sind die aktuellen Personalien freilich nahezu Marginalien. Das ist auch gut so, denn das Haus steht mittlerweile, nicht zuletzt wegen des in seinem Segment herausragenden Brut Réserve, in der ersten Reihe der Grandes Marques et Maisons de Champagne. In der Präsentation zeigten sich sowohl die jahrgangslosen Champagner wie die Millésimes in blendender Verfassung.

Der Vintage-Blanc-de-Blancs war seit dem Jahrgang 1983 als Blanc des Millénaires bis vor Kurzem die alleinige Prestige Cuvée des Hauses. Hier stellte die Maison in Paris den aktuellen Jahrgang 2017 vor. Kein einfaches Jahr, aber wie Kellermeister Emilien Erard versicherte, mit sehr guten Ergebnissen beim Chardonnay. Weil die Weinberge in Cramant Probleme hatten, ergänzten diesmal Grundweine aus Chouilly den Blend, dazu kamen die Klassiker Avize, Oger, Le Mesnil-sur-Oger und Vertus. Die neunte Edition des Blanc des Millénaires (7/2025 disg.) zeigte zitrische Frische in der Nase, kombiniert mit Aprikosen, Haselnüssen und Hefegebäck. Am Gaumen noch sehr jung, aber vielschichtig und mit salzig-kalkgeprägtem Finish (95p.). Ebenfalls Premiere hatte Champagne Charlie Cellared 2020, die zweite Version der „neuen-alten“ Prestige Cuvée des Hauses, eine Hommage an ihren Gründer. Kein Vintage, sondern – neben 46% vom Jahrgang 2019 – vor allem aus alten Reserven komponiert. Und die sind vom Feinsten, etwa Cramant 1996 oder Avize 2009 (Blend insgesamt 66%Ch|34%PN). Ein spektakuläres Resultat, das Frische mit Reife und Komplexität mit Lebendigkeit samt einer cremigen Textur vereint (97p.) Leider nur wenige Tausend Flaschen.

7. Champagne Henriot Cuvée des Enchanteleurs Grand Cru 2015

Letztes Jahr hatte ich noch über den neuesten Jahrgang von Henriots Prestige-Cuvée Héméra berichtet. Nun kam Anfang des Jahres die Nachricht, dass die Maison ihren traditionellen Spitzenchampagner, die Cuvée des Enchanteleurs (zu Deutsch: Zauberer) wieder auflegt. Die gab es bis zum Jahrgang 2000, bevor zwischen 2005 und 2013 die Cuvée Héméra an ihre Stelle getreten war. Doch bei gleich zwei Besitzerwechseln in kurzer Zeit kann das Sortiment schon einmal durchgerüttelt werden.

2015 war jedenfalls für Champagne Henriot ein sehr guter Jahrgang, das hatte schon der Vintage gezeigt (mehr hier). Wie die Maison berichtet, hat sich nur der Name der Top-Cuvée geändert, nicht das Konzept. Und das bedeutet, dass der Champagner aus den sechs „Gründungs-Grands-Crus“ des Hauses komponiert wurde. Also 50 Prozent Pinot Noir aus Mailly, Verzenay und Verzy von der Montagne de Reims. Und 50 Prozent Chardonnays aus Chouilly, Avize und Le Mesnil-sur-Oger. Das Resultat zeigt sich reich und vielschichtig, dabei zugleich elegant und pur, bei erfreulich niedriger Dosage von 3,5 Gramm! Ein sehr gelungener Champagner aus dem nicht einfachen Jahrgang 2015 (95p.).

8. Champagne Penet-Chardonnet Coline & Candice Verzy Grand Cru 2010

Über Penet-Chardonnet hatte ich im Vorjahr ausführlicher berichtet (hier). Der Einzellagen-Spezialist von der nördlichen Montagne de Reims hatte mich mit seinen Champagnern nachdrücklich beeindruckt. Deshalb war ich auch in Paris noch einmal am Stand. Dort zeigte sich, dass die Etiketten der Lagen-Champagner durch eine Neugestaltung merklich gewonnen haben. Und dann konnte ich erstmals den Coline & Candice Grand Cru Verzy Extra-Brut (aus 2010) verkosten. Die im Holz ausgebaute Cuvée ist eine der beiden Prestige Cuvées des Hauses. Und zugleich das Gegenstück zum in Edelstahl vinifizierten Diane Claire aus Verzenay. Nach der Tirage im Mai 2011 wurden die Flaschen im August 2023 degorgiert. Die zwölf Jahre Hefelagerung verleihen dem Champagner eine kraftvolle, vielschichtige Fülle. Sie verträgt sich bestens mit der strukturierten Frische der Weine aus Verzenay. Die 18-monatige Flaschenlagerung nach dem Degorgieren hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der Wein an Harmonie gewonnen hat. Ein Champagner mit viel Klasse (95p.).

9. Champagne Pol Roger Cuvée Sir Winston Churchill 2018 & Vinothèque 2004

Die Präsentation der Novitäten der Maison erfolgte diesmal durch einen jungen Mann mit prominentem Namen: Martin Heidsieck. Als Vertreter der sechsten Generation der Besitzerfamilie de Billy arbeitet er seit Kurzem als Brand Ambassador. Er präsentierte zunächst ein famoses Trio von Vintages: 2018 Brut, 2019 Rosé und 2016 Blanc de Blancs. Letzterer, aktuell die stärkste dieser drei Cuvées, wird erst 2027 durch den 2018er abgelöst werden. Dann folgte regelrecht ein Doppelschlag. Zunächst einmal die Cuvée Sir Winston Churchill 2018 (deg. 10/2024), der Nachfolger des nicht restlos überzeugenden Jahrgangs 2015. Erneut also ein sehr reifer Jahrgang, was in einen reichhaltigen, weinigen Champagner mündete. Derzeit überdecken freilich noch die Fülle und mehrdimensionale Fruchtigkeit die eigentliche Struktur. Die Liebhaber sollten sich also in Geduld üben (94+p.).

Wie sehr die sich lohnen kann, demonstrierte die eigentliche Neuheit in Paris: Sir Winston Churchill Vinothèque 2004. Der zeigt, wie hervorragend Pol Rogers Prestige Cuvée reifen kann. Denn bei aller Wucht und allem Reichtum, für die die Cuvée ja nicht zuletzt auch steht, besitzt er ein gewisses Maß an kühler Eleganz (96p.). Diese als „Britishness“ zu bezeichnen mag ein Klischee sein, aber aus der Luft gegriffen ist es sicher nicht. In ihrer Kombination bilden diese Komponenten wohl zusammen das, was den „Winston“ im Kern ausmacht.

10. Champagne Pommery Cuvée Louise Brut 2008

Die Cuvée Louise verdient Aufmerksamkeit schon aus dem Grund, weil sie die Prestige Cuvée einer großen und traditionsreichen Maison ist. Vor allem aber ist sie eine der (regulären) Cuvées mit der längsten Flaschengärung auf dem Markt. Anlässlich der Wine Paris präsentierte Pommery & Associés nun den lange erwarteten 2008er Jahrgang, einen der besten der letzten Jahrzehnte. Er erschien ein Jahr nach dem P2 von Dom Pérignon von 2008, also quasi dessen Vinotheken-Abfüllung. Der reguläre Dompi wurde – ebenso wie Roederers Cristal 2008 – bereits 2018 vorgestellt. Wie kaum eine andere Cuvée ist die Louise also von autolytischen Noten geprägt, Aromen, die von der Zersetzung der Hefe stammen. Interessanterweise äußert sich das nicht in einem cremig-breitschultrigen Charakter, sondern delikat und zurückhaltend. Das konnte ich zuletzt bei einer Louise-Vertikalen im Berliner KaDeWe feststellen.

In Paris machte Louise 2008 ihre Premiere (für mich) im Rahmen eines Menüs im Restaurant Lucas Carton, zu dem die Maison eingeladen hatte. Hier präsentierte sich die Cuvée blassgolden, mit zurückhaltender Nase, dabei weinig, elegant, sehr pur und fast zart am Gaumen (94p.). Dass unter dieser Oberfläche auch strukturierte Kraft verborgen ist, wurde spätestens beim Pairing deutlich. Bei einem Geflügelgang von Sternekoch Hugo Bourny mit geschmolzenen Zwiebeln, Sudachi-Zitronen, Senfkörnern und Likouala-Pfeffer blieb sie deutlich im Vordergrund. Beste Aussichten für ein langes Leben!

11. Champagne Rare Rosé 2014 (Magnum)

Champagne Rare geht auf die gleichnamige Prestige Cuvée von Piper-Heidsieck zurück, die das Haus mit dem 1976er-Jahrgang zum ersten Mal veröffentlicht hatte. Tatsächlich hatte die Cuvée verschiedene Vorgänger, etwa den Champagner Florens Louis, hergestellt in Jahrgängen zwischen 1961 bis 1973. Zum 200. Jahrestag der Gründung von Champagne Heidsieck, der Keimzelle von Piper-Heidsieck, präsentierte die Maison den ersten Jahrgang Rare 1976. Seit dem Jahrgang 2007 gibt es ihn auch als Rare Millésimé Rosé Brut. Danach folgten bis heute erst drei Nachfolger: 2008, 2012 und 2014. Die Anzahl der Flaschen beträgt gerade einmal 1.500 Flaschen.

Die Cuvée besteht üblicherweise aus 60 Prozent Chardonnay und 40 Prozent Pinot Noir. Die Trauben stammen aus neun Cru-Lagen der Champagne, insbesondere von der Montagne de Reims. Vinifiziert wird in Inox, die Malo findet statt. Für den Jahrgang 2014 wurden bei der Assemblage 18 Prozent Rotwein aus der Gemeinde Les Riceys zugefügt, ein ungewöhnlich hoher Anteil. Entsprechend präsent sich der markant lachsfarbene Rosé mit Kupferreflexen und einer großzügig weinigen, raffinierten Textur. Ich hatte den 2014er Rare Rosé zuletzt bei einer KaDeWe-Verkostung im Glas (mehr hier). In Paris in der Magnum zeigte der Champagner noch ein Tick mehr an Frische und Eleganz (95p.).

12. Champagne JM Selèque Soliste Chardonnay Pierry 1er Cru Les Tartières & Les Porgeon 2020

Der Winzerbetrieb aus Pierry geht auf Jean-Marc Sélèque zurück. Der schuf 2008 seine eigene Marke auf der Grundlage eines 1969 gegründeten Familienunternehmens. Nach viel Erfahrung in hochtechnisierten Kellereibetrieben, entschied er sich für sein eigenes Weingut für einen „artisanalen“ Weg. Dieser sucht den Schlüssel für die Champagner-Qualität im Weinberg, ohne auf die Hilfe modernster Technik zu verzichten, wenn sie dabei hilft. Sélèque setzt den Fokus bewusst auf das Terroir der Coteaux Sud d’Epernay – und insbesondere Pierry. Aber von den gut 10 Hektar befinden sich auch einige Parzellen in Dizy, Boursault und Vertus.

Solessence ist die Einstiegslinie als Assemblage dieser verschiedenen Lagen. Unter ihnen ragt der Solessence Nature mit verlängerter Flaschengärung heraus, aktuell aus 2020. Die Reihe Soliste besteht aus rebsortenreinen Einzellagen-Champagnern aus Pierry. Mein Favorit: Chardonnay Pierry 1er Cru Les Tartières & Les Porgeon 2020 Extra Brut. Etwa zu einem Drittel im Holz ausgebaut, zeigt der Champagner sowohl Kraft wie Konzentration. Die jahrgangsbedingte Reife ist zu spüren, aber sie geht nicht zu Lasten der Präzision (94p.).

Von links: Gabrielle Malagu (Esterlin), Marie-Pierre Lutet-Charpentier (J. Charpentier), Alice Paillard (Bruno Paillard)

Vier Trends als Ausblick

Kann man angesichts der enormen Vielfalt auf der Wine Paris auch Trends in der Champagner-Welt ausmachen? Ich würde vielleicht vier identifizieren, die vielleicht nicht unbedingt neu sind, aber immer noch an Fahrt gewinnen. (1.) Die Zunahme nicht-klassischer Neugründungen. In den letzten Jahren gab es zunehmend eine Verwischung der traditionellen Betriebsformen wie Négociant, Kooperative und Winzer. Gaëlle Jacquet vom Comité Champagne nannte das einmal in einem Gespräch „Hybride“. Ein Beispiel ist Agrapart Avize, wo sich Winzer-Tradition, Organisation als Négociant und Start-up-Mentalität mischen. Das bezieht oft auch Player von außerhalb des Sektors mit ein. (2.) Meunier tritt zunehmend ins Rampenlicht. Nicht nur Winzer, auch Kooperativen und Maisons verstehen die Rebsorte nicht mehr nur als Scharnier zwischen Chardonnay und Pinot Noir. Immer häufiger wird er selbstbewusst als Solist in Szene gesetzt, am Überzeugendsten im Holz und ohne Malo ausgebaut.

(3.) Die Champagne wird weiblicher. Ein Trend, der wie sich in Paris zeigte, weiter an Fahrt gewonnen hat. „La Cheffe“ tut dem Sektor und den Champagnern sichtlich gut! (4.) Die Coteaux Champenois sind (wieder-)gekommen, um zu bleiben. Nicht nur die Winzer, auch immer mehr Maisons und Kooperativen präsentieren nun auch die Stillweine der Region. Vom Hitzejahrgang 2022 gab es freilich auch einige etwas überreife Pinot Noirs zu verkosten. Dafür brillierten viele Chardonnays. Etwa bei Altmeister Bruno Paillard, JM Sélèque oder der unkonventionelle Genossenschaft Chavost, die komplett auf Schwefel verzichtet.

Bildrechte

Stefan Pegatzky / Time Tunnel Images

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