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Der Name Roederer zeigt heute wie der Blick in ein Kaleidoskop je nach Blickwinkel eine andere Facette. Es ist der Name einer bedeutenden Gruppe von Weingütern, die von Kalifornien bis nach Portugal reicht. Es ist der Inbegriff einer hochgeschätzten Champagner-Marke. Und es ist ein Dach für unterschiedliche Weinbau-Zentren innerhalb der Champagne, die jeweils mehr oder weniger in Eigenregie die Spitzenprodukte der Maison produzieren. Zusammengehalten wird dieses faszinierende Konglomerat von zwei Personen. Dem Haupteigentümer Frédéric Rouzaud, ein Nachkomme von Louis Roederer und in der siebten Generation der Leiter des Familienunternehmens Groupe Champagne Louis Roederer. Und Jean-Baptiste Lécaillon, dem Vizepräsidenten der Gruppe und Kellermeister von Champagne Roederer. In den letzten Jahren haben beide gemeinsam eine bedeutende Vertiefung wie auch eine grundlegende Transformation des Portfolios eingeleitet. So etwa die Einführung der Cristal-Vinothèque-Serie, der Late-Release-Vintages sowie die Coteaux Champenois der Camille-Reihe. Und natürlich vor allem die Ablösung des Brut Premier durch die Collection.
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Unterhalb dieser Innovationen auf Produktebene aber vollzog sich eine viel grundlegendere Transformation: der Wandel vom Négociant zum Winzer. Zwar verfügte das Haus seit dem Erwerb erster Parzellen 1841 auch über eigene Weinlagen – heute besitzt Roederer 250 Hektar Weinberge. Aber erst seit Frédéric Rouzauds Vater Jean-Claude Mitte der 1970er-Jahre und vor allem seit Jean-Baptiste Lécaillon 1999 auch die Verantwortung über die Weinbergsbewirtschaftung übernahm, hat sich die Betriebsphilosophie des Hauses maßgeblich gewandelt. Die besteht nun in der Grundintuition, dass große Champagner in erster Linie nicht mehr im Keller, sondern im Weinberg entstehen. „Die neue Champagne wird durch das Terroir bestimmt“, lautet eine der zentralen Überzeugungen von Lécaillon. Das ist gerade im Hinblick auf den Klimawandel zentral. Denn es sind die Weinberge, die Böden, die uns die Zukunft schenken werden, nicht die klimatischen Bedingungen. Und darum geht es: Sich auf das Kommende vorzubereiten, um schließlich „im besten Teil der Zukunft zu sein“.
Die Meisterklasse
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In einer Meisterklasse illustrierte Jean-Baptiste Lécaillon die Auswirkungen dieser Grundidee auf drei tragende Säulen des Roederer-Portfolios: Collection, Vintages sowie Roederer+Starck. Den Beginn machte ein Vergleich zweier Versionen der Collection. Dieser 2021 eingeführte durchnummerierte Multi-Vintage-Champagner hatte den Brut Premier als Einstiegscuvée des Hauses abgelöst. Ein gewagter Schritt angesichts der Bedeutung, die jeder klassische jahrgangslose Brut üblicherweise für die Grandes Marques der Champagne besitzt. Neben dem Grundjahrgang und einem Anteil in großen Holzfässern gelagerten Reserve-Weinen ist hier eine eine 2012 angelegte „Reserve Perpetuélle“ maßgeblich. Das sind assemblierte und jährlich erneuerte Grundweine (ohne „malo“), die im Edelstahl reifen. Die Collection bietet ein präzises Mosaik der Champagne als Ganzes. Je nach Jahrgang fallen sie eher „atlantisch“ oder „kontinental“ aus, wie Lécaillon feuchte und kühle oder heiße und trockene Jahrgänge klassifiziert. Collection 245 mit Basis 2020 zeigt im Bouquet reife Pfirsiche und Mirabellen und am Gaumen eine weiche Säure mit reichem Mundgefühl. Beim Collection 246 mit dem kühlen Grundjahrgang 241 dominieren eher Zitrusnoten und Hefenoten. Er ist schlanker, zeigt dafür aber mehr Druck am mittleren Gaumen.
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Es folgen die Brut-nature-Champagner aus der Zusammenarbeit mit Philippe Starck (hier der Link zu meinem Artikel zum aktuellen Jahrgang). Hier beeindruckt besonders Rosé 2018. Im dritten Jahrgang seit Beginn dieser Mono-Crus aus Cumières zeigt sich der Champagner weinig und großzügig, mit Anklängen an Walderdbeeren und Orangenzesten. Mit gleicher Farbe, aber noch eleganter und mit brillanter Säure, gefällt der „Standard“-Vintage Rosé 2018 sogar noch besser. Wieder etwas weicher und bei aller Komplexität fast hedonisch zeigt sich der klassische Vintage aus dem gleichen Jahr. Sein Rückgrat sind Pinot Noirs aus Verzy von der nördlichen Montagne de Reims. Vom Jahrgang 2019 an wird von hier ein Blanc de Noirs millésimé erscheinen. Als erste Abfüllung aus diesem Ausnahmejahrgang präsentiert Lécaillon schließlich den Blanc de Blancs. Er stammt aus vier Parzellen aus Avize, dessen trockene, zentrale „mid-slope“-Kalklagen einzigartige Resultate ergeben. Es ist tatsächlich der beste Blanc de Blancs, den ich von Roederer jemals verkosten durfte.
Das Cristal-Dinner
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Am Abend lud Frédéric Rouzaud zum Diner im Hôtel Particulier der Familie in Reims. Es war ein Erlebnis, nicht zuletzt kulinarisch, aber auch so etwas wie die Fortsetzung der Meisterklasse vom Nachmittag. Die Themen: Roederer Cristal und Camille. Für Jean-Baptiste Lécaillon war es noch einmal der Moment, an die Grundpfeiler der Roederer-Stilistik zu erinnern. Zu diesen gehöre nämlich weder die malolaktische Gärung, noch die von der Hefe stammenden Autolyse-Aromen. Entscheidend seien dagegen die (aus der Güte des Jahrgangs stammende) Frucht und der Boden. Dies ergänze sich idealerweise im Verhältnis 50 zu 50, wodurch sich Saftigkeit über die Mineralität läge. Die beiden folgenden Jahrgänge 2013 (aus der Magnum) und 2016 umspielen für Lécaillon diese Relation auf ihre Weise. Der kühle, spät reifende 2013er mit 45% Sonnenschein und 55% Mineralik – der reife, großzügige, aber auch noch sehr jugendliche Jahrgang 2016 im umgekehrten Verhältnis.
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Ein ähnliches Kontrastpaar bilden beim Cristal Rosé die Jahrgänge 2014 (auch aus der Magnum) sowie 2015. Bei Ersterem zeigte sich der große Vorzug eines Jahrgangs ohne Extreme. Sie sind die ideale Vorbedingung einer essentiellen Eigenschaft großer Champagner: der Eleganz. Dagegen wirkt 2015 kraftvoll und weicher – für Lécaillon spiegelt er volle „100% Sonnenschein und 100% Boden“. In meinen Augen ist er freilich, weil weniger von der Säure getragen, etwas spannungsloser. Danach folgte die beiden Cristal-Varianten aus 2004 in der Vinothèque-Version – der Rosé als Premiere! Beide sind 2019 degorgiert worden und reiften dann weitere sechs Jahre „post-dégorgement“ im Keller der Maison. In diesem Jahr hat für mich – was beileibe nicht immer der Fall ist – der Blanc die Nase vorn. Er vereinigt unfassbare Frische (für Lécaillon „ewige Jugend“) mit nicht enden wollender Tiefe. Ein schlicht sensationeller Champagner!
Der Abend endet mit den beiden Stillweinen der Maison, den Coteaux Champenois Camille aus 2022. Dabei stammt der weiße aus Le-Mesnil-sur-Oger und der rote aus Bouzy. Sie sind einen eigenen Artikel wert. An dieser Stelle nur der Hinweis, dass im nächsten Jahr ein roter Dizy erscheinen wird und zwei weitere Weine in der Produktion sind.
Im Weinberg
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Der Folgetag bot die rare Gelegenheit zur Exkursion zu zwei der bedeutendsten Weinberge des Roederer-Besitzes. Die Fahrt begann im Grund Cru Verzenay, neben Verzy für Roederer die wohl bedeutendste Weinbaugemeinde in der nördlichen Montagne de Reims. Das Haus besitzt in Verzenay ein eigenes, auf Pinot Noir spezialisiertes Presszentrum. Auch deswegen spricht die englische Fassung des Rückenetiketts der Vintage Champagner von Roederer wohl von „,La Montagne‘ Estate“ (die französische nur von „vignobles“, also Weinbergen). Direkt am Ortsausgang an der Rue de Sillery liegt die biodynamisch bewirtschaftete Lage Basse Couture. Hier stehen die über 50 Jahre alten Reben bereits in der zweiten Generation der Massenselektion. Man stößt dort nach 20 Zentimetern Oberboden direkt auf pure Kreide – was die Lage zu einem zentralen Bestandteil des Blends für den Cristal macht. Les Bayons in Verzy, ebenfalls eine Spitzenlage, besitzt dagegen einen etwas höheren Lehmanteil und ist ein historischer Bestandteil der Vintages von Roederer.
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Zweiter Pinot-Noir-Hotspot für Roederer ist Aӱ. Hier ist die Maison, wie auch in Verzenay, zweitgrößter Landbesitzer – in Avize sogar die Nummer eins. Dort besichtigen wir die junge Anlage La Gargeotte. Deren massenselektierte Reben stammen aus der betriebseigenen Rebschule La Bouleuse, sind aber erst zehn Jahre alt. Frühestens in zehn Jahre werden hier wieder Trauben für den Cristal Rosé produziert werden. Aktuell wandert die Ernte in den Versandlikör, also die Dosage, der Roederer-Champagner. Gemeinsam mit den Nachbarparzellen wie Goutte D’Or und Bonotte-Pierre Robert (2021 ebenfalls neu bepflanzt) liegt hier ein weiteres historisches Zentrum von Roederer. Hier hatte Jean-Claude Rouzaud 1974 die ersten Plots für den Cristal Rosé identifiziert. 1998 wurde dann aber die Plot-Auswahl für den Champagner wegen des Klimawandels überdacht. Der Ertrag des Goutte D’Or wandert nun in den Cristal Blanc – und Kernstück des Rosé ist derzeit die 1998 neu bepflanzte, höher gelegene Lage La Villers in Aӱ.
Ausklang im Vendangeoir
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Den Abschluss bildet ein Besuch im Vendangeoir von Louis Roederer im Zentrum von Aӱ. Es dient unter anderem als Presszentrum der Maison im Sektor Grand Vallée de la Marne, kurz „La Vallée“. Neben Lagen im Grand Cru Aӱ hat die Maison hier noch weiteren wichtigen Besitz. Insbesondere in Top-Premier-Crus wie Cumières, dem Ursprung des Roederer+Starck, Dizy, Hautvillers und Mareuil-sur-Aӱ. Wie sein Gegenstück in Verzenay hat das Vendangeoir in Aӱ ebenfalls spezifische Aufgaben. Hier befindet sich neben traditionellen 4-Tonnen-Coquard-Pressen auch eine besondere Einrichtung für das Pressen von Meunier-Trauben. Auch der Ausbau der Camille-Stillweine findet hier statt. Eine zumindest temporäre Aufwertung erfährt in naher Zukunft der äußerlich bescheidene, aber im Innern stilvoll restaurierte historische Mitteltrakt des Anwesens. Weil das Hôtel Particulier in Reims instandgesetzt werden muss, wird es für einige Zeit als offizielles Gästehaus der Maison dienen.
Spannende Neuigkeiten! Ein Blanc-de-Noirs-Vintage, neue Stillweine und eine Reihe Einzellagen-Champagner …
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Den Besuch beschließt ein wundervolles Lunch, eingeleitet und begleitet von aktuellen und älteren Vintage-Champagnern der Maison. Es sind zwei Dreier-Pärchen, wobei die jüngeren Jahrgänge jeweils in der Magnum serviert werden. Das erste Trio bestand aus 2016 Vintage, 2016 Blanc de Blancs und 2013 Rosé. Insbesondere Letzterer zeigt sich mit seiner zurückhaltigen Fruchtigkeit und salzigen Länge perfekt gereift. Wunderbar frisch auch der 2008er Rosé. Dessen Bouquet erinnert an Himbeerbiskuit – tatsächlich verbirgt diese Patissier-Oberfläche eine ungeahnte spannungsreiche Vielschichtigkeit. Ein wunderbar gereiftes Bouquet präsentiert auch der Blanc de Blancs von 2005. Am Gaumen sind alle seine Komponenten nahtlos verwoben. Die enorme Alterungsfähigkeit der Roederer-Vintages zeigt auch der noch hell-goldgelbe 1993er mit seinem zarten Birnenaroma und seiner schlanken Textur. Als Schlusspunkt begleitet der Carte Blanche das Dessert hervorragend. Man fragt sich, warum der Demi-sec (38 Gramm Dosage) in Deutschland so selten ist.
Im Segment der Vintage-Champagner verkündete Jean-Baptiste Lécaillon dann auch die größte Neuigkeit: So wird Roederer in zwei bis drei Jahren die ersten Einzellagen-Champagner vorstellen. Zunächst, wenn ich das richtig verstanden habe, als reinsortige Pinot Noirs. Das Ziel sind 15 einzelne Abfüllungen zu je 500 Flaschen. Das sind dann Roederers Vintages der nächsten Generation.
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Bildrechte
Stefan Pegatzky / Time Tunnel images
Weiterführender Hinweis
Mit wenigen Champagner-Häusern hat sich Sur-la-pointe intensiver beschäftigt als mit Louis Roederer. Weitere Online-Artikel findet der interessierte Leser an diesen Stellen: Zum Brut Nature hier, zu den Late-Release-Vintages hier, zum Cristal sowie Cristal Rosé hier bzw. hier, zur Zukunftsstrategie des Hauses hier, hier und hier.





