JB Lécaillon – Das große Interview (Teil 1)

Er ist das Gesicht von Champagne Louis Roederer. Jean-Baptiste Lécaillon ist zugleich Kellermeister und Botschafter der renommierten Maison aus Reims. Anlässlich einer Master Class in Hamburg zur neuen Serie „Collection“ gab er Sur-la-pointe.com ein ausführliches Exklusiv-Interview. Im ersten Teil erklärt JBL seine besondere Rolle bei Roederer und warum man den Klimawandel umarmen muss.

7 Minuten Lesezeit

SLP: Sie sind Chef de cave der Maison Roederer, aber auch gleichzeitig deren Executive Vice President. Das ist in der Champagne einmalig. Was bedeutet das konkret?

JBL: Zunächst einmal bin ich Leitender Kellermeister und zugleich verantwortlich für die Weinberge, das ist sehr wichtig. 1999 hatten wir bei Roederer beschlossen, einen neuen Schritt zu gehen, wir wollten, dass [die Prestige Cuvée] Cristal in erster Linie im Weinberg entsteht, also musste ich hierüber Kontrolle bekommen. Zu dieser Zeit hatte in der Champagne kein Chef de cave diese Verantwortlichkeit. Mittlerweile gibt es einige, die beide Funktionen vereinen, aber grundsätzlich ist es noch sehr getrennt. Üblicherweise sprechen der Leiter der Außenbewirtschaftung und der Kellermeister lediglich während der Ernte miteinander. Aber dann hat Frédéric Rouzaud die Verantwortung von seinem Vater übernommen. Und Jean-Claude [Rouzaud] wollte zwei starke Positionen haben. Deshalb schuf er die Position des Vize-Präsidenten. Darum gibt es neben Frédéric als Familieninhaber, Präsident und CEO mich als Vize-Präsidenten, mit der Verantwortung für die gesamte Produktion und alle Domänen der Familie.

Verantwortung über die Champagne hinaus

Château Pichon-Comtesse gehört seit 2006 zur Roederer-Gruppe.

Ich beaufsichtige also etwa Pichon-Comtesse in Bordeaux, Domaines Ott in der Provence, Ramos-Pinto in Portugal und alle kalifornischen Weingüter. Champagne Deutz steht noch ein bisschen außerhalb, aber wir kommen uns jetzt näher. Aber wenn ich sage „beaufsichtige“, dann sollte ich besser sagen „coache“, denn darum geht es: einem Team von Weinmachern und Weinbergmanagern den Spirit des Roederer-Projekts zu vermitteln. Gerade vor zwei Wochen hatten wir ein großes Team-Treffen aller Domänen in Kalifornien. Dabei setze ich möglichst viele aktuelle und zukünftige Projekte auf die Tagesordnung und vermittele, wo wir als Unternehmen hinmöchten, was die nächsten Schritte bei der Weinproduktion sein werden und so fort. Dabei unterstütze ich das Team und leite es an, sodass alle ihr Bestes geben.

Also ist diese Funktion des Vize-Präsidenten ziemlich wichtig, der Titel macht sozusagen meine Aufgaben etwas „offizieller“ [lacht]. Das gibt es eigentlich nur bei uns. Jedenfalls reicht meine Rolle weit über die Champagne hinaus. Wenn ich in der Champagne geblieben wäre, wäre ich „nur“ Chef de cave und Weinbergmanager geblieben und hätte mich auf die Produktion konzentriert. Aber seit ich 1989 zu Roederer gekommen bin, hatte ich die Aufgabe, mich um die Entwicklung des Unternehmens zu kümmern. All die Zukäufe seitdem, Ramos Pintos, de Pez, Kalifornien, das gehörte zu meinem Job. Und ich kümmere mich um sie alle. Ich habe das Glück, jede einzelne Rebe zu kennen, von allen Weingütern.

Die neue Serie Collection

Sie haben Ihren Standard-Champagner Brut Premier vor zwei Jahren durch die durchnummerierte Collection ersetzt. Was war der Grund hierfür?

Tatsächlich war der Auslöser der Klimawandel. Wie können wir sicherstellen, dass wir den bestmöglichen Blend unter den aktuellen Bedingungen produzieren können? In den ersten vier Test-Editionen der Collection ging es darum, eine „neue Frische“ zu finden. Wir haben heute weniger Säure, daher müssen wir so etwas wie eine „neue Frische“ finden. Ich habe vier Jahre gebraucht, um das wirklich zu verstehen. Etwas anderes als die Säure musste sie ersetzen. Dabei geht es um die malolaktische Gärung, die Phenolik, Dosage, den Druck, eine Reihe von Dingen. Sobald wir diese neue Frische sichergestellt hatten, die nicht mehr nur von der Säure geprägt ist, stellten wir fest: Eigentlich ist das eine neue alte Frische, denn das war die Frische vor 100 Jahren. Die dann tatsächlich veröffentlichten Editionen 242, 243 und nun 244 bilden dann das zweite Kapitel der Collection, das ich mit „Auf der Suche nach Finesse“ überschreiben möchte.

244 könnte bereits ein neues drittes Kapitel aufschlagen, aber ich werde ihn in noch einmal in Kapitel 2 stellen, denn er hat diese sehr elegante Mousse. Denn das ist ja unsere Herausforderung: Wir müssen unsere Weine gleichzeitig mit genügend Kraft und Frische, aber auch Eleganz produzieren. Und ich denke, 244 besitzt alle drei Eigenschaften und balanciert sie schön aus: Er ist konzentriert, elegant und hat ein salziges Finish. Wenn du ein Glas trinkst, möchtest du ein weiteres. Und er hat diese beeindruckende Textur, diese Finesse, danach sind wir auf der Suche. Natürlich wird er vom großartigen Jahrgang 2019 geprägt, aber wenn wir auf die Collection 245, 246, 247 schauen, die bereits produziert wurden, sehen wir, dass wir in die richtige Richtung gehen.

Den Klimawandel umarmen

Sie nutzen sozusagen die Krise zu Ihren Gunsten …

Die Grundidee ist, den Klimawandel anzunehmen und zu umarmen, das ist der eigentliche Grund der Collection. Angesichts des Klimawandels kann man zwei Positionen einnehmen: Man kämpft dagegen an, weil man nicht will, dass sich etwas ändert. Aber das ist eine verlorene Schlacht. Denn man wird nie wieder die gleichen Weine machen können wie in den 70er-Jahren. Zu viele Leute versuchen heute, früh zu ernten, unreif, um die Säure zu erhalten. Aber wenn man sich die Säurewerte in den 70er und 80er Jahren anschaut, denke ich, sie machen einen Fehler. Denn sie verlieren das Gleichgewicht, die Finesse. Sie bekommen einen Wein, der immer schmaler wird, unausgewogen und hart. Der ist noch „grün“ durch die Säure, selbst wenn sie sie durch die malolaktische Gärung zu bändigen versuchen. Man muss sich also auf den Klimawandel einlassen und seine Weinbereitung und seine Philosophie an die neue Situation anpassen.

Übrigens bin ich selbst davon überzeugt, dass, wie wir heute in der Champagne arbeiten, näher an den 1940er-Jahren ist als wie in den 1970ern produziert wurde. Weniger Edelstahl, mehr Holz, reiferes Lesegut, geringere Erntemengen, mehr Konzentration, mehr Länge. Die neue Frische ist die alte Frische. Wir kommen zurück zur DNA der Champagne. Das ist eine große Gelegenheit, nicht nur für die Champagne, denn unser Renommee stammt aus dieser Zeit, nicht aus den Siebzigerjahren.

Wir kommen zurück zur DNA der Champagne.

Jean-Baptiste Lécaillon

Es ist eine große Chance für meine Generation, dass wir eine neue Seite schreiben können. Es geht nicht darum, die 70er- oder 80er-Jahre zu kopieren, sondern die Zukunft des Champagners zu gestalten und zu erschaffen. Wir schreiben sie jetzt. Und für Roederer ist die Collection der letzte Schritt. Wir sind ihn mit Cristal gegangen, mit dem Brut Nature und den anderen Weinen, denen wir alle eine neue Richtung gegeben haben. Bisher steckte lediglich der Brut Premier noch in der Welt von gestern, geprägt von den 70ern und 80ern. Mit der Collection versetzen wir den Brut Premier in die Welt der zeitgenössischen Champagner, indem wir die Weine von heute und morgen produzieren.

Beim Champagner sind traditionell nicht nur Kultur und Herstellung ein wichtiges Thema, sondern auch der Vertrieb. Roederer hat Vertriebsteams und -partner in der ganzen Welt – und für die war der Brut Premier das wichtigste Produkt. Anlässlich des Wechsels zur Collection wird es viele Diskussionen gegeben haben. Nun sind etwa zwei Jahre vergangen, sind Sie zufrieden?

Ja, insgesamt ist es ein großer Erfolg, zu 90 Prozent lief es positiv. Es gibt da ja zwei Dimensionen: Auf der einen Seite steht der Konsument, auf der anderen der Vertrieb. Wir mussten unsere Mannschaft trainieren, nicht mehr über die Marke, sondern über den Wein zu sprechen. Wenn wir über Brut Premier gesprochen haben, haben wir über die Marke gesprochen. Das ist beständiges Branding, dabei geht es um einen konstanten, immer gleichbleibenden Stil. Wenn man über die Collection spricht, muss man über den jeweiligen Blend sprechen, denn jeder Wein ist anders. Sie müssen also in ihrer Ansprache die Weindimension einführen. Und dann liegt die Zukunft des Champagners sicherlich verstärkt in der Gastronomie. Wenn wir uns also in diese Richtung weiterentwickeln wollen, müssen wir stärker in die Weindiskussion eintreten.

Abschied vom konstanten Stil

Beim Brut Premier lief es immer gleich ab: 50 Prozent Pinot Noir, 40 Prozent Chardonnay, 20 Prozent Pinot Meunier, das war՚s. Dann gibt es den Vintage, da sagst du: Das ist 2013 oder 2015. Und dann noch die Prestige Cuvée. Dabei geht es nicht über Weine, eigentlich ist das bloß Branding. Also war es die Herausforderung, unser Vertriebsteam zu dieser Weindiskussion hinzuführen. Das war am Anfang nicht leicht, wir mussten viel erklären. Ich habe ein ganzes Jahr mit dem Vertrieb verbracht, um zu erläutern, was wir vorhaben. Auf der anderen Seite steht der Konsument. Wir haben immer noch einige alte Brut-Premier-Anhänger, was auch verständlich ist. Aber wir sprechen nicht von demselben Wein. Es geht darum, dem Markt und dem Kunden zu erklären, was wir tun. Wenn man mit den meisten von ihnen über Wein spricht, dann funktioniert das auch. Denn am Ende verstehen sie, dass 244 anders ist als 243.

Liebhaber können 243 jetzt trinken, beim 242 noch ein Jahr abwarten und 244 sogar noch zwei Jahre. Einige Restaurants in Japan haben alle drei Weine auf ihrer Weinkarte. Dann kann der Sommelier sagen: Ah, du willst einen Aperitif, nimm 242, der 243 ist vielseitiger zum Essen. Das ist sehr spannend, aber es ist auch eine Menge Arbeit. Und ich bin im Unternehmen derjenige, der über die Umsetzung der Erklärung entscheidet, nicht das Marketing. Beim 242 haben wir sehr viel erklärt, beim 243 waren wir zurückhaltender. Nun kommt 244, darüber sprechen wir aktuell. Damit die Menschen die ganze Geschichte kennen. Danach wird es einfacher. Und wir dürfen nicht vergessen, wir sind nicht allein: Es gibt Jacquesson, Krug Éditions, Lanson Création Black. Und ich unterhalte mich viel in der Champagne, und deswegen weiß ich, es werden noch viele kommen.

Steht die Collection nicht im Wettbewerb zu den Vintages?

Das ist eine andere Geschichte. Bei Roederer kommen Jahrgangschampagner nun ausschließlich aus einem Ort. 2019 etwa stammt zu 100 Prozent von Pinot Noir aus Verzy. Der Blanc de Blancs wird seit 2009 aus Chardonnay aus Avize produziert. Der Rosé stammt aus Cumières. Wir beschränken uns also bei den Vintage-Weinen auf eine einzige Gemeinde, einen Cru. Bei der Collection geht es nicht um einen Mono-Cru, hier geht es um den vollen klimatischen Ausdruck der Champagne, also das Makro-Klima der Champagne. Der Vintage bringt, wie unter dem Brennglas, das Meso-Klima zum Ausdruck, so wie auch der Brut-Nature oder die Lagen-Champagner und was in Zukunft noch von uns kommen wird …  Und dann gibt es das Nano-Klima. Das ist der Cristal, da geht es um den Boden, den Kalk. Wir gehen also in unserem Portfolio von der ganzen Champagne zur Gemeinde bis zum Lagenausdruck und schließlich zum Boden. Das ist einzigartig.

[Das Interview fand am 12. Juli im Hamburger Hotel Vier Jahreszeiten statt. Übersetzung: Stefan Pegatzky. Im zweiten Teil spricht Jean-Baptiste Lécaillon unter anderem über das Terroir der Champagne, die beiden unterschiedlichen Typen von Kellermeistern und warum Roederer nicht in Großbritannien investieren wird.]

Bildrechte:

(c) Stefan Pegatzky/Time Tunnel Images

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