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Geschichte
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Champagne Esterlin ist die Marke einer 1948 gegründeten Kooperative. Diese stammt aus der Gemeinde Mancy im Tal der Cubry im südlichen Hügelland von Épernay. Das Archiv nennt die drei Familien Fransoret, Dehu und Cadestin als Gründer, schnell zählte die Genossenschaft 29 Mitglieder mit einer Gesamtfläche von 23 Hektar. In den 1960er-Jahren wurden die ersten Produkte unter eigenem Namen vermarktet. 1972 wurde eine Solera oder „beständige Reserve“ eingerichtet. Möglicherweise seit etwa der gleichen Zeit verzichteten die Mitglieder auf die malolaktische Gärung. Jedenfalls sprechen bereits die frühestens noch vorhandenen Aufzeichnungen von 1976 davon. 1983 wird die Marke Esterlin geboren – benannt nach einer alt-französischen Währung, auf die der britische Begriff „Sterling“ zurückgeht. 1994 bezog die Marke dann ihren Sitz an der traditionsreichen Avenue de Champagne in Épernay. Als bis heute einzige Champagner-Kooperative überhaupt! Das stieg einigen Verantwortlichen Anfang der 2000er-Jahre zu Kopf. Jedenfalls geriet das Unternehmen wegen Unregelmäßigkeiten eine Zeitlang in schweres Fahrwasser.
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2005 übernahm Éric Potié den Vorsitz der Genossenschaft. Der langjährige Präsident des Kooperativen-Dachverbandes in der Champagne (FCVC) stabilisierte das Unternehmen und scharte eine Reihe kompetenter Mitarbeiter um sich. So machte er insbesondere Frank Lesterlin 2018 zum Generaldirektor. Der verfügte über Führungserfahrung bei großen Maisons in der Champagne wie Duval-Leroy und Laurent-Perrier, aber auch des Burgunds wie Louis Jadot. Lesterlin sorgte für die qualitative Neupositionierung der Champagner. Die Marke stärkte er durch einen selektiven Vertrieb, etwa als Präsident des neu geschaffenen Vertriebsverbundes Champ’ by Coop, die kleine, aber hochwertige Champagnerkooperativen vereint. 2017 begann die Kooperation mit der benachbarten Kooperative von Vinay (die selber keine Eigenmarke besaß). 2025 wurde die Fusion zur Coopérative Vinay Mancy vollzogen. Im gleichen Jahr landete das Haus mit der Ernennung von Gabrielle Malagu (siehe Foto) zur Kellermeisterin einen Coup. Die stand eigentlich davor, diese Position bei der Maison Gosset anzutreten, dem ältesten Weinhaus der Champagne.
Stilistik
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Die Wiege der Marke liegt in den Coteaux Sud d’Épernay. Das ist eine Region, die im Schatten der nahen Côte des Blancs liegt, wegen der Nähe zu Épernay aber über einige Bedeutung verfügt. Traditionell dominieren Chardonnay und Meunier. Die Exposition bestimmt das Verhältnis. Je nachdem, ob die Weinberge eher im Westen, nahe der Marne, oder im Osten Richtung Côte des Blancs liegen. Bei der weiter südöstlich gelegenen Kooperative von Mancy war Chardonnay Trumpf – was ihr die Entwicklung der Marke Esterlin ermöglichte. Vinay dagegen ist eher Meunier-fokussiert. Letztere war mit 173 Mitgliedern und 95 Hektar Weinbergen, gegenüber Mancy mit 228 Mitglieder und 118 Hektar, von der Größe her fast gleich groß. Der gemeinsame Weingutsbesitz liegt jedenfalls nicht nur um Épernay, sondern auch im Sézannais und dem westlichen Marnetal bei Chapelle-Monthodon. Hier, wie in Mancy, unterhält die Kooperative auch jeweils ein Presszentrum. Mittlerweile wird ein Großteil der Trauben zertifiziert nachhaltig bewirtschaftet.
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Der Stil des Hauses wird, abgesehen von den beiden Hauptrebsorten, durch die beiden erwähnten Instrumente beherrscht. Einmal die Solera (im Edelstahl) als Herkunft der Reserveweine und sodann die Blockierung der malolaktischen Gärung. Beides Maßnahmen, die zu einem ungewöhnlich frühen Zeitpunkt eingeführt wurden. Gerade in den kühlen 1970ern brauchte man für die Entscheidung contra „Malo“ einigen Mut. Die mangelnde Textur der schlankeren Äpfelsäure gleichen die Esterlin-Champagner durch eine überdurchschnittlich lange Flaschengärung aus. Dank der Klimaerwärmung kann sich Esterlin schließlich niedrige Fülldosagen leisten. Das ist natürlich insgesamt eine Stilistik, die wenig mit den großen Marken, sondern mehr mit Winzerchampagnern zu tun hat, weil sie mehr Risiken eingeht. Mit dem klassisch-modernen Geschmacksbild verbindet das Haus der Einsatz von Edelstahl – bis auf die Cuvée Cléo, wo auch Pièces aus dem Burgund von 228 Liter sowie 350-Liter-Muids zum Einsatz kommen. Sodann gibt es keine Mono-Crus, obwohl einige Cuvées aus sehr klar umgrenzten Terroirs stammen.
Portfolio
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Die Einstiegslinie bei Esterlin heißt „Éclat“, zu Deutsch „Glanz“. Brut Éclat ist Meunier-dominiert (30Ch|10PN|60M) und stammt aus allen drei Regionen, in denen das Unternehmen Weinberge hat. Er enthält etwa 30% Reserveweine aus der Solera, seine Flaschengärung beträgt beachtliche 58 Monate. Der Rosé Éclat ist mit 93% eines Jahrgangs (aktuell aus 2021) nahezu ein Vintage – und weist hälftig rote und weiße Trauben auf (50%Ch|20%PN|30%M). Er entsteht als Assemblage aus 17 Prozent Meunier-Stillweinen. Mit dem jahrgangslosen Blanc de Blanc Éclat beginnt die Reihe reinsortiger Chardonnay-Champagner bei Esterlin. Hier beträgt die Dauer der Flaschengärung bereits acht Jahre! Die Linie „Authenthique“ umfasst neben drei Jahrgangschampagnern auch den Ex-Solera Extra Brut, der besonders von der „beständigen Reserve“ seit 1972 geprägt ist. Er weist denselben Meunier-dominierten Blend wie der Brut Éclat auf, enthält aber zu 40 Prozent Grundweine, die aus der Solera stammen. Dazu ist der Basisjahrgang (aktuell 2013) deutlich älter und die Dosage niedriger.
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Pur Meunier Extra-Brut ist dann der erste Vintage, aktuell aus 2019. Dann folgt ein Blanc de Blanc Millésimé Extra-Brut, zurzeit von 2014. Hier stammen die Trauben aus dem Umkreis von Mancy. Dazu kommt ein Brut Nature Millésimé. Hier folgte zuletzt 2012 auf 2009, beide mit einem unterschiedlichen Blend: 34%Ch|66%M beim Ersteren, 42%Ch|20%PN|38%M beim Älteren. Die Cuvée Cléo Blanc de Blanc Brut ist dann seit dem Jahrgang 2010 die Prestige-Cuvée von Esterlin, sie ist die Nachfolgerin des Elsévia. Cléo gab es früher auch in anderen Versionen, etwa als Rosé, heute beschränkt man sich auf einen Vintage Blanc de Blancs. Es ist die einzige Cuvée bei Esterlin, bei der Holz zum Einsatz kommt, konkret wird die Hälfte in Fässern ausgebaut. Dabei handelt es sich um burgundische Barriques sowie gebrauchte 350-Liter-Muids. Schließlich der Schlusspunkt ab Jahrgang 2022: ein Côteaux Champenois. Er durchläuft als Einziger die Malo und wird ebenfalls im Holz ausgebaut.
Verkostung
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Brut Éclat (Basisjahrgang 2019, dég. 12/5/2025) setzt schon mal ein Ausrufezeichen. Goldgelb im Glas, mit lebhafter Perlage zeigt er zunächst die klassischen Granny-Smith-Noten eines Non-Malo-Champagners. Die werden mit mehr Luft von einem reifen, autolytischen Hintergrund gerahmt. Die gleiche Balance aus Frische und Abgeklärtheit auch am Gaumen, bei einem dichten Kern aus wunderbarer Fruchtsüße – wow, ein toller Einstieg (90p.). Deutlich jünger, aber von vergleichbarer Klasse ist der Rosé Éclat (Basis 2021, dég 27/5/2025). Im Glas ein dunkles Lachsrot, in der Nase Aromen von Rhabarber, Pflaumen und Spritzgebäck. Das trinkt sich sehr frisch und dank der niedrigen Dosage von 7 Gramm ausgesprochen pur (90p). Ebenfalls gut, aber nicht auf dieser Höhe, sehe ich den reinsortigen Chardonnay. Blanc de Blancs Éclat (Basis 2016, dég 19/1/2024) zeigt ebenfalls zunächst grünen Apfel im Bouquet, es folgen Birne, Zitrus und Ingwer. Schlank und geradlinig am Gaumen, aber auch etwas hart und von leicht rustikaler Textur (88p.)
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Mit dem Ex-Solera (Basis 2013, dég. 26/6/2023) beginnt die Welt der reifen Champagner – entsprechend tut ihm einige Belüftung gut. Danach finden sich in der Nase reife Aromen wie Birne, Nougat, Earl-Grey-Tee, Haselnüsse und sogar Tabak. Am Gaumen wirkt der Champagner sehr trocken (4,5gr. Dosage), bei überraschend niedriger Säure (90p.). Ebenfalls kein Anfänger-Champagner ist Pur Meunier (dég. 19. März 2025). Wie der Brut Éclat stammen die Basisweine aus dem großen Jahrgang 2019. Das zeigt sich in der komplexen, charaktervollen Aromatik, die weit über den Standard „rote Beeren“ hinausgeht. Mit kräftiger Perlage und viel Energie am Gaumen, zugleich geprägt von reifer Säure und guter Länge (92p.). Mit seiner „fragilen Fülle“ reagiert beim Essen nicht immer als optimaler Partner und sollte vielleicht solo genossen werden.
2012 Brut Nature (dég. 5/1/2025) ist dagegen ziemlich kompromisslos und geradeaus. In der verhaltenen Nase vor allem Zitrus, Granny-Smith, Mandeln, Sauerteig und etwas trockener Honig. Am Gaumen ist er für den Jahrgang erstaunlich schlank und säurebetont, dabei von sehniger Textur und mit salzigem Abgang (91p.). Holzgeprägt und großzügiger in der Textur ist Cléo 2012 (dég. 24/4/2024). Die Aromatik ist, bei aller Frische, deutlich dunkler und komplexer, mit Zitrus, junger Ananas und Lavendel, aber auch Nougat und Gewürznelken (94p.).
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Bildrechte
Stefan Pegatzky / Time Tunnel Images
