
Die Maison Krug in Reims verfolgt seit Jahren das Ziel, den Champagner-Genuss durch ungewöhnliche Kombinationen zu vertiefen. Kulinarisch etwa im „Single Ingredient“-Projekt, in dem große Köche mit jährlich wechselnden Zutaten ungewöhnliche Champagner-Pairings kreieren. Oder bei „Krug x Music“, wo zeitgenössische Komponisten gebeten werden, passende Musikstücke zu ausgewählten Champagnern zu erschaffen. Denn Klänge, so die Erfahrung des Hauses, haben ebenso wie Speisen Einfluss auf die Geschmackswahrnehmung – weshalb das Team um Kellermeisterin Julie Cavil den so entstandenen „Music-Pairings“ jedes Jahr mehr Aufmerksamkeit widmet. 2025 hat Krug nun den deutsch-britischen Komponisten, Pianisten und Produzenten Max Richter nach Reims eingeladen. Champagner-Connaisseure kennen bereits die Präferenz von Dom Pérignon für den Künstler. Nun wurde Richter für das Haus Krug eingeladen, drei Werke für drei Cuvées rund um den Jahrgang 2008 zu komponieren, einer der bisherigen Höhepunkte dieses Jahrhunderts. In Berlin durften nun ausgewählte Gäste Champagner und Musik gemeinsam verkosten, erläutert von Julie Cavil persönlich.
Eine perfekte Inszenierung
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Will man über diese Verkostung sprechen, muss man zuvor ein paar Worte über den Ort der Veranstaltung verlieren. Oder besser über den ganzen Rahmen der Inszenierung. Denn der Abend begann mit einer Bootsfahrt von der Berliner East Side Gallery Richtung Osten. Diese Fahrt ist nicht die übliche der Touristenschiffe. Tatsächlich hat die Spree hier, während man an Alt-Stralau entlang gegenüber dem Plänterwald und an der Insel der Jugend vorbeischippert, etwas Märchenhaft-Unwirkliches. Das Reethaus schließlich, der Ort unserer Bestimmung, erinnert an einen Mayatempel. 2023 gebaut, hat es bereits das Time-Magazine zu einem der 100 schönsten Orte der Welt gekürt. Auch eine solche spektakuläre Umgebung beeinflusst natürlich die Wahrnehmung. Und sie wird hier in eine Richtung gelenkt, die völlig anders ist als beispielsweise bei der Präsentation des 2008er Dom Pérignons in 2018, wo ebenfalls die Musik von Max Richter eine zentrale Rolle spielte.
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Beides waren beeindruckende Inszenierungen, aber sie bilden auch eine Form des „Framings“, die unsere Sensorik zwar nicht bestimmt, aber doch in eine bestimmte Richtung lenkt. Bei Dom Pérignon fand die Verkostung inmitten eines frühlingsgrünen Weinbergs in Hautvillers unter freiem Himmel statt. Bei Krug hatte man während des Tastings den Eindruck, im Innern eines Kristalls zu sitzen. Das wurde nicht zuletzt unterstützt durch die jeweilige Wahl des Food-Pairings. Ländlich-raffinierte, teilweise gegrillte Häppchen beim Dom Pérignon, hoch-artifizielle, japanisch angehauchte Petitessen bei Krug. Beides von enormer Qualität – aber es versetzte doch in eine unterschiedliche Stimmung. Dass die beim Krug-Event schon vor der eigentlichen Verkostung gehoben war, lag dann aber auch an den beiden Champagner-Cuvées, die vorab ausgeschenkt wurden. Das war zum einen die aktuelle (noch etwas frische) Grande Cuvée 173ème Édition (Basisjahrgang 2017). Zum anderen Grande Cuvée 170ème Édition im Magnum-Format (Basis 2014), die sich derzeit bemerkenswert gut präsentiert.
„Krug from Soloist to Orchestra in 2008 (Act 2)“: Clos d’Ambonnay 2008
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Das eigentliche Programm begann mit der Verkostung des 2008er Blanc de Noirs Clos d’Ambonnay zu den Klängen von Richters „Clarity“. Die Cuvée stammt aus einer 0,68 Hektar großen Parzelle im Grand Cru Ambonnay, das berühmt für seine Pinot Noirs ist und schon immer einer der Herkunfts-Favoriten von Krug war. Es heißt, dass Henri and Rémi Krug diesen Clos mit seinen Mauern, die bis auf das Jahr 1766 zurückgehen, 1991 entdeckten und ihn dann 1994 einer lokalen Winzerfamilie abkaufen konnten. Tatsächlich ist diese Parzelle, am Rande der Gemeindegrenze von Ambonnay und am Fuße der südlichen Ausläufer der Montagne de Reims gelegen, kein historischer Weinberg, sondern wurde erst im 20. Jahrhundert angelegt. Jedenfalls stammt der erste Champagner aus dem Jahrgang 1995, die Präsentation war im Jahr 2007. 2024 hat die Maison an diesem Ort nach sieben Jahren Bauzeit ihre hochmoderne neue Kellerei eingeweiht, die nach dem Firmengründer den Namen Joseph trägt.
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Der Jahrgang 2008 feierte an dem Abend im Rahmen dieser „konzertanten Verkostung“ ihre Deutschland-Premiere. Von ihm gibt es lediglich 4.725 Flaschen, das Degorgement fand im September 2023 statt. Es ist ein, bei aller Jugend, spektakulärer Champagner, mit Noten von jungen Mirabellen, Toast und, mit zunehmender Belüftung, zunehmend dunklen Aromen bis hin zu Nougat. Sehr präzise, mit brillanter Säure, lang und am Ende mit deutlicher Salzigkeit (98p.). Die dazu gespielte Musik – Klavier, Violine und Cello mit teils solistischen, teils dialogischen Passagen – eine hat sehr suggestive Wirkung. In Verbindung mit dem Champagner erweckt sie beim Hörer narrative Assoziationen, die um das Thema Reinheit kreisen. Bei mir war es zunächst der schwarze Monolith aus „2001: Odyssee im Weltraum“ mit seiner Aura einer Gesetzestafel aus dem Kosmos. Danach musste ich an das Mädchen Paola denken, die der Erzähler in der Schlusssequenz von Fellinis „Dolce Vita“ am Meer trifft. Ein faszinierender Bogen!
„Krug from Soloist to Orchestra in 2008 (Act 2)“: Vintage 2008 und Grande Cuvée 164ème Édition
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Dieses verblüffende Wechselspiel zwischen Champagner und Musik wollte sich beim zweiten Stück nicht so sehr einstellen. Auch beim Krug 2008 (deg. 2021) dominieren die roten Trauben: mit 53 Prozent Pinot Noir und 25 Prozent Meunier und zudem 22 Prozent Chardonnay. Auch die Herkünfte der wichtigsten Crus – Aÿ, Bouzy und Ambonnay – liegen recht nahe an denen des Mon- Crus Clos d’Ambonnay. Der Champagner wurde begleitet wurde vom kammermusikalischen Stück „Ensemble“ – worin vor allem die Violine auch mehrere solistische Passagen hatte. Aber als Verkoster war man hier doch sehr mit dem Champagner beschäftigt. Der zeigte neben einer gewissen Unruhe zu Beginn mit etwas laktischen Noten bereits eine erste Reife. Das Bouquet ist zurückhaltend, etwas reifer Apfel, Haselnüsse, Brioche, eine Idee von Holz. Am Gaumen recht schlank, aber vertikaler als der Blanc de Noirs. Wie pure Energie strahlt die Säure hervor (die Malo wird geblockt) – die einmalige Signatur des Jahrgangs 2008 (96p.).
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Die Grande Cuvée 164ème Édition erinnert einen wiederum an die Worte von Julie Cavil, wonach es bei Krug keine Hierarchien gibt, sondern nur verschiedene Ausdrucksformen. Die Cuvée (48PN|35CH|17M) basiert zwar auf dem Jahrgang 2008. Durch seinen Anteil von 32 Prozent Reserveweinen ist er eine Assemblage von 127 Weinen aus 11 verschiedenen Jahrgängen, wobei der älteste aus dem Jahr 1990 stammt. Max Richter begleitet dazu mit seiner „Sinfonia“ zurückhaltender, als es der Titel denken lässt. Denn das Stück entwickelt sich ganz zart aus einem Klaviersolo in eine sehr sanfte, orchestrale Breite, was sich gut mit der abgeklärten, weich-luxuriösen Textur der Grande Cuvée verträgt. Der völlig in sich ruhende, sehr vielschichtige Champagner – mittlerweile etwa neun Jahre auf der Flasche – zeigt neben Noten von Birnen und getrockneten Aprikosen viele autolytische Aromen von Brioche bis Sauerteig (96p.). Am Ende illustriert die Verkostung nicht nur ein Fortschreiten von Purismus zu Fülle, sondern auch von Jugend zu Reife – obwohl sie sich um das eine Jahr 2008 drehte. Aber auch das ist eine Dimension großer Champagner: ihre zur Meditation einladende Komplexität.
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Stefan Pegatzky / Time Tunnel Images
