Rheingauer Weinkellereien (I). Aus dem „Weinkenner“ von 1916

Im Oktober 1916 veröffentlichte der Journalist Heinz Gorrenz im „Weinkenner“ einen Artikel über Rheingauer Weinkellereien in adeligem Besitz. Einige Namen genießen auch heute noch großes Ansehen wie Schloss Johannisberg oder Schloss Vollrads. Andere haben den Weinbau längst aufgegeben. Für die Weinpublizistik ist der Artikel interessant, weil er einer der ersten ist, der eine Region nicht geografisch nach Ortschaften, sondern nach Erzeugern porträtiert.
26/08/2026
11 Minuten Lesezeit

Publizistische Berichte aus deutschen Weinregionen sind Anfang des 20. Jahrhunderts noch recht selten. Aber die Verbindung von Wein und Rheinromantik machte das Thema nicht nur für Verlage von Reiseliteratur interessant. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts finden sich Berichte über Weinregionen bereits in Publikumsmagazinen wie der „Gartenlaube“. Hanns von Zobeltitz, ein Mitarbeiter von „Velhagen & Klasings Monatsheften“, publiziert dann 1901 das populäre Büchlein „Der Wein“. Noch ist das Ordnungsprinzip geografisch, aber Zobeltitz widmet sich wohl als erster Weinpublizist auch einzelnen Erzeugern. In der seit 1898 erscheinenden Zeitschrift „Der Weinkenner“, dem ersten populären Weinmagazin überhaupt, geraten dann zunehmend Produzenten in den Fokus. So unterteilt dann der Schriftsteller und Journalist Heinz Gorrenz (unter anderem für die „Wiesbadener Zeitung“) seinen großen Rheingau-Bericht in zwei Teile. Einen ersten Artikel über adelige und einen zweiten über bürgerliche Kellereien.

Natürlich ist für heutige Leser interessant, dass viele Namen noch heute dem Liebhaber Rheingauer Rieslinge geläufig sind. Im Rückblick fasziniert besonders, dass diese Gegenüberstellung adelig/bürgerlich für den Rheingau als Weinregion bis in die 1980er-Jahre relevant war. Um eine komplizierte Geschichte kurz zu machen: Es waren bis zu dieser Zeit vor allem adelige Betriebe, die den Ruf der Rheingauer Weine gegen die Industrialisierung und Standardisierung verteidigten. Die Gegenbewegung, die im sogenannten deutschen Weinwunder Anfang der Neunzigerjahre ihren Ausdruck fand, war dann aber vor allem ein Werk bürgerlicher Betriebe. Insofern ist dieser Abdruck nicht nur nostalgisch – und wird mit seinem Gegenstück „In bürgerlichem Besitz“ in Kürze fortgesetzt. Der Artikel mag für heutige Leser etwas ungewöhnlich zu lesen sein. Sein Autor spricht von „Märchen voll Licht und Glück“ – man sollte sich dabei vergegenwärtigen, dass der Text mitten im Ersten Weltkrieg entstanden ist.

Berühmte Weinkellereien des Rheingau 1. In adligem Besitz

Das geheimnisvolle Ahnungen und Gedanken erweckende Werden des Weines hat schon des Weinbaus Jugend im Rheingau in jenes geschichts- und lichtlose Dunkel gehüllt, das die Sage zu der poesievollen Erzählung vom Anbau der ersten Reben durch Karl den Großen im Rüdesheimer Berg begeistert hat. Was Wunder, dass eine Zeit, die noch nicht in Guido Lists Forschertaten1 die goldene Brücke zu der reichen Jugend unserer deutschen Sprache besaß, die vielmehr jedes deutsche Wort im Lateinischen oder Griechischen wurzeln glaubte – auch in dem guten deutschen Namen des Fleckens Winkel am Rhein nur den „vini cella“, den Weinkeller des großen Carolus zu sehen meinte!

[Schloss Vollrads]

Schon lange vor dieser Zeit befand sich am Hange des Waldes unweit des Dorfes Winkel, das als Wohnort des großen Bischofs Hrabanus Maurus und als Aufenthaltsort Goethes eine mehr als lokale Berühmtheit erlangt hat, ein gerodeter Bifang2, der einem gewissen Vollrad zum Lehen gegeben war, nach ihm zum Vollrads Hufe gehörig, kurz Vollrads genannt ward und noch heute einen der besten Keller besitzt. Denn seit dem Jahr 1332 ist Vollrads der Sitz der Winkeler uralten Ritterfamilie der Greifenklawa [sic], deren Geschick seit jener Zeit unlösbar mit der Geschichte des Gaues verknüpft ist. In guten und schlimmen Zeiten sehen wir die Vollradser Greifenklaue, von denen manche zu den höchsten Sprossen der staatlichen Ehrenleiter emporsteigen, als getreue Freunde und Führer der Rheingauer Bürgerbauern sich betätigen. Nicht immer aber als verständige Hüter des angestammten Besitzes. So wissen wir aus Goethes tadelnden Worten, in welchem traurigen Verfall er das Schloss Anno 1814 angetroffen hat, und es war, wie mir der heutige, einer Seitenlinie der im Mannesstamm erloschenen Familie entstammende Besitzer erzählte, noch schlimmer um das Aussehen des herrlichen Schlosses bestellt, als er es übernahm.

Doch mit unendlicher Liebe, Pietät und einem ausgeprägten Verständnis für alle ästhetischen und historischen Werte des Baues hat der feinsinnige Graf Matuschka-Greiffenklau, unter tatkräftiger künstlerischer Unterstützung seiner vielseitig gebildeten Gattin3 aus den Trümmern alter Herrlichkeit einen höchst feudalen und würdigen Herrensitz erstehen lassen. Wie ein ritterlicher Bruder des klösterlichen Eberbach – gleich ihm dem Lärm des Alltags entrückt –hebt sich der stolze Bau frei und herrlich aus Wiesen und Wald, Weinbergen und Blütenhainen zum Licht. Und wie eine steinerne Mahnung aus längst vergangenen Tagen ragt inmitten eines wasserreichen Teiches der malerische Trutzturm hoch über dem Herrenhaus mit seinen vielen Kunstschätzen und Erinnerungen empor, während unten in den breiten und hochgewölbten Kellern ein durch ganz merkwürdig rassige Eigenschaften ausgezeichneter überaus wertvoller und begehrter Wein lagert, den der Weinhandel kurz als „Schloss Vollradser“ charakterisiert.

[Schloss Johannisberg]

Eine Auszeichnung, die bekanntlich auch dem nächsten Nachbar zuteilwird, dem Fürsten Metternich, dessen gelb getöntes wuchtiges Schloss Johannisberg sich imposant aus dem rötlich schimmernden Boden der Wingerte und aus der bunten Lenzpracht der Hänge und Hügel emporreckt. Wie fast alle Kulturstätten des Rheingaues verdankt auch dieser Fürstensitz seinen Ursprung jenen geistlich-klösterlichen Kräften, die sich hier so überaus fruchtbringend in den Dienst des Handels und Wandels gestellt haben. Zugleich ist der stolze Berg der ragende Zeuge einer wellenförmigen Entwicklung, die über höchste Höhen der Kultur zu tiefstem Verfall und später zu einer Willkür ohnegleichen gegenüber allem Recht und Gesetz führt. Ursprünglich eine Gründung der Benediktinermönche, kam der verlotterte und verschuldete Besitz siebenhundert Jahre später an die Abtei Fulda, deren Abt Wilhelm von Waldersdorff 1757 das heutige Schloss an die Stelle mönchischer Einfachheit setzen ließ.

1801 oranischer, 1806 nassauischer Besitz, ward es 1807 von der Präfektur Mainz als französisches Dominium beansprucht und von Napoleon dem Marschall Kellermann als kaiserliches Lehen gegeben. Diesem passierte die noch heute im Rheingau lebendige Geschichte mit dem 1811er: Er verkaufte das ganze Wachstum auf dem Stock für 36.000 Gulden an das Haus Mumm in Köln, das später für ein Stück der 50 geherbsteten 11.000 Gulden erlöste! Als der Marschall bald darauf die Stätte seiner geschäftlichen Niederlage im Stich ließ, bekümmerte sich weder der Prinz von Oranien noch der nassauische Herr um das Schloss, so dass die Verbündeten den Besitz gemeinsam verwalten ließen, bis 1815 der Kaiser von Österreich ihn geschickt für sich zu reklamieren verstand und dem Fürsten Metternich als ewiges Lehen gab. Seitdem erscheint in jedem Frühjahr, wenn die Schätzung und Probe der Weine möglich ist, ein k. k. Kommissar, um die Auslosung des Zehnten aus der nach der Güte getrennten Gruppen – eine österreichische Amtshandlung auf reichsdeutschem Boden – vorzunehmen.

Dass das Erträgnis des Johannisberger Schlossberges, dessen geradezu geheiligte Flur leider die gefürchtete Reblaus nicht von ihrem todbringenden Eintritt abgehalten hat, zu den wertvollsten und bestbezahlten Weinen der Welt gehört, ist bekannt. Bekannt auch Bismarcks Besuch bei dem alten Metternich, wobei er sich so lange in dem alten Keller umsah, bis er den besten Wein, die „Braut“, gefunden hatte. Weniger bekannt ist leider der unvergleichliche, zwischen italienischem Lachen und deutscher Versonnenheit lebende Zauber, den von der Altane des Schlosses der Anblick der leuchtenden Rheingau[au]en und der leise verschwimmenden rheinhessischen Gefilde um diese Zeit des Werdens auf den Beschauer ausübt. Die Weihe des landwirtschaftlichen Friedens, der Sonne goldrotes Glühen, des Lenzes Prunken und der fast ununterbrochenen Häuserreihen farbiges Leuchten einen sich mit dem silbrigen Blinken des Stromes und dem blauen Scheine des Himmels zu einer wunderlichen Landschafts-Symphonie, aus deren harmonischer Gesamtheit die Fürsten der Weinberge wie mächtige Leitsätze emporsteigen.

[Grafen von Ingelheim und von Schönborn]

Mir ward dies noch mehr offenbar, als mir die lachenden Weinstätten die Spitzen ihres Besitzes im hallenden Keller vorstellten und Körper und Seele der Gefeierten in wunderseltsamer Reine und Feine mir erschienen. So tief unter dem prächtigen Herrenhaus des vielfach begüterten Grafen von Ingelheim in Geisenheim4, wo die Vertreter von Hochheim und Rüdesheim ihren Geisenheimer Vettern in königlichen Kellern die Hände reichten und die Gewölbe vom Preise des Eilfers widerhallten, dessen Erziehung hier in so überaus bewährten und erfahrenen Händen liegt. So in der Tiefe des einfachen Gutshofes der altberühmten Grafen von Schönborn in Hattenheim, wo fast unter den Wurzeln der Rebstöcke des Pfaffenberges die Grafen und Fürsten der Weinberge ihre edelsten Sendboten zu einem hochvornehmlichen Stelldichein versammelten. Lorch und Rüdesheim, Erbach und Winkel, Hattenheim und Hochheim laufen sich hier den Rang ab und machen es dem Beschauer schwer zu entscheiden, ob einer Hochheimer Auslese mit südländischer Süße und großer Fülle oder einem Markobrunner voll männlichen Feuers und heimlicher Stärke der Preis vor einem duftig flüchtigen Hattenheimer oder einem würzig schweren Winkeler Klauser zu geben sei.

Ist es dem Bewunderer solcher Herrlichkeiten doch, wenn er aus dem gefüllten Römer den ganzen Blütenhauch des Lenzes, das Rosenduften des Sommers, die helle Sonne selbst des leuchtenden Jahres zu schlürfen wähnt, als würde er sich durch irgendeine Bevorzugung gegen all diese, überall gleichen Wunder der Natur versündigen, die oben vor den Toren des Kellers Märchen voll Licht und Glück zu erzählen weiß. Sinnend schreitet er dann wohl zwischen den knorrigen Stämmen uralter Eichen hin, die hier aus fetten Wiesen trutzig aufsteigen und eben ihr rotgelbes vorjähriges Gelaub auf die Riesenblütensträuße der Birnen- und Apfelbäume schütten, die gleich prunkenden Vasallen vor den langgedehnten Weinstöcken stehen.

[Schloss Reinhartshausen]

Und sinnend tritt er dann in das kaum erträumte Paradies ein, das ihn unter den Rebengängen des Schlosses Reinhartshausen empfängt und in ein blühendes Zauberreich voller Wunder und Märchen führt. Es ist ein wahrhaft königlicher Landsitz, der hier mitten in sein Rebgelände gebettet, vor den entzückenden Augen sich lachend und leuchtend ausbreitet. Der Musterbetrieb dieses nassau-oranischen Fideikommisses, das in dem Prinzen Friedrich Heinrich von Preußen seinen derzeitigen Herrn sieht, ist in seiner Großzügigkeit und prachtvollen Abrundung in der Hauptsache ein Werk des verstorbenen Prinzen Albrecht, Regenten von Braunschweig. Die Luft ehrwürdiger Jahrhunderte ruht nicht wie bei dem größten Teil des Rheingauer adeligen Besitzes auf diesen einfach würdigen Gebäudemassen, denen sich ohne Aufdringlichkeit die berühmte Kunstsammlung anschließt, die von Jahr zu Jahr von Schätzen reicher versehen wird.

Um so wirksamer sind alle Errungenschaften der Zeit in den Dienst dieses landwirtschaftlichen Großbetriebes gestellt, der im Rhein auf der weiten Mariannen-Aue eine umfangreiche Viehhaltung, Obst- und Spargelzucht und an den gesegneten Hängen um den Nussbrunnen, Wisselbrunnen und Markobrunnen herum den größten privaten Weingutsbesitz des Gaues umfasst. Schon die Namen dieser bekannten Weinlagen deuten auf das Vorhandensein von auffallend viel Wasser in dem tiefen Boden dieser Wingerte hin. Ein Umstand, der dem mittleren oder oberen Rheingau überhaupt gegenüber dem seligen Rüdesheimer und Aßmannshausener Boden im letzten trockenen Jahre zum Vorteil gewesen ist. Es lagern denn in den fast endlosen, glänzend eingerichteten Kellereien des Schlosses wahrhafte Schätze an edelstem Elfer, der kaum seinem gefeierten großen Bruder von 1893 nachstehen dürfte.

Es ist eine Tatsache, und eine Sachverständigenprobe, die der Wiesbadener Kurhausrestaurateur Ruthe vor einigen Jahren veranstaltete, hat es erwiesen, dass das Feinste und Vollkommenste, was das gesegnete Hauptjahr 93 hervorgebracht hat, dem Schlosskeller von Reinhartshausen entstammt. Bei seiner Probe im Preußischen Abgeordnetenhaus errang den Sieg über alle vorgeführten Weine die fast sagenhafte Steinberger Trockenbeerenauslese desselben Jahrs, die in dem prächtig gewölbten säulenreichen Cabinetskeller des Klosters Eberbach als ein königlich preußischer Wein ihre Jugend verbrachte und bei der Versteigerung den höchsten Preis erzielte, der je in der Welt für einen Wein im Faß bezahlt wurde: kosteten doch 300 Liter dieses Sonnenkindes des Geheimrats Czéh 17.410 Mark! Der Rosenduft der großen Blume, die ananasartige Säure, Kraft und feinste Süße sollen nebst nachhaltig aromatischem Wohlgeschmack die Eigenschaften dieses leider nur Krösussen zugänglichen Kunstwerkes der Natur sein.

[Graf Eltz und Langwerth von Simmern]

Geheimrat Czéh, der in Rüdesheim noch ein gewaltiges unterirdisches Reich verwaltet, hat auch in dem romantischen Eltville das Muster eines neuzeitlichen Kelter- und Kellerbetriebes erstehen lassen, der von den hydraulischen Pressen bis zu der Warmwasserheizung des Gärkellers mit seiner sich automatisch regulierenden Wärmebeständigkeit aller Vorzüge unserer hoch entwickelten Technik teilhaftig geworden ist. Eltville, dieser freundliche Villenort, gleich berühmt als Weinbaustätte wie als ehemalige Residenz der Mainzer Bischöfe und Sterbeort Gutenbergs, hat zu dem Kaiserhause schon ältere Beziehungen. Waren doch der alte Kaiser Wilhelm und der Kronprinz Friedrich öfter Gäste bei dem Grafen Eltz, dessen prächtiges Besitztum zwischen majestätischen Platanen sich im Rhein spiegelt. Ein seltsamer Hauch jener vornehm schlichten, allem lauten Schein abholden Zeit des ersten Kaisers liegt über den vielen, mit auserlesenen Kunstschätzen und wertvollen Erinnerungen würdig und unaufdringlich gefüllten Sälen des Schlosses, und eine geradezu auffällige, fast festtägliche Ordnung und Sauberkeit zeichnet Kelterhaus und Kellerräume aus. Diese unendliche Mühe und Sorgfalt, die nicht nur die Erhaltung des Besitzes, sondern auch den Weingütern des Grafen zuteil wird, harrt denn auch in Gestalt zahlloser Halbstücke in den schönen Kellern in Erlösung, und manche Nummer davon dürfte bei der Versteigerung das Aufsehen teilen, das die Erzeugnisse des Hausnachbarn, des Freiherrn Langwert [sic] von Simmern, von je erregen.

Diese ritterliche Familie, die ihres Stammbaumes Gipfel bis in die grauesten Zeiten rheingauischen Lebens reckt, besitzt eines der umfangreichsten Weingüter und hat allein im Hattenheimer Mannwerk ein zusammenhängendes Gebiet von fünfzig Morgen im Ertrag stehen. In ihren ausgedehnten Eltviller Besitzungen an dem rosenbepflanzten Ufer des Rheins redet der Zeit Bauen und Bilden eine sinnfällige Sprache. In edler Renaissance ist das Herrenhaus gebaut, spätgotisch der malerische „Stockheimer Hof“, die Geburtsstätte der Mutter des Freiherrn von Stein. Drunten am Rhein hat in den zerschossenen, efeuüberwuchernden Mauerresten der große Krieg seine Spuren hinterlassen, in den weitläufigen Gärten verstreut erzählen lustige Tempelchen von Anno dazumal, und über allem steigt das hohe gotische Viereck des türmchengekrönten Beherrschers der ehemaligen kurfürstlichen Burg als letzter Rest dieser einstigen bischöflichen Herrlichkeit aus dem bunten Gewirr von rotbalkigen Häusern und verwilderten Hügeln, von Reben und wohlgepflegten Blumengärten empor.

[Weitere adelige Weingüter]

In dem Qualitätsbau, in der Erzeugung eines denkbar edelsten Weines (ohne Rücksicht auf die Menge), [ist] der Stolz und das adelige Streben all dieser königlichen, fürstlichen und gräflichen Weinbauern begründet. Sie haben sich große, unvergessliche Verdienste um den einzigartigen Ruf des „Rheingauers“ erworben. Verdienste, die um so höher zu bewerten sind, als das Geschäft, das sie zur Grundlage haben, kein rentables ist. Denn selbst die höchsten Preise lassen der Missernten Überzahl nur teilweise vergessen!

Die Reihe des adeligen Weinbauern des Rheingaues ist mit diesen Namen nicht geschlossen. Ich würde ungerecht sein, wenn ich ihnen nicht als berühmte Weinkellerbesitzer die Freiherren von Ritter zu Gruensteyn [später: Groenesteyn] in Kiedrich, von Kuensberg in Oestrich, von Zwierlein in Geisenheim, von Stumm-Halberg in Rüdesheim und den Herrn von Mumm in Johannisberg als die bekanntesten5 anfügte. Sie alle – ob sie alteingesessenen Familien entstammen oder ihren Besitz erst aus neuerer Zeit datieren – haben ein Gemeinsames: Das Gefühl und die Würde der Bodenständigkeit. Wie die fremden Setzreben im Rheingau fast umgehend den Charakter seiner Weine annehmen, scheinen auch die Menschen hier schnell wurzelfest und einheimisch zu werden. Und wie dereinst der ritterliche Friedrich von Greiffenklau die Rheingauer Weinbauern selbst gegen die Interessen seines kurfürstlichen Bruders ins Feld führte, ist noch heute der schönste Zug unseres Adels die Äußerung unbedingter Zusammengehörigkeit mit den großen und kleinen Weinbauern des Landes. Nach Riehl6 erzeugt dieses besondere Land besondere Menschen und die gleichen Sorgen und Lasten lassen die Unterschiede des Standes und der Stellung in dem gemeinsamen Beruf aufgehen.

Von Heinz Gorrenz, Wiesbaden. In: Der Weinkenner, XIX. Jahrgang, Nr. 1/2: Oktober/November 1916

Anmerkungen

Die einzig überlieferte vollständige Ausgabe des „Weinkenners“ wurde 2025 wiederentdeckt. Seitdem werden auf Sur-la-pointe einzelne Artikel wieder abgedruckt. Die dazugehörige Geschichte habe ich in der FAZ publiziert (Bezahlschranke). Daneben gibt es auch einen Text hier auf Sur-la-pointe.

1 Guido [von] List war ein völkischer Schriftsteller und Esoteriker. Gorrenz beszieht sich womöglich auf dessen (völlig unwissenschaftliche) Arbeiten zu germanischen Runen und zur Edda.

2 Bifang ist eine altdeutsche Bezeichnung (zu befangen: „umfangen, einschließen“) für ein eingefriedetes Feld, gewöhnlich ein schmales Ackerbeet.

3 Clara von Oppenheim aus der Kölner Bankiersfamilie. Die Ehefrau von Guido von Matuschka-Greiffenclau hatte sich ihr Erbteil vorzeitig auszahlen lassen und investierte in das Schloss, das um zwei Türme und ein Stockwerk ergänzt wurde, und in den Weinbau. Bald zählten die Weine von Schloss Vollrads zu den gesuchtesten und teuersten im deutschen Kaiserreich. Die Geschichte von Schloss Vollrads erzähle ich in dem Artikel „Schloss Vollrads: Edles Erbe in besten Händen“, erschienen in FINE – Das Weinmagazin 2/2023.

4 Das frühere Palais Ingelheim wurde um die Mitte des 20. Jahrhunderts nach dem nördlich anschließenden Weinberg „Schloss Kosakenberg“ benannt. Zwischen 1695 und 1941 war es der Hauptwohnsitz der Reichsgrafen von Ingelheim. Anschließlich wurde es an die Weinhändlerfamilie Hortz verkauft.

5 In dem Artikel fehlen einige prominente Namen wie der Graf von Kanitz oder Baron Knyphausen – der Landgraf von Hessen erwarb freilich erst 1957 sein Weingut im Rheingau. Alten Aufstellungen zufolge sollen im Rheingau zeitweise bis zu 40 adelige Weinbaubetriebe bestanden haben.

6 Der Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich Riehl (1823–1897) hatte wiederholt über den Rheingau geschrieben.

Bildrechte

Alle Fotos bis auf das Eingangsaquarell und die beiden Stahlstiche: Stefan Pegatzky / Time Tunnel Images.

Die Etiketten Kosackenberg, Pfaffenberg und Steinberg stammen aus dem Weinetiketten-Archiv des DFWS.

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