P2 in Berlin: Dom Pérignon 2008 revisited

Im Frühjahr hatte Dom Pérignon seine aktuellen Releases in Berlin vorgestellt. Der Abend war aus mindestens drei Gründen bemerkenswert. Einmal präsentierte die Maison auch ausgesprochen rare Cuvées wie den P2 2008. Der aktuelle 2017er-Jahrgang verkörperte zudem so etwas wie das Vermächtnis ihres legendären Kellermeisters Richard Geoffroy. Und schließlich gab es ein ausgesprochen beeindruckendes Menü zu den drei verkosteten Cuvées.
04/09/2026
3 Minuten Lesezeit

Ort der Veranstaltung war erneut das spektakuläre Boros-Penthaus der Kunstsammler Christian und Karen Boros auf dem Dach des ehemaligen Reichsbahnbunkers in Berlin. Hier hatte Dom Pérignon im Oktober 2024 auch den Jahrgang 2015 in der Künstleredition „Jean-Michel Basquiat“ vorgestellt. Dieses Mal ging es stärker um die Champagner selbst – weshalb aus Épernay mit Amine Ghanem einer der Winemaker der Maison an die Spree gekommen war. Die Erwartungen waren enorm hoch. Schließlich wurde nicht nur das aktuelle Jahrgangspärchen 2017 Blanc und 2010 Rosé vorgestellt. Sondern auch der Vintage 2008 als Plénitude 2, also als Version mit verlängerter Flaschengärung. Dieses Konzept ist aus der Oenothèque-Reihe des Hauses hervorgegangen. So kennt Dom Pérignon mittlerweile die Deklination P1, P2 und P3. Mit den Worten US-amerikanischer Sammler: the green, the black and the golden Label. In Altersstufen übersetzt meint das um die acht, um die 15 und schließlich 25 und mehr Jahre auf der Hefe.

Das Vermächtnis des Richard Geoffroy

Dieses Konzept, dessen Name für „Fülle“ oder „vollkommene Ausgeglichenheit“ steht, stammt von Richard Geoffroy. Es basiert auf der Intuition, dass ein großer Champagner nicht nur ein optimales Release-Stadium kennt. Stattdessen realisiert er sein Potenzial auf verschiedenen Stufen in unterschiedlichen Ausdrucksformen. Richard Geoffroy, zwischen 1996 und 2018 der Chef de Cave von Dom Pérignon, ist längst von Vincent Chaperon abgelöst. Aber die drei an diesem Abend präsentierten Champagner waren alle drei noch seine Kreationen. Mehr noch: 2017 war der letzte von ihm verantwortete Jahrgang – „my last fight“, wie er es einmal nannte. Der Vintage 2008 war im Jahr 2018 der letzte, den Geoffroy selbst vorstellen konnte. Es fiel zusammen mit seiner Abschiedsfeier, die die Maison damals über drei Tage in Paris und Hautvillers gefeiert hat. Die Ära von Richard Geoffroy, dem Philosophen unter den Champagnermachern, so hatte ich damals in meiner Reportage geschrieben, „geht mit einem wahren vino-kulinarischen Feuerwerk zu Ende“.

Amin Ghanem

An diesem Abend stellte Amine Ghanem die Champagner vor. Der gebürtige Libanese und ausgebildete Agraringenieur war 2005 nach Reims gekommen. Nach einem Önologie-Studium und zehn Jahren als Wein-Globetrotter stieß er 2016 zu Moët & Chandon, bevor er 2023 Winemaker bei Dom Pérignon wurde. Durch seine Ausbildung hat er einen technisch präzisen Blick auf den Champagner. So konnten wir ausführlich über die Entwicklung eigener Hefen sprechen – je zwei für die Vergärung der Grundweine und zwei für die in der Flasche –, die die Maison aus 18 verschiedenen Parzellen selektiert hat. Zugleich besitzt der Musiker – er spielt semi-professionell die Oud, die orientalische Gitarre – auch einen künstlerische, und als selbsterklärter Epikureer, auch eine hedonistische Seite. Kurz: einen besseren Moderator und Tischnachbar hätte man sich an diesem Abend nicht wünschen können. In der Vereinigung der Gegensätze verkörpert er selbst das Grundprinzip des Dom Pérignon, der hälftig aus Chardonnay und hälftig aus Pinot Noir besteht.

Ein magisches Trio: 2017 Blanc, 2010 Rosé und 2008 Blanc P2

Vintage 2017 wich von dieser Regel jedenfalls ein wenig ab, als der Chardonnay-Anteil gegenüber dem Pinot mit 61 zu 39 Prozent ungewöhnlich hoch war. Nach dem Jahr 1970 (65%) ist dies der höchste Anteil weißer Trauben im Blend – bei der geringsten produzierten Menge überhaupt. Das lag am schwierigen Jahrgang, wo vielfach Essigfäule den spätreifenden Pinot Noir befiel. Dennoch ist der Jahrgang ein ausgesprochener Erfolg. Mit etwas „schlankeren Schultern“ als üblich, mit Steinfrüchten, Toastbrot und „trockenem Honig“ im Bouquet. Am Gaumen fokussiert, mit feiner phenolischer Bitternote, geringer Dosage (5gr) und belebender Salzigkeit (95p). 2008 P2 stammt dagegen aus einem schon heute legendären Jahrgang. Anders als der P1 reift er nicht unter Kronkorken, sondern unter Naturkork, was langfristig vor Oxidation besser schützt. Die Nase ist jedenfalls enorm von der Autolyse geprägt, wobei geröstete Haselnüsse, Brioche und Nougat dominieren. Am Gaumen wunderbar frisch, mit enormem Reichtum und faszinierend kalkig-salzigem Finish (98p).

Toto | Kaviar | Bergamotte | Flügelbohne

Es wäre ein Missverständnis, den 2008 P2 nun automatisch als „besser“ als den klassischen P1 einzustufen. Die Diskussion kam einmal 2018 in Hautvillers bei der Präsentation des 1990er P3 auf. Renommierte Sammler beteuerten, dass sich das „green label“ des Vintage 1990 sogar noch spannender als „das gold label“ präsentiere. Dass eben eine verlängerte Flaschengärung nicht automatisch gegenüber der Flaschenlagerung im Vorteil sein muss. 2008 als P1 verkostete sich jedenfalls seinerzeit ebenfalls großartig. Er gilt mit Recht als einer der größten Jahrgänge der Maison überhaupt. Für ein endgültiges Urteil braucht es wohl noch etwas Zeit – und den Release des P3! Eine ausgesprochen köstliche Cuvée war schließlich auch Dom Pérignon Rosé 2010. Ebenfalls aus einem Problemjahr, das Dom Pérignon bemerkenswert gut gemeistert hat. Hier muss ich auf meinen Artikel im kommenden „Champagne Magazin“ verweisen.

Ein Schlusswort gilt der außergewöhnlichen Weinbegleitung durch Daniel Gottschlich vom Kölner 2-Sterner Ox & Klee. Seine „Auster | Haselnuss | Grüne Mango | Krause Glucke“ zum P2 war eines der beglückendsten Wein-Pairings der letzten Jahre!

Bildrechte

Stefan Pegatzky / Time Tunnel Images

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