Jedes große Anwesen hat einen verborgenen Ort, zu dem eine unerzählte Geschichte gehört. Bei Château Ducru-Beaucaillou ist das eine kleine Anlegestelle am Fluss, zu der ein unscheinbarer, von Bäumen und wildem Krokus umsäumter Pfad führt. Vor 150 Jahren war dies der Weg, auf dem die mit dem Schiff von Bordeaux angereiste High Society zum Schloss gelangte. Dessen damaliger Besitzer Nathaniel Johnston hatte reich geheiratet und als Kaufmann wie als Politiker Karriere gemacht. Seine zweite Frau, Prinzessin Marie Caradja, stammte aus griechisch-rumänischem Hochadel und war die Tochter des türkischen Gesandten in Den Haag und Berlin – das Ensemble mit dem Anleger mag sie an die Istanbuler Villen am Ufer des Bosporus erinnert haben.
Eine glanzvolle Vergangenheit
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Damals war Ducru-Beaucaillou très chic und ein Treffpunkt für tout le monde. Nathaniel Johnston tat alles, um dem Schloss, das majestätisch auf halber Höhe einer mächtigen Kieskruppe mit Blick auf die Gironde thront, einen exotisch-zauberhaften Anstrich zu geben: Er erweiterte Nord- und Südflügel durch zwei mächtige Türme, pflanzte fremdländische Blumen und Bäume und gab seinen Etiketten die Farbe „Imperial Yellow“, dem Goldorange der chinesischen Kaisers – als Markenzeichen sollte das im Bordelais mehr als ein Jahrhundert lang einzigartig bleiben sollte. Nachdem Johnstons Sohn Edward 1890 mit seinem Segelboot in Sichtweite des Schlosses mit einem Dampfschiff kollidiert und dabei gestorben war, wurde es am Ufer merklich ruhiger. Heute steht in der Nähe der meist verwaisten Anlegestelle ein meterhohes verwittertes Steinkreuz. Nach ihm ist der Zweitwein des Schlosses benannt, La Croix de Beaucaillou.
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Der Blick in die Geschichte kann lähmen oder aber Energie verleihen. Bei Bruno-Eugène Borie, dem jetzigen Besitzer von Château Ducru-Beaucaillou, ist die Sache klar. Er ist als jüngstes von drei Geschwistern auf dem Schloss aufgewachsen und kann zu jedem Raum, jedem Möbelstück eine Geschichte erzählen. Er erinnert sich an die Mittagessen im Schoße dreier Generationen, serviert vom deutschen Koch Hermann im Speisesaal, der zuvor das Billardzimmer gewesen war, und daran, dass es damals noch keine Klimaanlage gab und die Kinder deswegen im Sommer im Nordflügel, im Winter im Südflügel wohnten. Vor allem aber hat sich ihm, der als Kind in den Weinbergen und im Schwemmland der Gironde gespielt hat, unvergesslich die Natur dieses Landstrichs eingeprägt: „Wenn ich den Regen rieche, sehe ich vor meinen Augen die Pilze im Wald und den Mehltau im Weinberg. Ich habe einen siebten Sinn für dieses Land. Beim Anblick der Morgensonne weiß ich augenblicklich, wie der Tag werden wird. Ducru ist in mir drin, durch meine Adern fließt sein Wein.“
„Wenn ich den Regen rieche, sehe ich vor meinen Augen die Pilze im Wald und den Mehltau im Weinberg. Ich habe einen siebten Sinn für dieses Land. Beim Anblick der Morgensonne weiß ich augenblicklich, wie der Tag werden wird. Ducru ist in mir drin, durch meine Adern fließt sein Wein.“
Bruno-Eugène Borie
Von Frankreich in die USA und wieder zurück
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1972, mit gerade mal 16 Jahren, wurde Bruno Borie freilich vom Vater aus dem Nest geworfen. Der schickte ihn nach Kalifornien, wo die Weinindustrie gerade dabei war, sich neu zu erfinden – für den jungen Borie eine fast berauschende Erfahrung von Aufgeschlossenheit und Freiheit. Die USA ließen ihn nicht mehr los. Nach einem Studium der Wirtschaftswissenschaften arbeitete er ab 1981 für den Bordelaiser Négociant P.A. Sichel als Exportdirektor in New York, wo er sich leidenschaftlich für aktuelle Kunst begeisterte. Eines Tages fiel Borie in einer Bar in Manhattan ein ungewöhnlicher Aperitif auf Weinbasis auf, der aus Podensac nicht weit von Bordeaux stammte. 1985 übernahm Borie mit einigen Partnern das nahezu bankrotte Haus Lillet und wurde dessen Geschäftsführer. Eine neue Rezeptur – weniger süß und bitter –, ein besserer Vertrieb und innovatives Marketing brachten den Erfolg zurück. Da meldete sich 1995 der Vater bei ihm: Ob er nicht ihn und den älteren Bruder François-Xavier bei den Weingütern der Familie unterstützen könne?
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Der Besitz der Bories bildete mittlerweile ein kleines Imperium. Die Familie stammte ursprünglich aus Meymac in der Corrèze. Aus dieser Region im Südwesten Frankreichs kamen wegen der Verbindung über die Dordogne ins Bordelais viele Weinhändler, von denen die meisten in Libourne am rechten Garonne-Ufer lebten. Die Bories hatten um 1870 beinahe als einzige den Schritt aufs linke Ufer gewagt. 1900 kauften die Brüder Francis und Marcel Borie ihr erstes Weingut, Château Caronne Sainte Gemme in Saint-Laurent, 1932 folgte das deutlich bedeutendere Château Batailley in Pauillac. Sieben Jahre später gingen die Brüder geschäftlich getrennte Wege, wobei Batailley geteilt wurde und Francis das dadurch entstandene Château Haut-Batailley übernahm. 1942 erreichte ihn ein Hilferuf von Fernand Desbarats, ebenfalls ein Bordelaiser Négociant: Der hatte sich mit seinem Schwiegersohn überworfen und brauchte nun einen Nachfolger für Château Ducru-Beaucaillou. Das war noch einmal eine ganz andere Hausnummer als Château Batailley.
Ein Weingut mit 300 Jahren Geschichte
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Das Gut war 1665 aus den Ländereien des Barons von Beychevelle hervorgegangen, die wegen dessen Spielschulden aufgeteilt worden waren, und hatte zunächst Maucaillou geheißen, also „schlechte Kiesel“, weil auf dem steinigen Boden kein Getreide wuchs. 1720 ging die Domäne durch die Hochzeit von Marie Dejean in den Besitz ihres Mannes Jacques de Bergeron über und aus diesem Anlass wurde der Wein zum ersten Mal urkundlich erwähnt – deswegen feierte das Schloss 2020 seinen 300. Geburtstag. Um 1760 wurde der Wein dann erstmals unter dem Namen Beaucaillou verkauft: Mittlerweile wusste man, welchen Wert die an diesem Ort besonders großen Kiesel aus der Günz-Kaltzeit für die Bewässerung der Reben und die Wärmespeicherung hatten. 1795 hängte der neue Eigner Bertrand Ducru seinen Namen an den Besitz, und in der Nachfolge steigerten seine Tochter und sein Schwiegersohn die Weinqualität derart, dass ihr Schloss 1855 zum Deuxième Grand Cru Classé erklärt wurde.
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1866 musste das Gut allerdings an Lucie-Caroline Dassier verkauft werden, die erste Frau des Négociants Nathaniel Johnston, der zur Qualität noch den gesellschaftlichen Glanz hinzufügte. Schlechte Ernten, die Prohibition in den USA und die Weltwirtschaftskrise erzwangen 1929 einen erneuten Verkauf, doch auch der Weinhändlerfamilie Desbarats fehlte die Fortune. Ihr Château konnte Francis Borie nur übernehmen, indem er sich zur Zahlung einer Leibrente an den Vorbesitzer verpflichtete. Erst zu Beginn der 60er-Jahre wurde sein Sohn Jean-Eugène vollständiger Eigentümer, worauf er aus dem Négoce-Geschäft ausstieg und sich ausschließlich dem Weinbau widmete.
Ducru-Beaucaillou und die Familie Borie
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Die ersten Jahre nach dem Kauf waren hart, aber den Bories half die Zusammenarbeit mit einem jungen Wissenschaftler, der gerade die Önologie zu revolutionieren begann: Émile Peynaud. Mehr Hygiene, spätere Lese und vor allem Pionierleistungen beim konsequenten Einsatz der malolaktischen Gärung, also der Umwandlung von Apfel- zu Milchsäure, ergaben ab 1953 einige große Jahrgänge. Bald hatte das Gut einen Ruf, für den später der Ausdruck „Super Second“ erfunden wurde. Die Familie expandierte: Durch die Heirat von Jean-Eugène Borie mit Monique Rochette kam Château Ducluzeau in Listrac hinzu, 1970 wurden vom benachbarten Château Lagrange 32 Hektar erworben und, statt sie Ducru-Beaucaillou einzuverleiben, als der spätere Cru Bourgeois Château Lalande-Borie lanciert. 1978 kaufte Jean-Eugène Borie das als Cinquième Cru eingestufte Château Grand-Puy-Lacoste in Pauillac, das er dann seinem ältesten Sohn François-Xavier übergab.
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Die Bitte der Familie an Bruno Borie um Unterstützung hatte zwei Gründe: Zum einen war der Vater, der noch immer Château Ducru-Beaucaillou leitete, mittlerweile 74 Jahre alt, zum anderen gab es ernste Probleme mit einem TCA-Befall, also Korkschmecker, der Weine ab Mitte der 80er-Jahre betraf. Bruno, der noch im Relaunch von Lillet steckte, sagte seine Hilfe zu und packte an den Wochenenden mit an. Die Bories entwickelten einen Zweitwein, entschlossen sich zur Totalsanierung aller Fässer sowie zum Neubau von Gärkeller und Barriquelager. Später wurden alle Jahrgänge von 1950 bis 1990 aus der Schatzkammer Flasche für Flasche (!) geprüft und mit einem eigens entwickelten Verfahren steril neu verkorkt. Die 54 Millimeter langen Korken, die das Gut seit 2003 benutzt, gehören zur absoluten Qualitätsspitze. Die Krise, erinnert sich Bruno Borie, habe das Weingut wachgerüttelt: „Wir haben neue Techniken eingeführt, ein neues Management, neue Praktiken. Nun begann jeder Morgen mit einem Meeting, wir haben noch später gelesen und jede Parzelle differenziert behandelt. Unsere ganze Praxis wurde viel fokussierter.“
Nägel mit Köpfen
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1998 starb der Vater Jean-Eugène, und nach einer Zwischenphase, in der François-Xavier auch Château Ducru-Beaucaillou führte, übernahm Bruno Borie 2003 die Leitung des Guts – parallel zu der von Lillet, das er erst 2008 an Pernod Ricard verkaufte. Von Anfang an machte der neue Schlossherr Nägel mit Köpfen: Der Grand Vin wurde jetzt vollständig in neuem Holz ausgebaut, und zwar 18 Monate lang statt zuvor zwölf. Deutlich folgenreicher war die Neustrukturierung der Rebberge und des Verhältnisses vom Erst- zum Zweitwein. Neben den historischen Parzellen um das Schloss besitzt Château Ducru-Beaucaillou etwas weiter im Hinterland eine Anlage in der Appellation Saint-Julien südlich des Flüsschens La Mouline. Deren Ernte war früher üblicherweise in den Grand Vin eingegangen, was zur stattlichen Menge von bis zu 24 000 Kisten im Jahr geführt hatte; seit 2005 fließt sie vor allem in den Zweitwein La Croix de Beaucaillou. Eine schärfere Selektion im Weinberg drückte den Ertrag zusätzlich, sodass die Produktion insgesamt immer weiter sank. Heute werden in der Regel nur noch 5000 bis 7000 Kisten des Erstweins produziert, 2021 waren es gerade einmal 4500.
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Vor allem jedoch wurde sich Bruno Borie klar darüber, welch fundamentale Bedeutung der Cabernet Sauvignon auf den bis zu 20 Meter hohen Kiesböden für den Blend des Erstweins haben sollte. Als er anfing, standen noch Cabernet Franc und Petit Verdot in Eins-a-Parzellen, zudem hatte sein Vater in den kühlen späten 50er-Jahren einen hohen Merlot-Anteil gepflanzt, um nicht chaptalisieren zu müssen. Inzwischen aber waren die Temperaturen gestiegen, und der Cabernet Sauvignon zeigte auf Ducru seine alles überragende Klasse. Heute dominiert er die Cuvée mit meist 80 bis 90, im Extremfall 2021 sogar 98 Prozent, der Merlot macht bloß die kleine Restmenge aus. „2003 habe ich mit allen Konventionen gebrochen“, erinnert sich Bruno Borie, „nun gab es keinen Königsweg aus der Vergangenheit mehr. Damals war beispielweise alles um den französischen Kalender organisiert, mit Ferienbeginn zum 1. August. Doch in diesem Monat gibt es viel zu tun, also haben wir das anders gemacht. All dies führte dazu, dass wir auf Ducru-Beaucaillou mit dem Jahrgang 2009 in so etwas wie eine Goldene Ära eintreten konnten.“
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Die glatten 100 Punkte des Weinkritikers Robert Parker für den 2009er Château Ducru-Beaucaillou wirkten auf Bruno Borie weniger als Bestätigung denn als Antrieb, noch einige Schritte weiter zu gehen: „Ich liebe Unruhe, Umbrüche, im Weinbau wie in der Kunst. Ich habe ein sehr positives Verhältnis zur Moderne.“ In den Jahren 2016 und 2017 formte er sein Team um, statt eines Technischen Direktors gibt es nun zwei: Emmanuel Bonneau hat die operationelle Leitung inne, während Cécile Dupuis für Qualitätssicherung, Forschung und Entwicklung sowie neue Projekte zuständig ist. Dazu kommt als önologischer Berater Éric Boissenot, dessen Vater Jacques, ein Schüler von Émile Peynaud, bereits für die Borie-Familie gearbeitet hat. Er brauche eine zweiköpfige Leitung, ist Bruno Borie überzeugt, „weil wir 24 Stunden für den Wein da sein müssen, und zwar zwölf Monate im Jahr. Und wir brauchen viel mehr Präsenz im Weinberg. Heute begleiten wir die Natur in jeder Situation, wir schützen die Reben gegen Kälte, Hitze und die unterschiedlichsten Arten von Krankheiten. Ich will einfach in jedem Jahr den bestmöglichen Wein auf Ducru machen.“
Die Arbeit im Weinberg
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Heute erstreckt sich die Domäne in der Gemeinde Saint-Julien über 245 Hektar. Von den 105 Hektar Weinbergen werden derzeit 90 genutzt, was gut zwölf Prozent der Rebfläche der Appellation entspricht und Ducru-Beaucaillou zum zweitgrößten Produzenten dort macht; dazu kommen noch 54 Hektar im Haut-Médoc. Die Reben sind im Durchschnitt 35 Jahre alt und stehen mit 10.000 Stöcken pro Hektar sehr dicht – die starke Konkurrenz treibt die Wurzeln auf der Suche nach Grundwasser in die Tiefe. Gesündere Weinberge und nachhaltigere Produktionsmethoden sind wesentliche Ziele des zweiköpfigen Leitungsteams. Seit 2017 ist das Gut für Nachhaltigkeit zertifiziert, im Jahr darauf wurde die Umstellung auf biologischen Landbau in Angriff genommen. Sie soll aber nach den Erfahrungen der letzten Jahre nicht in eine Zertifizierung münden. Man will gegen Bedrohungen wie die Goldgelbe Vergilbung flexibel bleiben und findet es sinnvoller, bei starkem Mehltau einmal systemisch zu behandeln, als den Boden immer wieder mit Schwermetallen zu belasten.
Im Übrigen kommen im Weinberg unter anderem Phytotherapie, UV-C-Bestrahlungen und Pheromone zur Anwendung, Leichtgewicht-Roboter sollen die Bodenverdichtung minimieren. Neupflanzungen, vor denen fünf Jahre lang der Boden saniert wird, nehmen ebenfalls großen Raum ein. Natürlich profitiert Ducru-Beaucaillou gerade auch in schlechten Jahren von seiner herausragenden Lage: Die perfekte Entwässerung über den Kiesboden und die Luftzirkulation dank der Nähe zum Fluss bringen jene Weine mit überschwänglicher Frucht und raffiniertem Bukett hervor, für die das Château berühmt ist. Doch Cécile Dupuis und Emmanuel Bonneau verstehen die einzelnen Mikroterroirs mittlerweile immer besser und wollen für jedes Fleckchen Erde die optimale Kombination aus Rebsorte, Klon und Unterlagsrebe finden.
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Dem dient nicht zuletzt ein genetisch ganz heterogener „Heritage Vineyard“ mit durch massale Selektion gewonnenen Abkömmlingen der besten Rebstöcke von Ducru. Zurzeit beschäftigt sich Dupuis mit einer für Cabernet Sauvignon optimalen Pfropfmethode. „Ich versuche überall“, beschreibt sie ihre Aufgabe, „meinen Kollegen neue Instrumente in die Hand zu geben, um die Qualität noch ein Stück zu steigern – im Weinberg, im Keller, beim Maschinenpark, bei Baumaßnahmen, in der Verpackung. Auch wegen der neuen Herausforderungen wie dem Klimawandel. Da kann schon mal was schiefgehen, doch wir müssen Lösungen über die Jahre hinweg verfolgen.“ Emmanuel Bonneau ergänzt: „Ob wir das Richtige tun, kann man erst nach zehn Jahren wissen. Aber wir beobachten schon jetzt, dass die Böden gesünder und lebendiger sind und die Frucht des Weins noch präziser wird.“
Ein neue Cuverie
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Der Neubau des Kellers, ein weiteres Großprojekt, begann 2023 und soll 2026 fertig sein. Dabei muss nach den Auflagen der Baubehörde der jetzige Barriquekeller aus dem Jahr 2000 integriert werden. Die Fläche wird – auf mehreren Ebenen − um das Fünffache vergrößert, um mithilfe der Schwerkraft ohne mechanisches Pumpen arbeiten und alle Saint-Julien-Weine des Guts an einem Ort ausbauen zu können. Schon heute freilich sind viele Arbeitsschritte im Keller auf der Höhe der Zeit. So laufen die angelieferten Trauben durch drei optische Sortierer, und der Grand Vin wird seit 2021 in 14 kegelförmigen Holztanks ausgebaut, sogenannten Smart Vats. Die führen zahlreiche Aufgaben wie eine sanfte Remontage bei permanenter Sauerstoffkontrolle 24 Stunden hindurch automatisch aus, wobei sie alle relevanten Daten wie Mostkonzentration oder Zucker- und Tanningehalt speichern und analysieren. So steht die Kellerarbeit im Zeichen von Big Data, aber bloß im Dienste der Präzision, denn dadurch gewinnt jede separat vinifizierte Parzelle über die Jahre ein genaues Profil, das dann exakt herausgearbeitet werden kann. Ausgebaut wird anschließend in neuen, leicht bis mittelstark getoasteten Barriques, meist aus Tronçais-Holz, deren unterschiedliche Küfer auf lange Daubenreifung verpflichtet werden.
Die Verkostung
Während die Produktion so enorm komplex geworden ist, hat Bruno Borie 2018 die Produktpalette klar reduziert. Die Cru-Bourgeois-Weine Lalande-Borie, Fourcas-Borie und Ducluzeau wurden aufgegeben, stattdessen gibt es nun als Einstieg den Markenwein Madame de Beaucaillou aus dem Haut-Médoc. Darüber wurden drei Weine aus der Appellation Saint-Julien positioniert: Le Petit Ducru, La Croix Ducru-Beaucaillou und schließlich der Grand Vin Château Ducru-Beaucaillou, der lediglich gut ein Viertel der eigenen Produktion aus Saint-Julien repräsentiert. Im Tasting wirken die „kleinen“ Weine trotz hohem Merlot-Anteil auffallend fest und klassisch. Tatsächlich gehört es zur Philosophie des Hauses, den Merlot reif, aber nicht überreif zu ernten. Auch in heißen Jahren sollen strukturierte Essensbegleiter entstehen, deren Herkunft spürbar ist. Insbesondere die Qualität des 2019er La Croix beeindruckt und lädt zu Vergleichen mit älteren Jahrgängen des Erstweins ein.
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Dessen Vertikale mit den Jahrgängen 2005, 2010, 2016 und 2019 zeigt dann eine Auswahl der Höchstleistungen von Bruno Borie als Eigentümer von Château Ducru-Beaucaillou. 2005, an den sich Borie als Inbegriff eines perfekten Jahrgangs mit Trauben wie aus dem ampelografischen Lehrbuch erinnert, betört mit tertiären Noten wie Zedernholz und Leder und verkörpert mit seiner festen Struktur und den noch markanten Tanninen gleichsam die alte Schule des Bordelais. 2010, einer der größten Erfolge der jüngeren Gutsgeschichte überhaupt, ist dagegen das Gegenbild zu den vielen Säure- und Tannin-Monstern, die das Jahr anderenorts hervorgebracht hat: bei aller Komplexität sehr im Gleichgewicht und dank dem meisterhaften Phenolmanagement bereits mit geöffnetem Trinkfenster.
Ebenfalls gut zu trinken, doch trotz aller Würze erkennbar derzeit in einer Tiefschlafphase dann der 2016er. So straff und muskulös er ist, lässt er die wunderbare Frucht dieses klassischen Jahrgangs derzeit bloß ahnen. 2019 gilt im Gut als Muster der neuen Epoche. Die Definition seines Ausdrucks gegenüber früheren Jahren sei vergleichbar der eines HDTV-Fernsehbildes im Kontrast zur Sepia-Tönung alter Fotografien. Über diesen Vergleich kann man ebenso lange nachdenken wie über den Wein selbst, denn der bleibt trotz enormer Konzentration und eruptiver Frucht klar und frisch am Gaumen. Da ist alles, was die klassischen Grands Crus des Bordelais ausmacht − das Grafit, die schwarzen Früchte, die innere Architektur –, aber auf eine neue, fast dramatisch unmittelbare Art und Weise.
Bad Boy von Bordeaux?
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So spiegelt der Wein seinen Besitzer. Bruno-Eugène Borie gilt vielen als Bad Boy von Bordeaux. Neue Etiketten ließ er von Jade Jagger entwerfen, der Tochter des Rockstars, die Innendekoration seines Châteaus gleicht seit der Umgestaltung 2020 durch Sarah Poniatowski einer modernen Kunst- und Designgalerie. 2019 ließ er über YouTube verkünden, er wolle die Weinproduktion zugunsten von Trauben-Softeis beenden – es war der 1. April.
Zugleich lebt Bruno Borie mit seiner Familie als einer von wenigen Besitzern eines Grand Cru Classé selber auf seinem Schloss und hat größten Respekt vor seinem Gascogner Erbe. Anders als viele Kollegen kann er sich Investitionen außerhalb der Region nicht vorstellen. Ausgestattet mit einer fulminanten Küche und ein kenntnisreicher Gourmet, ist Borie ein überaus großzügiger Gastgeber und brillanter Gesprächspartner. Angesprochen auf die gestiegenen Weinpreise, antwortet er: „Natürlich ist das Geschäft profitabel. Aber nur diese Profitabilität erlaubt es uns, auf Spitzenniveau zu produzieren, und dabei sind wir sehr strikt. Der Wille zu höchster Qualität bestimmt jede unserer Entscheidungen.“
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Anmerkung
Der Artikel erschien, gemeinsam mit den großartigen Bildern von Johannes Grau, die hier aus Copyright-Gründen nicht reproduziert werden können, erstmals in FINE – Das Weinmagazin 2/2023
Bildrechte
Illustration im zweiten Absatz: Archiv Château Ducru-Beaucaillou
Alle Fotos: Stefan Pegatzky / Time Tunnel Images
