Schloss Vollrads: Großes Erbe in guten Händen

Schloss Vollrads hat Landschaft, Geschichte und Weinbau des Rheingaus geprägt. An der Geburt des deutschen Spitzenweins im 18. Jahrhundert hat es einen entscheidenden Anteil wie an dessen Renaissance in den 1980er-Jahren. Nach dem Freitod seines Besitzers Erwein Graf Matuschka von Greiffenclau war es lange Zeit ruhig um das Weingut gewesen. Heute knüpft Gutsdirektor Ralf Bengel mit Umsicht und Weitblick wieder an die alte Größe an.
27/10/2026
12 Minuten Lesezeit

Für das viel beschworene „deutsche Weinwunder“ der 1980er-Jahre gibt es viele Erklärungen. Eine beginnt hier, in Winkel im Rheingau. Als ein Schlossherr und Winzer mit tausendjähriger Familiengeschichte sein idyllisch gelegenes Anwesen öffnete und zu den gutseigenen Rieslingen wiederentdeckte lokale Spezialitäten servieren ließ. „Et in Arcadia ego“ mag manchem Besucher durch den Kopf geschossen sein, „auch ich bin in Arkadien“. Und dieses Arkadien lag nicht in Frankreich oder Italien, sondern buchstäblich vor der eigenen Haustür. Gefühlt einer ganzen Generation erschloss sich an diesem Ort der Gleichklang von Landschaft, Kultur, deutschem Wein und regionaler Küche. Und Graf Matuschka-Greiffenclau, der „Weingraf“, wie man ihn vielfach nannte, war der unermüdliche Promoter dieser Verbindung, in Wiesbaden ebenso wie in Tokyo oder New York.

Ein Konkurs mit glücklichem Ende

Mittlerweile sind mehr als 25 Jahre nach dem tragischen Tod des Grafen vergangen. Heute gehört Schloss Vollrads als GmbH der Nassauischen Sparkasse (Naspa) und ist der Betrieb in zwei Gesellschaften aufgeteilt, von denen sich die eine um die Weingutsverwaltung, die andere um die Grundstücksverwaltung, Veranstaltungen und den Restaurantbetrieb kümmern. Die Sparkasse hat sich diese Rolle nicht ausgesucht – sie ist ihr regelrecht in den Schoß gefallen. Als Hauptschuldnerin hatte sie am Tag vor dem Tod des Grafen wegen dessen Überschuldung das Konkursverfahren gegen ihn ausgelöst und anschließend einen Käufer für das Anwesen und den Weinbaubetrieb gesucht, vergeblich. 1999 beschloss die Naspa schließlich, den Betrieb in Eigenregie weiterzuführen. Letztlich, so ist Gutsdirektor Ralf Bengel überzeugt, war diese Konstellation „ein glücklicher Umstand“.

Nach dem Tod des Grafen war der Druck der Region, insbesondere auch vonseiten des Rheingauer Weinbauverbandes groß, den Betrieb als Ganzes zu erhalten. Vermutlich auch, weil sie wegen öffentlicher Vorwürfe unter Druck stand, hatte die Bank zu Beginn des Jahres 1998 einen Fachbeirat aus Richard Nägler, dem Vizepräsidenten des Rheingauer Weinbauverbandes, Wilhelm Weil vom gleichnamigen Weingut in Kiedrich und Dr. Rowald Hepp vom Staatlichen Hofkeller in Würzburg gebildet, um die laufenden Geschäfte auf Schloss Vollrads weiterzuführen. Beirat und Bank kooperierten gut – Vorstand Anton Mauerer wusste, dass die Sache wegen des angeschlagenen Renommees der Naspa kein Fehlschlag werden durfte. Im August 1998 wurde das Konkursverfahren beendet und ein Betriebsdirektor gesucht. Nachdem kein geeigneter externer Kandidat gefunden wurde, fiel die Wahl auf Rowald Hepp, den ehemaligen Leiter der Hessischen Staatsweingüter. Am 1. Juli 1999 trat dieser offiziell sein Amt als Geschäftsführer der Schloss Vollrads GmbH an, einer hundertprozentigen Tochter der Nassauischen Sparkasse.

Neustart unter Rowald Hepp

Beengt: Abfüllung in der alten Kellerei

Ohne Rowald Hepp würde Schloss Vollrads heute nicht dort stehen, wo es steht. Behutsam stabilisiert er die Produktion und führt den Betrieb aus den roten Zahlen. Schon im Herbst 2000 notiert der Gault Millau, dass es „die pure Freude“ sei „zu riechen und zu schmecken, wie es mit Schloss Vollrads aufwärts geht“. Für Hepp ist es keine leichte Aufgabe, denn das Weingut muss sich selbst tragen. Eine Bezuschussung durch die Naspa, deren Träger Landkreis und Städte sind, wäre eine unzulässige Subvention. Dafür bleiben die Gewinne im Haus und finanzieren die allmähliche Sanierung der Anlage. Aus dem eigentlichen Betriebsablauf hält sich die Bank bis heute raus. Wie ein Vorstand einmal formulierte: „Solange Vollrads nicht dem Vorstand sagt, wie man Bankgeschäfte macht, solange sagen wir Vollrads nicht, wie man Wein zu machen hat.“

Neue Wege für den Riesling

Nur für eine kurze Zeit gab es noch einmal eine „Delle“ in der Erfolgsgeschichte des „neuen“ Schloss Vollrads. 2011 wurde der Jubiläumswein zu 800 Jahren Weinvertrag nach Methoden vinifiziert, die Rowald Hepp alten Kellerbüchern entnommen hatte: mit langer Standzeit der Trauben mitsamt der Rappen vor der Spontanvergärung auf der Maische und anschließendem Ausbau im Holz. Das war das komplette Gegenteil von allem, was dem von Edelstahl und Kältetechnik geprägten Kellermeister Ralph Herke heilig war. 2013 nahm dieser seinen Hut – und die Nachfolgeregelung gestaltet sich schwierig. Schnell zeigte sich die Kritik wieder ungnädig: „2015 erwarten wir mehr Spitzenweine“ hieß es im Gault Millau. Im Herbst 2016 ätzte der Redakteur dann in Unkenntnis der Situation von „Rheingauer Größe, gebändigt von der Sparkassenkultur der Bundesrepublik Deutschland“. Mit Jochen Bug als Kellermeister seit 2017 kam Schloss Vollrads wieder in ruhigeres Fahrwasser und machte die Qualität wieder einen Sprung nach oben.

Nachfolger Ralf Bengel

Ralf Bengel

Mittlerweile aber machte sich Rowald Hepp Gedanken über seine Nachfolge. Über ein Jahr lang führte er Gespräche mit Ralf Bengel, der, wie er selbst einmal, in den Hessischen Staatsweingütern arbeitete. Bengel war kein Kind des Rheingaus, aber es war doch seit 1992 für ihn zur zweiten Heimat geworden. Immerhin war der Vater, als Rebveredler Mitglied einer Winzergenossenschaft in Heilbronn, ein „Geisenheimer“ – seinen Kontakten verdankte der Sohn dann eine Lehrstelle in Geisenheim und ein anschließendes Weinbau- und Önologie-Studium an der Forschungsanstalt. Nach Stationen im Badener Gut Nägelsförst und im rheinhessischen Weingut Köhler-Weidmann begann er 1992 bei Graf Kanitz in Lorch im Rheingau. Wichtigste Aufgabe: die (1994 erfolgte) Umstellung auf biologisch Bewirtschaftung – eine Pioniertat. Drei Jahre sitzt er mit mit Graf Matuschka-Greiffenclau im Vorstand des Rheingauer Weinbauverbandes. 2002 wird dann bei den Staatsweingütern in Assmannshausen die Stelle als Betriebsleiter vakant und Bengel übernimmt.

Schließlich wird Bengel für die gesamte Weinproduktion von Kloster Eberbach zuständig. Seine Aufgabe: Planung und Umsetzung des Keller-Neubaus im Steinberg. Das war nicht nur technisch höchst anspruchsvoll, sondern auch heftig medial umstritten. 2006 war Baubeginn, 2008 die Einweihung. Bengel hatte gezeigt, dass er der Mann für große Aufgaben war, im Weinberg wie im Keller. Mit einiger Beharrlichkeit schaffte es Hepp, Ralf Bengel für Schloss Vollrads zu gewinnen. 2018 kommt er zunächst als Stellvertreter Hepps mit an Bord und wird drei Jahre in alles eingewiesen, bevor er ihn 2021 als Betriebsdirektor ablöst. Er soll dessen Linie fortentwickeln: auf hohem Niveau Verlässlichkeit bieten.

Die letzte Privatburg des Rheingaus

Wissen hilft tatsächlich an diesem Ort, denn Schloss Vollrads ist weit mehr als nur ein Weingut. Karl Simrock nannte es einst „die letzte erhaltene Privatburg des Rheingaus“ und deren Besitzer, die Freiherrn von Greiffenclau, als das einzige „von allen rheingauischen Geschlechtern“, das noch in Blüte stünde. Der Legende nach soll die Familie bereits unter Karl dem Großen als Ministeriale gedient haben, urkundlich belegt ist der Name Greiffenclau seit 1097. Als „Herren von Winkel“ residierten sie im nahen „Grauen Haus“, wohl dem ältesten steinernen Profanbau in Deutschland. Ein Vertrag über drei Stückfässer Wein aus dem Besitz der Familie von 1211 gilt als älteste Weinrechnung der Welt – nur die Familie Antinori in Florenz hat eine noch ältere Weinbautradition. Wegen der Überschwemmungsgefahr und marodierenden Raubrittern zogen die von Greiffenclau 1320 in eine eigens gebaute Turmburg oberhalb von Winkel – noch heute das Wahrzeichen von Schloss Vollrads.

1664 in den Stand von Reichsfreiherrn ernannt, wuchs die Bedeutung des Rheingauer Adelsgeschlecht im Alten Reich stetig an: Fürstbischöfe in Würzburg, Kurfürsten in Mainz und Trier und sogar ein Erzkanzler des Heiligen Römischen Reiches entstammen ihrer Linie. Standesgemäß wurde 1684 das heutige zweiflügelige Herrenhaus gegenüber dem Wohnturm errichtet, 1700 kamen die daran anschließenden Wirtschaftsgebäude hinzu. 1693 wurden bereits besondere Weine als „Gewegse“ überregional verkauft – die Vorläufer unserer heutigen Großen Gewächse. In diese Blütezeit fällt auch der Bau des berühmten Cabinet-Kellers, der durch eine Rechnung an den Maurermeister von 1716 belegt ist. Ein Cabinet, das war nach der Definition eines zeitgenössischen Universallexikons ein „kleines und geheimes Zimmer (…,) darinnen man studiret, schreibt, die kostbaresten Sachen verwahret.“ Hier wurden die besten Weine des Gutes gelagert, die früheste bekannte Selektion von Topweinen in Deutschland noch vor der Errichtung des Cabinet-Kellers in Kloster Eberbach. Von 1728 ist dann der Verkauf von Fassweinen des 1727er-Jahrgangs überliefert − auch mit dem Verkauf von Jahrgangsweinen gehörte Schloss Vollrads zu den Pionieren.

Rückkehr ins Rheingau

Als Goethe dann allerdings im September 1814 bei seinem berühmt gewordenen Spaziergang im Rheingau bei Schloss Vollrads vorbeikommt, ist es mit dieser Herrlichkeit wieder vorbei. Die Linie „Greiffenclau zu Vollrads“ wohnte längst nicht mehr im Rheingau. Die Gärten sind „verwildert“, die Säle im Schloss „nicht verwüstet, aber wüst“. Sicherlich ist diese Vernachlässigung der Grund, warum in den ersten großen französischen und englischen Weinbüchern aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwar Rheingauer Güter wie Schloss Johannisberg und Kloster Eberbach gefeiert, Schloss Vollrads aber nicht erwähnt wird und die Weinlagen in der zeitgenössischen Dahlen-Karte, die sich nach den Weinverkaufspreisen richtete, bestenfalls als zweitklassig bewertet werden.

Das ändert sich erst wieder, als die männliche Linie ausstirbt und die letzte weibliche Nachkommin Baroness Sophie den schlesischen Grafen Hugo von Matuschka heiratet und die Familie um 1860 wieder ins Rheingau zieht. Deren Sohn Guido wiederum heiratet Clara von Oppenheim aus der Kölner Bankiersfamilie. Diese hatte sich Erbteil vorzeitig auszahlen lassen und investierte: in das Schloss, das um zwei Türme und ein Stockwerk ergänzt wurde, und in den Weinbau. Bald zählten die Weine von Schloss Vollrads zu den gesuchtesten und teuersten im deutschen Kaiserreich. Mit ihrem Sohn begann das weinpolitische Engagement der Familie. Richard Graf Matuschka-Greiffenclau übernahm 1924 im Regierungspräsidium Koblenz das Referat für Weinbau und Landwirtschaft und wird 1925 Präsident des Rheingauer Weinbauverbandes. 1948, nachdem er ab 1933 von den Nazis kaltgestellt worden war, wurde er der erste Nachkriegspräsident des Deutschen Weinbauverbandes.

Ein tragisches Ende

Graf Erwein, der das Weingut 1975 nach dem Tod des Vaters seines Vaters übernahm, trat in seine Fußstapfen: Als Präsident des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter VDP von 1978 bis 1990 und ab 1990 ebenfalls als Präsident des Rheingauer Weinbauverbandes wurde er zu „Deutschlands bekanntestem Winzer“ (Das Handelsblatt). Mit seinem Freitod endete dann die Verbindung von Schloss Vollrads mit der Familie Matuschka-Greiffenclau – und doch ist sie durch ihre Hinterlassenschaft noch immer allgegenwärtig. Beinahe jeder Raum in Schloss und Turm erzählt von ihrer tausendjährigen Geschichte: Von einem Turniersattel der Familie aus dem Mittelalter über Modezeitschriften aus den Dreißigerjahren, von altem Kinderspielzeug bis zur Kochbuchsammlung von Graf Erwein. Goethe hatte auf Vollrads „die Spuren einer alten Familie“ gefunden, „die sich selbst aufhebt“ – eine Erfahrung, die auch der Besucher von heute macht. „Völlig entadelt“, wie der Dichter schreibt, ist das Anwesen aber nicht: Dank der neuen Eigentümer ist Schloss Vollrads keine (Investitions-)Ruine, sondern bleibt dem Vermächtnis der Vorbesitzer treu. Deshalb soll das Anwesen auch kein Museum sein, sondern lebendig bleiben und durch Veranstaltungen genutzt werden.

Genpool-Weinberg für den Riesling

Lagenkartierung von Schloss Vollrads aus 1972

Ralf Bengel arbeitet heute daran, dieses Erbe zukunftssicher zu machen. Das beginnt zunächst im Weinberg – wie einst beim Grafen Kanitz ist es sein Auftrag, das Weingut auf biologische Bewirtschaftung umzustellen. Keine geringe Aufgabe, denn Schloss Vollrads ist kein kleines Weingut. Bereits 1866 füllte das Weingut neben der eigentlichen „Schlosslage“ auch Weine aus den Winkeler Altlagen Plankner und Opferberg ab. Seit dem Weingesetz von 1971 ist Schloss Vollrads eine anerkannte Ortsteilbezeichnung, weshalb der Wein aus der Lage Schloss Vollrads ohne Angabe der Ortsbezeichnung Winkel schlicht als „Schloss Vollrads“ etikettiert werden darf. 13,4 bzw. 3,15 Hektar von diesen 33,1 Hektar sind in den Gewannen Schlossberg und Greiffenberg als Große Lage klassifiziert. 50 Hektar macht heute insgesamt der Besitz direkt um das Schloss herum aus – 13 weitere liegen weiter in Rheinnähe wie etwa im Winkeler Jesuitengarten. 2011 waren zudem 17 Hektar vom Weingut Heinrich Jung in Geisenheim gepachtet worden (wodurch es kurzzeitig zwei Betriebsstätten gab), doch der Pachtvertrag wurde 2020 gekündigt, weil der siebzigjährige Besitzer den Schritt zum Bio nicht mehr mitgehen wollte. Auf Schloss Vollrads jedenfalls sind 2023 die ersten ökologisch-zertifizierten Weine in den Verkauf gegangen.

Immerhin muss sich Ralf Bengel nur um eine Rebsorte kümmern: Die Lagen Schloss Vollrads sind zu 100 Prozent mit Riesling bestockt. Das war nicht immer so: Aufstellungen von 1866 erwähnen auch Ruländer, von dem zwei Stückfässer produziert wurden. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wies der Rebspiegel von Schloss Vollrads zeitweise 5 Prozent Müller-Thurgau auf, für einige Jahre auch ein Prozent der Geisenheimer Neuzüchtung Ehrenfelser. Spätburgunder war dagegen nie ein Thema, auch für Ralf Bengel nicht: „Es gibt hier einfach nicht die geeigneten Flächen“. Sein vordringliches Thema im Weinberg ist vielmehr die Zukunft des Rieslings in der Klimakrise. Schon seit Jahrzehnten hatte das Weingut einen eigenen „Schnittgarten“ zur Rebveredelung auf Schloss Vollrads unterhalten, seit 2015 hat das Weingut gemeinsam mit der Hochschule Geisenheim einen Biodiversitätsweinberg angelegt, in dem 49 verschiedene Riesling-Klone angepflanzt wurden: neben den heimischen Klassikern sogar solche aus dem Elsass und Australien. Hier wird sich zeigen, in welcher Form die deutsche Edelrebsorte den Herausforderungen der Zukunft am besten begegnet. Zur Verbesserung der Trockenresistenz werden zudem die alten Unterlagsreben 5 BB und SO4 weitgehend auf C 3309 umgestellt. Gut 40 Jahre werden die Reben auf Schloss Vollrads im Durchschnitt alt, im Normalfall würden deshalb jedes Jahr gut 2,5 Prozent der Fläche neu bestockt. Wegen der prekären finanziellen Lage in den Neunzigerjahren ist hier einiges nachzuholen und beträgt der Anteil an Neupflanzungen heute eher 3 bis 3,5 Prozent.

Eine „Riesling-Kathedrale“

Entwurf durch das Architektenbüro Jürgen Fladung

Die zweite Großbaustelle von Ralf Bengel ist der Weinkeller. Seit dem frühen 18. Jahrhundert ist dieser in den Wirtschaftsgebäuden im hinteren Bereich des Westflügels des Schlosses untergebracht. Ein Zustand der mit zahlreichen Kompromissen verbunden ist, wie bei der Traubenannahme oder den aus Platzgründen vielfach rechteckigen Edelstahltanks. Dabei werden hier über 400.000 Flaschen im Jahr produziert, die in über 40 Länder weltweit exportiert werden. 2011 wurde mit dem Neubau einer Maschinenhalle außerhalb des alten Wirtschaftshofes der erste Schritt getan, Schloss und Weinbaubetrieb zu entflechten.

Baustelle Weinkeller Stand März 2023

2020 begannen dann die ersten Planungen für einen neuen, an die Geländeformation angepassten Weinkeller samt Energiezentrale unterhalb der Pferdekoppel am Vollradser Wäldchen. Baubeginn des energieneutralen, gut 10 Millionen teuren Gebäudes mit eigener Zufahrt war Sommer 2022, das Richtfest fand am 7. September 2023 statt und 2024 wurde die erste Ernte hier verarbeitet. Beim Gang durch die eindrucksvolle Baustelle mit ihren tragenden Säulen und den fünf Meter hohen Wänden kann man Ralf Bengels Wort von der „Riesling-Kathedrale“ nur zustimmen. Es wird eine State-of-the-Art-Anlage der Kellertechnik sein mit Platz für vier große Pressen und schonender Trauben- und Mostverarbeitung durch das Schwerkraftprinzip. Für viele Bauherren ein Grund zur Nervosität. Ralf Bengel blieb gelassen: Es war sein zweiter Neubau.

Zwei Stilistiken

Kaiserliche Gala von 1910: Vollrads Auslese nach Château Latour

Die Weine auf Schloss Vollrads werden in Zukunft also noch präziser werden, an ihrem Stil aber wird sich wenig ändern. Seine Lagen liegen zumeist relativ hoch, werden aber durch das schlosseigene Wäldchen durch Nordwinde geschützt und sind durch ihren Ton-Lehm-Anteil im Boden gut gegen Trockenstress geschützt. Ihre schlanke Art, moderater Alkoholgehalt und eine präsente Säure machen ihre Charakteristik aus. Dabei pflegt das Weingut seit der Einführung der Ersten Gewächse zwei Stilistiken: klare fruchtbetonte Weine aus dem Edelstahl sowie füllig-mineralische Weine aus dem Holzfass. Das sei eine klare Weiterentwicklung seit den Neunzigerjahren, als alle auch bei trockenen Rieslingen nur an hohe Mostgewichte dachten, meint Ralf Bengel. Heute liege die Zielgröße bei 90 Oechsle und ziehen die Spitzenweine vor der Gärung bei vier bis fünf Grad vier Tage lang Aromastoffe – aber eben auch Phenolik. Die aber müsse durch behutsame Oxidation gebändigt werden. Das geschieht zumeist in Pfälzer Stückfässern – in Zukunft teilweise aus Holz aus dem Vollradser Wäldchen, wo zu diesem Zweck vier Eichen gefällt wurde.

Historische Zeugnisse der Sektproduktion

Glücklicherweise wird die malolaktische Gärung nicht mehr forciert, aber wie Ralf Bengel formuliert, „keine Regel ohne Ausnahme“: Von zwanzig Fässern könne eines auch mal spontan in die Malo gehen, und dann lasse man der Natur ihren Lauf. Verwendet werden Reinzuchthefen, die freilich aus 59 weingutseigenen Hefesträngen selektioniert worden sei. Charta-Weine, die große Leidenschaft des Grafen, werden heute keine mehr gefüllt und auch das alte System unterschiedlicher Kapselfarben (weiß, weißsilber, weißgold etc.) wurde aufgegeben. Stattdessen orientiert sich Schloss Vollrads nach 2018 stärker an der Qualitätspyramide des VDP mit Gutsweinen, Ortsweinen, Ersten und Großen Lagen. Das geht nicht ohne Reibungen. 2018 wurden etwa Weine aus dem Mittelheimer Edelmann und Hattenheimer Engelmannsberg als Erste Lagen gefüllt – Namen, die Vollrads noch nie kommuniziert hatte und was kein Kunde verstand. Also blieb es, von möglichen Exklusivabfüllungen für Handelspartner abgesehen, bei einer einmaligen Aktion. Schloss Vollrads besitzt eben, davon ist Ralf Bengel überzeugt, wie ein Bordelaiser Château einen viel stärkeren Markencharakter, sodass die am Burgund orientierte Qualitätspyramide des VDP, die seit 2021 auch ins deutsche Weingesetz Eingang gefunden hat, nicht einfach zu übertragen sei.

Die Weine

Trotz dieser Château-Parallele ist das Weinportfolio von Schloss Vollrads heute sehr vielfältig. An seiner Basis vermarktet das Weingut mit dem Sommer einen Einstiegsriesling, der bereits die Gutsstilistik zeigt und langfristig aus eigenen Trauben produziert werden soll. Ihm steht der „Volratz“ als etwas rustikalerer Versperwein gegenüber. Der feine trockene Gutsriesling aus nördlichen, nicht am Rhein gelegenen Lagen ist kühl und mineralisch, der trockene Riesling aus Winkel als Ortswein floral und nussig mit einer klaren Linie. Der Riesling Edition, von Mitarbeitern des Weinguts demokratisch ausgesucht, erinnert in seiner leichten, dezent halbtrockenen Art an einen Charta-Wein früherer Tage. Stärker als die Ersten Lagen ist der trockene Ortswein 1716 aus jungen Anlagen von Schlossberg und Greiffenberg – ein Preis-Leistungs-Champion.

Der historische Cabinet-Keller von Schloss Vollrads

Mit dem 2019er und 2020er Schlossberg GG sowie dem 2018er Greiffenberg wechselt man stilistisch in eine andere Welt: mit weicherer Textur, mehr Dichte und wahrnehmbarem Holzfasseinfluss. Höhepunkt der Trockenen ist aber ohne Zweifel der 1211, ein Stückfass mit der Cuvée der besten Trauben des Jahrgangs 2017 aus den vier Großen Lagen des Weinguts: Schlossberg, Greiffenberg, Winkeler Hasensprung und Jesuitengarten. Sehr fein und klar, mit einem Hauch Petrol und einer großen Zukunft. Die fruchtigen Weine zeigen sich klassisch, vom zarten 2021er Kabinett aus Winkel bis zum brillanten Eiswein von 2002. Der stammt aus der 2005 angelegten Schatzkammer im Turm von Schloss Vollrads, wo ausschließlich edelsüße Weine in Großflaschen gelagert werden. Auch Ralf Bengel und sein Team von 50 Mitarbeitern arbeiten an einem Vermächtnis für die nächsten Generationen.

Anmerkung

Der Artkel erschien in veränderter Form zuerst in FINE – Das Weinmagazin 2/2023.

Bildrechte

Stefan Pegatzky / Time Tunnel Images

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