Veronika Settele: Deutsche Fleischarbeit

Die Historikerin Veronika Settele hatte 2020 mit ihrer Dissertation zur Tierhaltung in der Landwirtschaft eine wichtige Studie zu einem der drängendsten Probleme beim Thema Ernährung vorgelegt. Unter dem Titel „Fleischarbeit“ hat sie zwei Jahre später ihre Ergebnisse zusammengefasst und den Fokus erweitert. Damit hat sich die Autorin keinen Gefallen getan.
20/01/2023
6 Minuten Lesezeit
Buchcover

Veronika Settele kann erzählen: von Geschenk-Kühen mennonitischer Spendervereine in der jungen Bundesrepublik, dem „Chicken War“ zwischen Deutschland und den USA und der ostdeutschen Schweinewaldmast am Hermsdorfer Kreuz. Mit Schlaglichtern wie diesen illustriert sie die drei Kapitel über Rinder, Hühner und Schweine, die die Geschichte von der „Revolution im Stall“ zwischen 1945 und 1990 bilden. Doch Settele befriedigt nicht nur das narrative, sondern auch das methodische Bedürfnis des Lesers. Jedes Einzelkapitel beleuchtet sie in einer spezifischen historischen Perspektive. Rinder im Medium der Körpergeschichte, Hühner in der von Wirtschafts- und schließlich Schweine in der von Technikgeschichte. Settele begründet das plausibel, auch wenn man mit guten Gründen jede Perspektive auch auf die anderen Nutztierarten hätte anwenden können. Entsprechend liest sich „Revolution im Stall“, trotz mancher Einwände (dazu später), mit Gewinn.

Von der Dissertation zum Paperback

Das narrative Talent der Autorin war sicher ebenso wie die Relevanz des Themas der Grund dafür, den Kern der Dissertation 2022 als Taschenbuch unter dem Titel „Deutsche Fleischarbeit“ bei C.H. Beck noch einmal zu veröffentlichen. Für die populäre Form wurde der historische Fokus ausgeweitet. In ihrem neuen Buch verspricht Settele nun, eine „Geschichte der Massentierhaltung von den Anfängen bis heute“ zu geben. Damit rahmt sie ihre Darstellung zum einen durch die Frühgeschichte ihres Gegenstandes, zum anderen durch dessen Problematisierung in der Gegenwart. Gerade Letzteres ist nachvollziehbar und ausdrücklich zu begrüßen. Erweckt das doch die Hoffnung, dass dadurch eine Diskussion, die in der Öffentlichkeit extrem emotional geführt wird, versachlich wird und an Qualität gewinnt.

Veronika Settele hat zu einer klar konturierten Fragestellung eine inspirierte, gut lesbare Dissertation geschrieben, die nur von einigen Missverständnissen getrübt wird. Ihre Nachfolgepublikation kann daran, bei viel Lesens- und Diskussionswürdigem im Detail, nicht anschließen.

Bereits beim neuen Untertitel fangen allerdings die Probleme an: Den Begriff „Massentierhaltung“ hatte Settele in ihrer Dissertation noch vermieden. Nun wird er zum zentralen Untersuchungsgegenstand. Die Autorin gibt selber zu, dass er „unpräzise und analytisch wenig hilfreich“ sei. Warum sie aber nicht den Begriff der „Intensivtierhaltung“ verwendet, der zusammen mit seinem Gegensatz „Extensivhaltung“ über eine klare begriffliche Kontur und Geschichte verfügt, bleibt ihr Geheimnis. Nun wäre das an sich nicht dramatisch, wenn sich daraus nicht eine folgenreiche Unschärfe der Argumentation ergäbe, die das Buch von Anfang an prägt. Tatsächlich lässt Settele die Darstellung 1860 beginnen, worüber man diskutieren könnte, wenn sie nicht die völlig falschen Gründe dafür anführen würde.

Thema verfehlt

In ihrer Darstellung markiert offensichtlich das Jahr 1859 und der sogenannte „Piggery War“ einen Initialpunkt. Damals gelang es der Polizei von New York zum ersten Mal, „Schweine aus dem öffentlichen Raum zu entfernen.“ So widmete sich die Autorin in ihrem ersten Kapitel dem Phänomen des zunehmenden Verschwindens von Nutztierhaltung und -schlachtung aus dem öffentlichen Bewusstsein. Das ist zivilisationsgeschichtlich von einigem Interesse. Für die Geschichte der Intensivtierhaltung ist es, wie der gesamte städtische Raum überhaupt, allenfalls ein Nebenschauplatz. Die eigentliche Arena, der ländliche Raum des 19. Jahrhunderts, übersieht sie, weil sich ihr Blick lediglich auf Deutschland richtet, wo es zu dieser Zeit noch keine Massentierhaltung gegeben habe. Freilich gab es im 19. Jahrhundert bereits eine ganze Reihe von Orten auf der Welt, wo Nutztierherden beträchtlicher Größe von wenigen Menschen betreut wurden. Die gewaltigen Schafherden Zentralspaniens etwa oder die Rinderherden des mittleren Westens der USA.

Cowboys der XIT-Ranch
Cowboys der XIT-Ranch in Texas. Schon bei ihrer Gründung 1885 wurden 50.000 Rinder hinter Stacheldraht gehalten.

Der Beginn von dem, was bei Settele unter „Massentierhaltung“ firmiert, beginnt in dem Moment, in dem diese großen Nutztier-Populationen nicht mehr extensiv, sondern intensiv bewirtschaftet werden. In den USA markiert etwa der Übergang von der „Open Range“ zur Einzäunung mit Stacheldraht ab den 1870er-Jahren diesen Punkt. In der Bretagne, wo aristokratische Großbauern Milchviehherden von über tausend Kühen aufgebaut hatten, ist es die planerische Intensivierung der Weideerträge aufgrund des starken Herdenwachstums um 1850. Von hier aus geht der Weg zur großflächigen Feedlot- und Ganzjahres-Indoor-Haltung der Gegenwart.

Die Bedeutung der Tierzucht

Settele blendet nicht nur diesen Zusammenhang völlig aus, sondern überschlägt auch sonst ganze Kapitel der klassischen Agrarhistorie. Als zweiten Einstieg dient der Autorin der Tierwissenschaftler Hermann Settegast. Dessen Pläne von 1868, spezialisierte „Gebrauchstiere“ zu züchten, „um mehr Milch und mehr Fleisch zu erzeugen“, begreift Settele als Skizzierung der „Hybridzucht“ 100 Jahre später. Sicherlich besitzt Settegast beim Übergang von der Reinzucht zur Kreuzungszucht eine wichtige Scharnierfunktion. Aber die Zuchtgeschichte von Nutztieren hat eine Geschichte, die bis ins späte 18. Jahrhundert reicht. Im 19. Jahrhundert wurden fast alle traditionellen Landschläge, nahezu immer Mehrnutzungstiere, zu „Gebrauchstieren“, das heißt spezialisierten Rassen umgezüchtet.

Yorkshire-Schwein von 1809
Dieses enorme Yorkshire-Schwein war der Zuchterfolg von Benjamin Rowley im Jahr 1809.

Am Beginn dieses Prozesses aber stand gerade die Kreuzungszucht. So hatte der englische Landwirt Robert Bakewell um 1770 chinesische Schweine in lokale Landschläge eingekreuzt. Das sogenannte „Leicester-Schwein“ war das erste moderne Zuchtschwein. Erst im Anschluss an diese „Optimierungskreuzungen“ wurden die Ergebnisse „fixiert“, das heißt in Reinzucht zu Rassen ausgebildet. Vielfach entstanden dadurch ausgesprochene Spezialisierungen: Merino-Wollschafe, Fleisch- (Durham-Shorthorn) und Milchrinder (Holstein-Friesian) oder Lege- (Leghorn) und Fleischrassen (Crève-Cœurs) beim Geflügel.

Lücken der Darstellung

Grasende Salers-Rinder
Mutterkuhhaltung bei Salersrindern auf dem Bec de l’Aigle im französischen Cantal

Mit dieser Spezialisierung bereits im 19. Jahrhundert entstanden zugleich unterschiedliche Haltungsformen, etwa bei Mastgeflügel und Legehühnern. Besonders gravierend sind diese Gegensätze in der Rinderhaltung, wo zwischen Mutterkuhhaltung (bei Fleischnutzung) und Milchviehhaltung unterschieden wird. Die deutsche Landwirtschaft hat sich, aus vielfältigen Gründen und anders als Frankreich, früh gegen die Nutzung dezidierter Fleischrassen in der Geflügel- und Rinderzucht entschieden und vor allem auf Eier- und Milchwirtschaft gesetzt (beim Geflügel wurde das nach 1945 korrigiert). In der deutschen milchzentrierten Rinderproduktion ist Fleisch eigentlich nur ein „Beiprodukt“. Settele scheint dieser Sachverhalt unbekannt zu sein, vermutlich aus Unkenntnis der älteren Agrargeschichte und der Entwicklungspfade nicht-deutscher Landwirtschaft. Dadurch wirft sie Dinge zusammen, die nicht zusammengehören: Der Hinweis auf den Erfolg der Steakhäuser nach dem Krieg hat nichts mit der Qualität des berüchtigten heimischen „Jungbullenfleischs“ zu tun, sondern damit, dass dort erstmals Fleisch aus den USA und Argentinien serviert wurde, das von Fleischrassen wie Angus-Rindern stammte.

Zudem übergeht Settele wesentliche historische Wegmarken bei der Entstehung der modernen Intensivlandwirtschaft: etwa die Agrarkrise von 1880, in der die Globalisierung etwa in Form des modernen amerikanischen „Farmerunternehmers“ als Konkurrent der altbäuerlichen Welt Europas in den Blick kommt, den Ersten Weltkrieg und schließlich die Weltwirtschaftskrise. Auch dass deutsche Landwirtschaftspolitik spätestens seit dem Beginn der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) immer auch europäische Agrarpolitik ist, wird bei Settele kaum thematisiert. Schließlich ist der Begriff der Massentierhaltung in einer historischen Darstellung auch deswegen fehl am Platz, weil er zwischen die fatale Entwicklung der Nutztierhaltung und die der übrigen Landwirtschaft einen künstlichen Abstand schafft: Zum Begriff „Massentierhaltung“ gibt es bei der Bewirtschaftung von Nutzpflanzen kein Pendant, allenfalls den Euphemismus „konventionelle Landwirtschaft“. Dabei ist beides unauflöslich miteinander verbunden und teilt die gleiche Vorgeschichte. Anders gesagt: Wenn man über die Geschichte der „Massentierhaltung“ schreibt, muss diese in die Geschichte der Intensivierung der Landwirtschaft insgesamt eingebettet werden, sonst ist sie nicht zu begreifen.

Der ethische Subtext

Fragt man nach den Gründen dieser einseitigen Sichtweise, so drängt sich dem Leser bei der wiederholten Lektüre der Eindruck auf, dass es Settele gar nicht um die Landwirtschaft und deren Geschichte geht, sondern im Wesentlichen um das Leid der Nutztiere. In der Danksagung erinnert sie an einen Kollegen, der sie „zum rechten Zeitpunkt vor einer Schlagseite in Richtung ‚Anti-Fleisch-Buch‘“ gewarnt habe. Tatsächlich bricht dieser ethisch motivierte Subtext an einigen Stellen des Buches unvermittelt hervor. Dass „die ostdeutschen Masthybriden“ der zugegeben abscheulichen „westdeutschen Idee der Färsenvornutzung“ ähnlich“ gewesen seien, ist dabei ebenso drastisch überzeichnet, wie die Behauptung, die traditionelle Hühnerhaltung auf dem Hof unterscheide sich „in ihrem innersten Funktionsmotiv nicht von der großmaßstäblichen Massenhaltung.“

In-vitro-Hamburger 2013
Erster In-vitro-Hamburger von der Universität Maaastricht 2013

Die Autorin ist hier eindeutig Partei: Das Töten von Tieren ist prinzipiell böse, weshalb auch zwischen Kükenschreddern und Bruderhahnhaltung nach Ansicht von Settele kein wesentlicher Unterschied bestehe. Zuweilen führt diese Haltung Erhellendes zutage, etwa hinsichtlich der Selbstillusionen der Bio-Branche. Aber er verhindert den Ausblick auf positive Aspekte von Tiernutzung und Fleischverzehr wie extensive Beweidung und den Erhalt alter Rassen. Mögliche Verbesserungen innerhalb des bestehenden Systems scheinen für Settele ausgeschlossen, weshalb sie am Ende künstliches Laborfleisch als Ausweg sieht. Für die Autorin wäre das eine „schlüssige Fortsetzung der Geschichte“ – was Settele nur zynisch meinen kann. Die neoliberalen Sirenenklänge einer vollständigen Entmaterialisierung des Menschen zielen derzeit in allen Lebensbereichen auf die Aufgabe unserer Verbindung zur körperlichen Realität innerhalb einer realen Umwelt, sei es bei Bildung, Arbeit, Freizeit, aber auch Ernährung. Ihnen zu erliegen, kann nicht im Sinn der Autorin sein.

Stefan Pegatzky

Der Autor hat zur Geschichte der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) sowie Bücher zum Thema „Geflügel“ (Wiesbaden 2016, NA: 2022) „Schwein“ (Wiesbaden 2015: NA: 2022) und „Wurst“ (Wiesbaden 2016) publiziert. Der Band „Agrikultur. Über Landwirtschaft, Herkunft und Geschmack“ ist in Vorbereitung.

Veronika Settele:
Deutsche Fleischarbeit. Geschichte der Massentierhaltung von den Anfängen bis heute
Paperback 240 Seiten, mehrere Abbildungen
München: C.H. Beck, 2022

Bildrechte des Beitrags:
Featured Image: Chicken of tomorrow“-Programm modernfarmer.com
Cover: Verlag
XIT-Ranch: Texas State Historical Association
Yorkshire Hog: public domain
Salersrinder: Zythème (CC BY-SA 4.0)
In-vitro-Hamburger: World Economic Forum (CC BY 3.0)

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