Champagner Vintage 2008 – Das Gipfeltreffen

Der Jahrgang 2008 gilt in einer Reihe mit 1990 und 1996 als großer Klassiker der letzten Jahrzehnte. Die besten Champagner besitzen einen elektrisierenden Säurebogen, eine beeindruckende Fruchtaromatik und eine einzigartige Struktur. In Berlin fand nun eine Verkostung mit 24 Topabfüllungen des Jahrgangs statt.
30/05/2024
9 Minuten Lesezeit

Es war Zeit für eine erste Bilanz. Inzwischen sind nahezu alle Top-Cuvées aus 2008 vorgestellt worden. Die Post-Release-Bewertungen sind erschienen und der Markt ist mittlerweile nahezu leergefegt. Blickt man von heute auf den Jahrgang zurück, dann muss man sagen, dass er aus mehreren Gründen wegweisend in der jüngeren Geschichte der Champagne ist. Zum einen wegen der Qualität der Weine selbst. Wir werden uns bis zum Erscheinen der Spitzen des Jahrgangs 2019 gedulden müssen, bis eine ähnlich hohe Gesamtqualität erreicht werden wird. Das lag am Klima. 2008 mündete ein kühler, wolkenverhangener Sommer in einen traumhaften September und brachte Weine von perfekter Reife und zugleich kristalliner Präzision hervor.

Begleitmenü im Restaurant „The Cord“

Zum anderen wurden Top-Champagner aus 2008 zum ersten Mal signifikant als Investments gehandelt. Auf der Londoner Handelsplattform Liv-ex deklassierte der Champagne-50-Index mit einem Wertgewinn von über 50 % in den letzten fünf Jahre alle anderen Sub-Indices deutlich (Stand: März 2024). Taittingers Comte de Champagne 2008 war zeitweise der meist gehandelte Wein des Marktes überhaupt. Der wurde von gleich zwei Seiten befeuert. Da war zunächst die Champagner-Begeisterung des zweiten Corona-Jahres 2021 sowie des ersten Post-Corona-Jahres 2022. Und die extrem hohen Bewertungen insbesondere von William Kelley in Robert Parker’s Wine Advocate. Gleich fünf Mal glatte 100 Punkte versetzten die Sammler in Entzückung und verwandelten den Markt in ein Tollhaus. Weil die Produzenten die hohen Gewinne am Sekundärmarkt selbst einstreichen wollten, wurden die Preise späterer Tranchen und folgender Jahrgänge teilweise dramatisch erhöht.

Die Verkostung

Insofern war es schlicht sensationell, was Christoph und Sascha von FWH Fine Wine Handel an diesem Abend im Restaurant „Cord“ in Berlin zusammengetragen haben. Alle fünf 100-PP waren dabei, obwohl die Preise auf dem Sekundärmarkt jeweils vierstellig – und teilweise weit darüber hinaus – geworden sind. Natürlich vermisst man immer mal einen persönlichen Liebling. Schade, dass der Comte nicht mit dabei war – aus meiner Sicht auf jeden Fall einer der Top-Weine des Jahrgangs. Aber der hatte die Organisatoren in einer Vorprobe nicht 100 Prozent überzeugt. Die Anordnung der (blind verkosteten) Flights hatte Felix Bodmann übernommen. Dabei hatte er sich in den meisten Fällen durch Vorschläge der Produzenten inspirieren lassen. Sollten eines Tages einmal die Rosés 2008 verkostet werden, könnte man über andere Gläser nachdenken. Die Quatrophils von Stölzle zeigten sich den komplexen Weinen nicht immer gewachsen. Den Auftakt machte übrigens außer der Reihe ein Dom Pérignon Rosé 2008 in der Magnum, der sich noch im Embryonalstadium befand. Keine Probebedingungen, deswegen keine Bewertung.

Flight 1: Deutz − Brochet − Dhondt-Grellet

Ein klassischer Beginn mit drei Blancs de Blancs. Amour de Deutz Blanc de Blancs Brut ist neben dem William Deutz die zweite Prestige-Cuvée des Hauses aus Aÿ. Strohiges Gelbgrün im Glas, bei etwas ungeschliffener Perlage. Breit angelegtes, noch sehr hefiges Bouquet mit etwas Limonen und Äpfeln. Am Gaumen etwas rustikal (zumindest in dieser Liga) und mit einer wenig präzisen Säure. Derzeit nicht in Top-Verfassung (93 P.).

Emmanuel Brochet Les Hauts Chardonnays Blanc de Blancs Extra Brut zeigt eine völlig verschiedene Stilistik. Reflexe ins Goldgelb, in der Nase merklich oxidativer mit Fruchtsüße und spürbaren Holzaromen. Im Gegensatz dazu dann ein recht strenges Mundgefühl, salzig, lang und ohne spürbare Dosage. Die Bestandteile scheinen noch nicht integriert, gleichzeitig wirkt die Aromatik sehr reif (92 P.). Dhondt Grellet Les Pensées Premier Cru Blanc de Blancs Extra Brut stammt aus alten Rebanlagen in Cuis. Das Bouquet zunächst zurückhaltend, vor allem Zitrone, Grapefruit, Steinfrüchte. Frisch, komplex und kraftvoll am Gaumen, mit zarten Bitternoten und seidiger Perlage. Viel Klassik hier vom Newcomer (96 P.).

Flight 2: Jacques Selosse − Louis Roederer − Égly-Ouriet

Jacques Selosse Millésime Premier Cru Extra Brut aus 2008 ist der letzte Jahrgangschampagner von Pionier Anselme Selosse und der erste, der nicht nur aus Chardonnay besteht. Tiefes Goldgelb, in der Nase ohne erkennbare Frucht, dagegen mit viel Gebäck und gerösteten Nüssen. Retronasal mit etwas Luft dann auch reife Äpfel und getrocknete Aprikosen. Sehr vinöses Mundgefühl, vielschichtig und mit weicher Mousse, dabei leicht salzig und ohne jede Restsüße. Auch hier trifft hohe Reife auf markante Säure. Nicht meine Stilistik, aber zweifellos ein Ausnahme-Champagner (97 P.).

Louis Roederer Cristal Brut aus der Magnum zeigt großes Klassiker-Kino. Noch jugendlich goldgelb im Glas, dominieren Apfel, Quitte und Birne das Bouquet. Im Hintergrund Blüten und Brioche. Wunderbar animierende Perlage und ultra-elegante Textur. Dicht, frisch und überaus lang. Und mit dieser Idee von Kalkigkeit der ganz großen Champagner (99 P.). Egly-Ouriet Grand Cru Millésime Brut schließt dabei wieder eher an den Vorgänger an. Breite Schultern, mit erdigen Noten, Holz und etwas Lakritz. Weiniges Mundgefühl bei sehr dezenter Mousse, spürbarer Fruchtsüße und ziemlicher Länge (96 P.). Wird sich sicher noch entfalten.

Flight 3: Ulysse Colin − Krug I − Salon

Über Ulysse Colin Les Roises Blanc de Blancs Extra Brut wurde viel diskutiert. Recht reif im Glas, aber auch ein wenig trüb. In der Nase nicht ganz sauber, dazu eine Idee Likör. Am Gaumen dagegen durchaus frische Aromatik mit etwas Apfel und guter Länge. Der Wein wurde bereits 2012 degorgiert – in jedem Fall: keine gute Flasche (90 P.).

Krug Clos du Mesnil Blanc de Blancs Brut wurde dagegen neun Jahre später degorgiert. Das zeigt sich durch enorme Frische. Zartes Strohgold, im Bouquet Blüten, Zitrusfrüchte und Haselnüsse. Sehr klassische, wenn auch merklich unentfaltete Struktur am Gaumen, mit laserscharfer Säure (98 P.). Aus Parzellen in unmittelbarer Nähe wird Salon Le Mesnil Blanc de Blancs Brut produziert, 2008 lediglich in 8.000 Magnums. Stilistisch freilich verschieden durch den Ausbau im Edelstahl und die konsequent blockierte malolaktische Gärung. Verblüffenderweise wirkt der Salon mit seinen markanten Hefe- und Briochearomen reifer und auch einen Tick vordergründiger. Am Gaumen beeindruckt er freilich mit Präzision und Vielschichtigkeit. Derzeit 97 Punkte, aber junge Salons waren schon immer schwierig zu verstehen, zumal aus der Magnum.

Flight 4: Jacquesson I − Pol Roger − Bollinger I

Jacquesson Avize Champ Caïn Blanc de Blancs Extra Brut präsentierte sich hochreif, fast oxidiert mit Unterholz, Lakritz und altem Panettone. Am Gaumen immerhin merklich frischer. Freilich nach Auskunft von Felix kein Vergleich mit der Flasche aus der Vorprobe. In dieser Form lediglich 91 Punkte. Eine überraschend entwickelte, aber nicht überreife Aromatik von Mirabellen, Honigmelone und klassischer Brioche präsentierte auch Pol Roger Sir Winston Churchill. Vielleicht steht hier die Frucht insgesamt etwas im Vordergrund. Aber darüber hinaus zeigt sich der Champagner frisch, relativ schlank und mit guter Länge (95 P.)

Beinahe kitschig-schön fällt die Frucht bei Bollingers Blanc de Noirs Vieilles Vignes Françaises Brut aus. Noten von roten Beeren (Himbeer-Drops!) verraten den Pinot Noir, die präsente Hefe die lange Autolyse. Dem Gaumen schmeichelt ein ausgesprochen luxuriöses Mundgefühl, mit einer wunderbaren Mousse und hedonistischer Fülle. Dabei fabelhaft frisch, dicht und sehr lang (97 P.)

Flight 5: Billecart-Salmon − Phillipponat − Henry Giraud

Billecart-Salmon Nicolas François Brut zeigt eine klassisch-reife Aromatik im Bouquet mit roten und gelben Früchten. Dazu etwas Granny Smith und Limone, aber auch viel Würze. Am Gaumen mittelgewichtig, fast schlank, aber spannungsvoll mit markanter Säure (95 P.). Philipponnat Les Cintres Blanc de Noirs Extra-Brut stammt ebenfalls aus Mareuil. Der Cru Parcellaire wurde aber komplett im Neuholz und ohne malo ausgebaut. Er verkostet sich dennoch ebenfalls klassisch, mit noch verhaltenem Bouquet nach Äpfeln und Toast. Am Gaumen noch etwas brausige Mousse, aber dicht und pur, mit merklicher Phenolik. Sollte hervorragend reifen (96 P.). Deutlich reifer präsentiert sich Henry Giraud Argonne Grand Cru Brut in der Magnum aus dem Nachbarort Aÿ. Dezenter „Natural“-Touch in der Nase, dazu üppige Fruchtaromatik und Konditorcreme in der Nase. Großes Kino auch am Gaumen, mit viel Fruchtsüße und durchaus komplex. Vielleicht nicht der Eleganteste in der Runde, aber in sich sehr stimmig und balanciert (96 P.).

Flight 6: Vilmart − Doyard − Marguet

Vilmart & Cie Cœur de Cuvée Premier Cru Brut führt einen durch seine Himbeernoten zunächst auf den Pinot-Noir-Pfad. Was bei den kraftvollen Chardonnays der nördlichen Montagne de Reims (hier: 80 Prozent) so manchem Verkoster ergeht. Ansonsten Grapefruit, reife Äpfel und blanchierte Nüsse im Bouquet. Am Gaumen die ganze Frische eines non-Malo-Ausbaus, mit zart cremiger Textur, aber straffer, jugendlicher Säure. Schon im März 2015 degorgiert, steht der Champagner trotzdem erst ganz am Anfang der Trinkreife (96 P.).

Helles Gelb-Grün im Glas zeigt der Doyard Les Lumières Millésimé Grand Cru Extra Brut. In der Nase Limone, Grapefruit, geröstete Nüsse und Gebäck. Am Gaumen reif, kompakt und recht kraftvoll, aber auch noch etwas direkt und limonadig. Hat sich noch nicht ganz gefunden, derzeit 95 Punkte. Mit seinen tiefgoldenen Reflexen zeigt der Marguet Sapience Oenothèque Premier Cru Brut Nature die höchste Reifeentwicklung an. Die Nase ist derzeit schwierig mit einige wilden „Off“-Aromen, aber auch reifen Früchten und merklichem Holz. Am Gaumen voll und weich, mit einiger Substanz und Dichte. Not my cup of tea (93 P.).

Flight 7: Krug II − Bollinger II − Dom Perignon

Der Krug Vintage Brut als 2008er präsentiert sich zumindest derzeit als Champagner-gewordene Sphinx. Frische weiße Blüten, Limonenzeste und Toast in der Nase, so weit, so klassisch. Am Gaumen aber dominiert eine monumentale, fast rohe Säure, die wenig an die übliche Eleganz der Maison erinnert (95 P.). Ist das jugendliche Unreife, die sich eines Tages entfalten wird? Oder ist da nur ein Versprechen, dass sich möglicherweise niemals einlösen wird?

Bollinger R.D. Extra Brut ist als eine der letzten Prestige Cuvées auf den Markt gekommen. Mit einem Degorgierdatum von 12/2022 weist er auch mit 13,5 Jahren von allen Flaschen dieser Verkostung das längste Hefelager auf. Der Champagner zeigt derzeit viel reifes Obst, etwas Landbrot und diverse Nussaromen. Am Gaumen bei diskreter Mousse sehr dicht, mit viel Volumen, aber super fein und mit phänomenaler Balance (98 P.). Mit der Vorstellung des Dom Pérignon Vintage Brut von 2008 hat der charismatische Chef de cave Richard Geoffroy seinerzeit einen furiosen Abschied gefeiert. Zum Release zeigte sich der „DomPi“ in spektakulärer Verfassung. Derzeit hat er sich ein wenig ins Schneckenhaus zurückgezogen. Dezente Nase mit Steinfrüchten und geröstetem Weißbrot. Sehr schöne, cremige Textur, mit hoher Spannung und dennoch viel Harmonie bei gut eingebundener Dosage (97 P.). Für viele in der Runde der beste Flight des Abends.

Flight 8: Jacquesson II − Roses de Jeanne − Marie-Noelle Ledru

Mit seinem Aÿ Vauzelle Terme Blanc de Noirs Extra Brut „rehabilitiert“ sich Jacquesson in dieser Verkostung nachdrücklich. Sehr schönes Bouquet von Äpfeln, Steinfrüchten und Papaya. Am Gaumen mit enormer Frische, gutem Druck und brillantem Säurebogen. Beginnt sich zu entfalten (96 P.). Deutlich dunkler zeigt sich Cédric Bouchards Les Roses de Jeanne Lieu-dit Les Ursules Blanc de Noirs Brut aus der Magnum (deg. 4/2012!). „Très gourmand“ in der Nase, mit reifen Birnen, Nüssen und Hefegebäck. Samtige Textur, weinig und konzentriert. Viel Fruchtsüße im Abgang, aber in dieser Konstellation stimmig und ausbalanciert (97 P.) Marie-Noelle Ledru Millésime Grand Cru Brut nature von der Grande Dame aus Ambonnay ist möglicherweise ihr letzter Jahrgangschampagner. Auch hier dominieren reife Aromen, aber vor allem von roten Beeren, Holz und etwas Brioche. Am Gaumen mit schöner Frische, aber nicht mit der Dichte und Eleganz der besten von der Konkurrenz (94 P.).

Fazit

Das Verkoster-Team nach getaner Arbeit

Bei dieser ebenso breiten wie repräsentativen Auswahl liegt es zunächst nahe, einmal die reinen Zahlen sprechen zu lassen. Zunächst zu den Rebsorten: Nur zwei von 24 Cuvées enthielten Pinot Meunier (Krug Vintage und Marguet). Die „Pinot-Meunier-Revolution“ ist also bei den Top-Champagnern noch nicht angekommen. Sieben Champagner im Feld waren reinsortige Blanc de Blancs, fünf dagegen Blanc de Noirs. Umgekehrt dominierten sieben Pinot-Noir-dominierte Blends gegenüber fünf Chardonnay-beherrschten. Nur beim „DomPi“ gilt Hälfte-Hälfte. Auch hinsichtlich der Herkunft gab es kaum Außenseiter. Keine Champagner kamen von der westlichen Vallée de la Marne, aus dem Sézannais und dem Vitryat. Lediglich je einer stammt aus der Aube (Roses de Jeanne) beziehungsweise dem Val du Petit Morin (Ulysse Colin), also aus umklassifizierten Gemeinden. Sechs waren dagegen klassische Marken-Assemblagen ohne kommunizierte engere Herkunftsangabe. Sechs stammten von der Côte de Blancs. Und jeweils fünf von der Montagne de Reims sowie dem Grande Vallée de la Marne.

Die Weine im Anschluss wären einen eigenen Artikel wert.

Nur einer der 24 Champagner − Marie-Noelle Ledrus Millésime − wurde von einer Frau in leitender Position produziert, die zumal kurz vor dem Ruhestand steht. Diese Situation wird auch bei den 2019er nicht wesentlich anders sein – Julie Cavil hat erst 2021 bei Krug übernommen. Erfreulich dagegen: Immerhin zwei Brut nature und neun Extra Bruts fanden sich in der Verkostung. Wobei von den 11 als Brut etikettierten Flaschen zwei eigentlich in die geringere Dosage-Klasse gehören. 15 Flaschen aus der Probe kamen von Négociants, neun dagegen von Winzern oder „Récoltants Manipulants“. Und keiner von einer Kooperative. Nahezu einstimmig war das Erstaunen der Verkoster über die hohe Qualität der Top-Markenchampagner nach Aufdeckung der Muster. Begreift man die Verkostung auch als Wettkampf zwischen dem Besten von Grandes Marques und Winzern, so hieß es in der Spitze schließlich 2:1 für Erstere.

Bildrechte

Stefan Pegatzky / Time Tunnel Images (mit Ausnahme des Gruppenfotos)

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