Biondi-Santi in Berlin

Zur ProWein 2022 hatte das legendäre toskanische Weingut Biondi-Santi bereits mit dem Brunello 2016 und der Brunello Riserva 2015 die letzten Jahrgänge der gleichnamigen Gründerfamilie präsentiert. Eine Präsentation in Berlin im Juni schloss daran eine bemerkenswerte kleine Vertikale an. Für SLP die Gelegenheit für einen Rückblick.
01/08/2022
2 Minuten Lesezeit

Die Nachricht schlug 2016 wie eine Bombe ein. Die Übernahme der italienischen Weinbau-Ikone Biondi-Santi durch den französischen Luxus-Konzern EPI zum 1. Januar 2017 spielte in einer Liga mit denen von Champagne Krug durch LVMH oder der Robert Mondavi Winery durch Constellation. Das war nicht bloß eine Branchennews, sondern eine historische Zäsur. Abgesehen von den ganz grundsätzlichen Signalen zum globalen Weinbusiness stellte sich für Brunello-Sammler und Liebhaber natürlich die Frage nach der Zukunft des Weinguts. Die hatte immerhin eine der berühmtesten italienischen Wein-Appellationen beinahe im Alleingang geschaffen.

Die Raritätenedition „La Storia“

Giovanni Lai, der Sales Director Europe von Biondi-Santi
Giovanni Lai, Sales Director Europe von Biondi-Santi

Am 16. Juni 2022 lud die Tenuta „Greppo“, wie der offizielle Name des Weinguts lautet, ins Berliner Restaurant „Grill Royal“ zur „Entdeckungsreise an die Wiege des Brunello, wie es in der Einladung hieß. Der europäische Vertriebschef Giovanni Lai präsentierte neben dem aktuellen Portfolio vor allem zwei historische Riserve, die das Weingut seit Kurzem in der Serie „La Storia“ erneut auf den Markt gebracht hat. Die Inspiration dafür − EPI besitzt auch die Champagner-häuser Piper-Heidsieck und Charles Heidsieck − stammt wohl vom Vinothek-Konzept aus der Champagne. Die Neugier jedenfalls war groß: Die Riserva 2011, für die Jacopo Biondi-Santi verantwortlich war, stand als sehr guter Jahrgang etwas im Schatten des großen 2010. Die Riserva 1985, einer der besten Jahrgänge der Achtziger-Jahre, war noch ein Werk von Jacopos 2013 mit 91 Jahren verstorbenem Vater, Dr. Franco Biondi Santi (die Familie schreibt sich, anders als der Wein, ohne Bindestrich).

Die Verkostung

Probengläser während der Verkostigung

Tatsächlich war der Rosso di Montalcino 2018 der einzige Wein des Abends, der vollständig vom neuen Team auf der Tenuta „Greppo“ vinifiziert worden war: Betriebsdirektor Giampiero Bertolini (Ex-Frescobaldi) sowie Federico Radi (vormals unter anderem bei Isole e Olena), seit 2017 „Viticulture and Winemaking Director“. Aus einem (in der Toskana) kühlen Jahr, zeigte sich der Wein durchaus im klassischen Stil mit heller Farbe und präsenter Säure. Im Bouquet kühle Sauerkirsch-Aromen und, zumindest bei der ProWein-Verkostung, sogar mit etwas funky Bauernhof-Noten (92 Punkte).

Der Brunello di Montalcino 2016 war insofern ein Wein des Übergangs, als Jacopo Biondi Santi noch die Ernte betreut hat. Die Entscheidungen, welche Parzellen 2016 in den Rosso und welche in den Brunello wandern, wurden dagegen bereits von Federico Radi und seinem Team getroffen. Für das Haus sicherlich ein sehr großer Erfolg und wohl einer der besten Annate, die auf Greppo jemals erzeugt wurden. Die Nase zeigt sich sehr komplex und würzig, bei aller Brunello-Typizität aber mit weniger eindeutigen Fruchtaromen. Ungewohnt, aber hoch erfreulich, das enorm samtige Mundgefühl als Folge eines erstklassigen Tannin-Managements (96 Punkte).

Eine Banderole für jede Probe

In Sachen Vielschichtigkeit legt dann der Brunello di Montalcino Riserva 2015 noch eine Schippe drauf. Die Flasche zeigte sich etwas verschlossener als noch auf der ProWein (siehe hier), dennoch 97 Punkte. Wesentlich offener dann der Brunello di Montalcino Riserva 2011 „La Storica“ mit leichten Ziegelreflexen und etwas animalischem Bouquet. Mancher Brunello dieses Jahrgangs neigte früh zur Überreife, der Biondi-Santi nicht (93/94 Punkte). Der Brunello di Montalcino Riserva 1985 „La Storica“ stammt aus einer Epoche, in der das Weingut durchaus auch in der Kritik stand. Diese Flasche jedenfalls hatte sich ihre Frische bewahrt, mit überraschend stabiler, dunkler Farbe, einer zarten Textur und gutem Kern – sicherlich mit Reserven für ein weiteres Jahrzehnt Lagerung und mehr (95 Punkte).

Den Mythos ins Heute übertragen

Toskanische Eleganz bei der Logogestaltung

Sicherlich ist der Übergang von der früheren Besitzerfamilie zum neuen Eigentümer eine heikle Angelegenheit. Biondi-Santi bezog seinen Nimbus nicht nur aus seiner Vergangenheit, sondern auch aus einer konservativen und eigensinnigen, wie aus der Zeit gefallenen Weinbauphilosophie – auch wenn sich sicherlich schon unter Jacopo Biondi Santi einiges verändert hatte. Den „Mythos“ zu bewahren und ihn zugleich ins Heute zu übertragen, wird die große Aufgabe von EPI sein. Wie es heißt, investiert das Unternehmen beträchtliche Summe in die Weinberge und den Keller, ohne grundsätzliche stilistische Eingriffe vorzunehmen – was sich leider auch in deutlich gestiegenen Preisen für den Wein niederschlägt. Die Stunde der Wahrheit schlägt dann 2023 mit der Präsentation des Brunello-Jahrgangs 2017 – dem ersten ohne Beteiligung der Familie Biondi Santi. Diese machen nun Wein auf Castello di Montepò in der Maremma. Gegen dieses hochherrschaftliche Schloss sieht die Tenuta „Greppo“ wie der Behausung eines Verwalters aus …

This post is also available in %s.

Kommentar

Your email address will not be published.

Zuletzt gepostet

Inama: Venezianischer Spagat

„Kein Pinot Grigio, kein Prosecco.“ Matteo Inama stellt gleich zu Beginn bei der Vorstellung seiner Weine so sympathisch wie selbstbewusst die Richtung…
Gehe zuTop

Don't Miss