SLPs Top 5 Champagner zur Paulée de Berlin 2022

Die alle zwei Jahre stattfindende Paulée de Berlin hatte sich vor der Pandemie zu einer der wichtigsten Weinveranstaltungen in der Hauptstadt entwickelt. 2022 konnte sie erstmals wieder seit 2018 wie gewohnt in der Französischen Botschaft am Pariser Platz stattfinden.

3 Minuten Lesezeit

Wenn Sébastien Visentin von Vin sur Vin Diffusion einlädt, machen sich auch prominente französische Winzer auf den Weg an die Spree. Ausgesprochene Stärken hat das Angebot von Visentin im Burgund, an der Loire – und natürlich beim Champagner. Der Mix aus etablierten Winzerchampagnern und wenig bekannten Newcomern ist aller Ehren wert. Deshalb an dieser Stelle meine Auswahl der 5 interessantesten neu vorgestellten Champagner.

Jacquesson No. 740 DT Extra-Brut

Eine Flasche Champagagner von Jaquesson

Jean-Hervé Chiquet hatte zwei Weine mit nach Berlin gebracht: die Cuvées 745 und 740 DT. Der noch in Düsseldorf zur ProWein vorgestellte aktuelle Jahrgang Dizy Terres Rouges musste leider zu Hause bleiben (oder ist mittlerweile bereits ausverkauft). Wie auch immer, jedenfalls präsentierte sich vor allem der 740 DT bärenstark. Die 700er-Serie möchten die Chiquets bekanntlich als Gegenteil eines Non-Vintage-Weins verstanden wissen. Sozusagen als „Vintages with Reserve“, wie Tyson Stelzer formulierte. Seit 2014 steht den 700ern eine Version mit verlängertem Hefelager zur Seite (Dégorgement Tardif = DT). 745 jedenfalls stammt aus dem warmen, aber nicht überreifen Jahr 2012. Chardonnay (57 Prozent) dominiert über die roten Sorten, dazu kommen 20 Prozent Reserveweine. Sehr cremig trotz nahezu nicht-existenter Dosage, kraftvoll und mit den klassischen Autolyse-Aromen. Ein moderner Klassiker.

Françoise Bedel Comme Autrefois 2005 Extra Brut

Eine Flasche Champagner von Françoise Bedel

Françoise Bedel und ihr Sohn Vincent Desaubeau produzieren in Crouttes-sur-Marne am äußersten westlichen Rand der Appellation auf 8,4 Hektar biodynamisch zertifizierten Champagner. Dabei verfügen sie in der recht prosaisch als Marnetal West bezeichneten Region über gute Hanglagen in Südexposition. Allerdings nicht gerade typisch, weil sich hier Lehm, Ton und Kalkböden abwechseln. Entsprechend dominiert der Pinot Meunier die Einstiegsweine von Bedel. Comme autrefois, also die im traditionellen Stil „wie früher“ hergestellte Jahrgangscuvée, wird 2005 allerdings vom Pinot Noir geprägt (PN 40% | PM 30% | Ch 20%).

Dabei bezieht sich das „wie früher“ auf den kompletten Ausbau im Holz sowie den Einsatz von Naturkorken statt Kronkorken bei der Flaschengärung. Über deren Auswirkung bei langer Lagerung (hier: über 13 Jahre!) gibt es unterschiedliche Auffassungen. Resultat ist hier in jedem Fall ein sehr individueller Champagner. Reife Apelnoten und leicht vegetabile Aromatik, dabei sehr weinig und mit recht weicher Säure, aber sehr pur und mit guter Länge.

Clandestin Les Revers Brut nature

Eine Flasche von Champagne Clandestin

Champagne Clandestin ist ein Projekt, das ursprünglich von Bertrand Gautherot, dem Inhaber von Vouette & Sorbée in Buxières-sur-Arce, ins Leben gerufen wurde. Die Idee: ein Mikro-Négociant für Bio-Champagner ausschließlich aus der Côte des Bar, dem südlichsten Teil der Champagne. Mit Benoît Doussot fand Gautherot einen gerade einmal zwanzigjährigen, im Burgund ausgebildeten Winzer mit viel Leidenschaft, der das Konzept zielstrebig umsetzte. Heute ist Doussot sein Schwiegersohn.

Selbstbewusst bezeichnet dieser nun das Unternehmen als „Maison von Winzern aus dem 21. Jahrhundert, geprägt vom Instinkt eines Mannes aus Burgund und geleitet von den Überzeugungen von jemandem, der aus der Aube in der Champagne stammt.“ Immerhin bezeichnet ihn die Revue du Vin de France als „einen der talentiertesten [Winzer] seiner Generation.“ Les Revers (zu Deutsch: Die Rückseite) stammt aus Parzellen in Nordexposition und entspricht reiner burgundischer Winzerphilosophie. Eine Rebsorte (Chardonnay), ein Jahrgang (in diesem Fall 2019), eine Lage. Er überzeugt durch gute Dichte und eine klassische, pure Stilistik. Überraschend und untypisch für Champagner aus dem Süden: die wunderbar belebende zitrische Säure.

Roger Coulon Premier Cru Blanc de Noirs Millésime 2013 Extra Brut

Eine Flasche Champagner von Roger Coulon

Seit ich vor etwas über einem Jahr mein Champagnerbuch veröffentlicht habe, habe ich mir immer wieder die Frage gestellt, wann ich zum ersten Mal meine Auswahl überdenken würde. Nach der Verkostung der Champagner von Roger Coulon war klar, dass ich dieses Haus heute zu den 100 wichtigsten Champagnerproduzenten zählen würde. Das 1806 gegründete Haus aus Vrigny in der Petite Montagne de Reims bewirtschaftet seine 115 Parzellen auf 11 Hektar biologisch, die Rebsorten verteilen sich auf 4,5 Hektar Pinot Meunier, 4 Hektar Pinot Noir und 3,5 Hektar Chardonnay. Die Weine vergären spontan, die Malo wird meist vermieden.

Der Millésime 2013 stammt zur Hälfte aus Pinot Noir der Lage „Les Limons“ in Vrigny, zur anderen aus Pinot Meunier Trauben aus „Les Linguets“ in Gueux. Die teils sandigen Böden sind reblausresistent, deswegen wurden die Reben ohne amerikanische Unterlagsreben, also „wurzelecht“ gepflanzt. Vielleicht liegt es daran, aber der aus dem spät reifen, sehr klassischen Jahrgang 2013 stammende Vintage zeigt sich mit einer wunderbaren Spannung, enormer Feinheit und hintergründiger Komplexität. Eine der beiden Spitzen der Paulée 2022.

Dhondt-Grellet Cramant Vielle Vigne Grand Cru Blanc de Blancs Le Bateau 2016 Extra-Brut

Eine Flasche Champagner von Dhondt-Grellet

2017 machte mich ein Mitarbeiter von Cave au Forum, eine der besten Weinhandlungen in Reims, auf Dhondt-Grellet aufmerksam. Obwohl ich wegen des selbstbewussten Preises skeptisch war, kaufte ich eine Flasche Le Bateau 2012. Drei Jahre später erschien William Kelleys Artikel „Dhondt-Grellet – Rising Star of the Côte de Blancs“ in „Robert Parker’s Wine Advocate“. Heute ruft der junge Adrien Dhondt aus Flavigny Preise auf, die selbst in der Champagne zur Oberliga zählen. Das Weingut ist 1986 gegründet worden, nahm aber dramatisch Fahrt auf, seit 2010 der gerade erst 20-jährige Adrien in den Betrieb einstieg und ihn schließlich 2012 von seinen Eltern übernahm.

Der Autodidakt ist von Anselme Sélosse geprägt und von Burgund-Winzern wie Coche-Dury inspiriert. Seit 2013 integrierte er 2013 biodynamische Methoden, die er allerdings pragmatisch und ohne Zertifizierung anwendet. Sein Juwel ist eine der ältesten, 1951 in Sélection massale gepflanzten Parzellen von Le Bateau, einem der besten und zu 100 Prozent mit Chardonnay bepflanzten Lieu-dits des Grand Cru Cramant an der Côte de Blancs. 2016 ist kraftvoll und finessenreich zugleich: Mit weißen Blüten, Zitrusfrüchten und Brioche im Bouquet, immenser innerer Dichte und der klassischen Salzigkeit aus Cramant. Der zweite Höhepunkt des Tages.

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