Die Chianti Classico Gran Selezione von Barone Ricasoli

Die Familie Ricasoli hat eine entscheidende Bedeutung für die Entwicklung des Chianti Classico. Auf Castello di Brolio, dem ältesten Weingut Italiens, entwickelte Bettino Ricasoli 1872 dessen epochemachende Formel. Im Mai 1924 gehörte die Familie zu den 33 Gründern des Consorzio Chianti Classico. Zu dessen 100. Geburtstag hat Francesco Ricasoli die aktuellen Weine in Hamburg vorgestellt. Besonders im Blickpunkt: die vier Chianti Classico Gran Selezione.
13/06/2024
3 Minuten Lesezeit
Baron Francesco Ricasoli

Am 14. Mai 1924 gründeten 33 lokale Produzenten in Radda das Consorzio Chianti Classico, die erste Winzervereinigung Italiens. Im Zeichen des „Gallo Nero“ wollte das Syndikat die Identität ihres Weines auf nationalen und internationalen Märkten schützen. Heute, nach einer 100-jährigen Erfolgsgeschichte, gehören dem Konsortium 480 Mitglieder an. Von den 33 aus dem Gründungsjahr sind nur noch drei dabei, unter ihnen die Familie Ricasoli. Doch in diesem Jahr feiert die Region noch ein zweites Jubiläum, nämlich zehn Jahre Chianti Classico Gran Selezione. 2014 kamen die ersten Weine aus dem Jahrgang 2011 in der neuen Premiumstufe oberhalb der Riservas auf den Markt. Auch hier war Ricasoli von Beginn an mit dabei. „Wir brauchten damals einfach eine neue Kategorie“, erinnert sich Baron Francesco Ricasoli. Einfach, um der Welt zu zeigen, auf welchem Niveau die besten Chianti Classico heute stehen.

Chiantis auf einem neuen Level

Der weiße Einzellagen-Trebbiano Sanbarnaba ist der weiße Spitzenwein von Castello di Brolio.

Ein Chianti Classico Gran Selezione ist weder ein Chianti Riserva noch ein Super Tuscan. Die Weine müssen mindestens 90 Prozent Sangiovese enthalten und maximal 10 Prozent rote einheimische Trauben. Bevor sie auf den Markt kommen, müssen sie mindestens 30 Monate gereift sein, davon drei Monate in der Flasche, und eine Qualitätsprüfung absolviert haben. Es sind entweder Weine aus Einzellagen oder Blends ausschließlich gutseigener Trauben. Seit Juli 2023 dürfen die Weine zudem eine der elf geografischen Angaben (UGA = unità geografiche aggiuntive) auf dem Etikett tragen. Doch auf Castello di Brolio stehen formale Kriterien eher im Hintergrund. Seit Baron Francesco Ricasoli 1993 die Leitung des Weinguts übernahm, ging es ihm ganz grundsätzlich darum, den Chianti Classico auf ein neues Level zu bringen.

Torricella wird schon seit über 100 Jahren produziert, früher allerdings aus Malvasia.

Francescos Ururgroßvater Bettino Ricasoli hatte 1872 nach vielen Experimenten den Sangiovese zur Leitrebe des Chianti gemacht. Damit hatte er den Wein, den wir unter diesem Namen kennen, eigentlich erst geschaffen. Der Impuls, durch praktische Forschung den Wein zu verbessern, gehört also sozusagen zur DNA von Castello di Brolio. Francesco Ricasoli widmete sich vor allem auf zwei Feldern der Weiterentwicklung seiner Weine: der Klonforschung und der Bodenanalyse. Er ernannte Carlo Ferrini, der verantwortlich für das „Chianti 2000“-Forschungsprojekt des Konsortiums gewesen war, zum Chef-Önologen. Im Vigna Cipressi wurde eine Massenselektion mit 50 verschiedenen Biotypen des Sangiovese angelegt, aus der schließlich die heute benutzten „Sangiovese di Brolio“-Klone hervorgingen. Von 2008−2010 wurden mit dem CRA (Centre for Research and Experimentation in Agriculture) die 240 Hektar Rebflächen analysiert. Dabei konnten 19 verschiedene Bodenformationen mit fünf Makrotypen unterschieden werden. Dies waren die entscheidenden Vorarbeiten, die zur Schaffung der vier verschiedenen Gran-Selezione-Weine von Barone Ricasoli führten.

Die Verkostung

Hamburg hatte die Ehre, Ort der „anteprima“, der Vorschau des neuesten Jahrgangs der Gran-Selezione-Weine von Ricasoli zu sein. In den Handel kommen sie frühestens ab 1. Juli. Zum Kalibrieren begann die Verkostung mit dem „einfachen“ Brolio Chianti Classico. Die Cuvée aus 95% Sangiovese und 5% Colorino stammt von unterschiedlichen Böden auf einer Höhe zwischen 280 und 480 Metern und wird für neun Monate in gebrauchten Tonneaux ausgebaut. Ein charmanter, nicht überaus komplexer, aber gut gemachter Wein, von dem etwa 400.000 Flaschen produziert werden. Sauerkirsche und Fleischextrakt in der Nase, am Gaumen leichte Fruchtsüße, pudrige Tannine und zarte Bitternoten (89 P.).

Der erste der drei Crus des Hauses ist Colledilà 2021 von kalkhaltigen Lehmböden, dem toskanischen Alberese. Wie die folgenden Chiantis besteht er zu 100 Prozent aus Sangiovese. Und wie diese vergärt er im Edelstahl und wird 22 Monate in zu 30 Prozent neuen 500-Liter-Tonneaux ausgebaut. Deutlich konzentrierteres und definierteres Bouquet von Sauerkirschen, Pflaumen, Fleischsaft und Macchia-Hecken. Samtiges Mundgefühl bei guter Frische und griffigen Tanninen (93 P.). Roncicone 2021 stammt von Meeresablagerungsböden auf einer Höhe bis zu 400 Metern. In der Nase wirkt der Wein durch sein Süßkirschenaroma weicher und wärmer, tatsächlich blitzt am Gaumen eine markante Säure auf. Sehr pur und enorm komplex, aber auch nicht für den frühen Konsum gedacht (95 P.).

CeniPrimo 2021 stammt von ehemaligen Flussterrassen im Tal der Arbia, im südlichsten Teil des Anwesens. Hier wird traditionell bei Brolio am spätesten gelesen. Deutlich „zivilisierter“, und damit ein echter Gegensatz zum ungestümen Roncicone. Auch hier trägt die Säure den Wein, aber sie ist besser eingebunden. Sehr würziges Bouquet, am Gaumen sehr dicht, mit viel Grip und langanhaltend (96 P.). Castello di Brolio 2021 ist eine Cuvée von Lagen in der Nähe des historischen Castello. Hier herrschen drei unterschiedliche Bodenformationen vor: Albarese, Galestro (eine Mischung aus Kalk und Blauem Schiefer) sowie Macigno de Chianti, ein Sandstein-Typ. Der Wein macht unmittelbar den Sinn einer Cuvetierung deutlich. Nahtlos und vielschichtig ist er nicht der ausdrucksstärkste, aber der vielleicht kompletteste Wein des Quartetts. Ein Abbild des Chianti Classico in seiner Gesamtheit (94 P.).

Die Übrigen

Beim nachfolgenden Essen präsentierte Francesco Ricasoli noch weitere Weine aus der aktuellen Produktion. Der weiße Torricella 2022, ein Einzellagen-Chardonnay, erinnerte ebenso wie der Lagen-Merlot Casalferro 2020 daran, dass Castello di Brolio eine jahrhundertealte Erfahrung mit französischen Rebsorten hat. Sanbarnaba 2020 ist ein reinsortiger Trebbiano und repräsentiert die momentane Suche der Toskana nach einem weißen Spitzenwein. Brolio Bettino 2021 ist ein ehrgeiziger Chianti Classico aus 100 Prozent Sangiovese, der alle fünf Hauptbodentypen des Anwesens in sich vereint. Castello di Brolio 2016 zeigt mit ersten Reifenoten, wie sich Brolio-Chiantis aus Spitzenjahren entwickeln. Neun Jahre in 50-Liter-Caratelli ausgebaut, ist schließlich der Castello di Brolio Vin Santo 2014 (90 Prozent Malvasia) ein wunderschöner Abschluss.

Bildrechte

Stefan Pegatzky / Time Tunnel Images

Kommentar

Your email address will not be published.

Zuletzt gepostet

Umbruch auf Château Rieussec

Manche Revolutionen ereignen sich im Hinterzimmer. Auf Château Rieussec findet sie in einem Nebenraum statt. Auf dem Programm steht der zweite Teil…

Neue Cuvées von Le Brun de Neuville

Die Genossenschaften der Champagne verändern sich. Natürlich produzieren sie auch heute noch große Mengen Grundweine für die großen Handelshäuser. Aber mit ihren…
Gehe zuTop

Don't Miss