SLPs 10 Top-Weine 2023

Zu Beginn des neuen Jahres hier nun der zweite Jahresrückblick von sur-la-pointe.com (aka Stefan Pegatzky). Ich habe mich diesmal dafür entschieden, alle verkosteten Weine mit einzubeziehen, für die ich ausgiebig Zeit für die Verkostung hatte. Muster auf Messen oder Großveranstaltungen habe ich weiterhin nicht berücksichtigt.
09/01/2024
6 Minuten Lesezeit

2023 konnte ich ganz außerordentliche Weinerfahrungen sammeln. Das lag nicht nur am Ende der Corona-Beschränkungen. Highlights waren vor allem die Reportagen für FINE – Das Weinmagazin. Drei von vier Titelgeschichten sowie eine ganze Reihe weiterer Artikel stammen im letzten Jahr von mir. Das schlägt sich auch in dieser Liste nieder. Dazu kommen drei hochkarätige Verkostungen im Berliner KaDeWe, die ich moderieren durfte. Und natürlich noch andere Reisen sowie private Abendessen und Verkostungen mit befreundeten Sammlern.

1. Champagner Piper-Heidsieck Hors-Série 1982

Bei den Champagnern war die Konkurrenz vielleicht am größten. Sowohl bei den Neuerscheinungen wie Roederer Cristal 2015 oder Cristal Rosé 2013, Bollinger La Côte aux Enfants 2013 und Vieilles Vignes Françaises 2012 oder Krug Rosé 26ème Édition. Am meisten berührt aber hat mich Piper-Heidsieck Hors-Série 1982, präsentiert bei einem Diner der Maison anlässlich der Vorstellung des neuen Essentiel Blanc de Noirs. Die Hors-Série wurde vor zwei Jahren mit dem Jahrgang 1971 ins Leben gerufen. 1982 ist erst die zweite Edition. Im Januar 2022 degorgiert, lag der Champagner 39 Jahre lang auf der Hefe. Vielschichtig, weinig, großzügig und mit einer enormen inneren Dichte. Fantastisch! 96 Punkte

2. Schloss Eltz Rauenthaler Siebenmorgen Riesling 1966

Heute existieren weder das einst legendäre Weingut Schloss Eltz noch die Lagenbezeichnung Siebenmorgen, die nach der Flurbereinigung 1971 in den Rauenthaler Wülfen aufgegangen ist. Nur noch lokale Winzer und Riesling-Sammler wissen, was es mit Schloss Eltz auf sich hat: Bis 1978 war es das wohl beste (und meistprämierte) Weingut des Rheingaus! Seine Kellermeister, bis 1957 Karl Männle, bis 1976 Hermann Neuser, gehörten zu den allerbesten ihrer Zunft. Wegen einer waghalsigen Finanzspekulation und einem anschließend notwendig gewordenen Grundstücksgeschäft mit dem Land Hessen musste das Haus seine Weinproduktion beenden. Heute sind die Weine enorm gesucht. Dieser völlig intakte 1966er trägt kein Prädikat, zeigt aber auch heute noch eine erstaunlich hohe Restsüße. Diese vereint sich fast schmerzhaft schön mit der intensiven Säure. Ein magischer Wein. 96 Punkte

3. Weingut Keller Riesling G-Max 2019

Der G-Max, hier verkostet gemeinsam mit der Familie Keller, ist wohl der berühmteste trockene Wein aus Deutschland. Dabei gibt das Weingut seine genaue Herkunft nicht preis. Was man allerdings weiß: Klaus Keller hatte aus dem von seinem Großvater Georg umgestalteten Weinberg Dalsheimer Hubacker jahrelang trockene Spätlesen ausgebaut, 1997 zum ersten Mal auch eine Auslese trocken. 1998 und 1999 gab es dann einen Dalsheimer Hubacker Riesling trocken „G“ in Erinnerung an Georg Keller. 2000, im Jahr der Geburt des Enkels Maximilian wurde wiederum, mit einem neu-alten orangenen Jugendstil-Etikett, ein Hubacker Max lanciert − bevor dann 2001 der erste (lagenlose) Jahrgang G-Max das Licht erblickte. Dies lädt natürlich zu Spekulationen ein. Wie auch immer. Jahrgang 2019 ging selbst im erfolgsverwöhnten Weingut Keller in die Annalen ein. Der G-Max ist monumental, aber nicht durch Fett und Öligkeit, sondern innere Dichte, Vielschichtigkeit und feinste Textur. 98 Punkte

4. Hartfort Court Seascape 2009 „Library Release“

Hartford Court ist der vielleicht wichtigste Versuch von Jackson Family Wines, Weltklasse-Chardonnays zu produzieren. Deren Gründer Jess Jackson hatte 1982 den Blockbuster Kendall-Jackson Vintner’s Reserve Chardonnay kreiert. Seit Ende der Achtzigerjahre wurde Jackson zum Terroir-Jünger, und er und seine zweite Frau Barbara Banke investierten in beste Cool-Climate-Weinberglagen. Auf Hartford Court werden heute in winzigen Mengen beste Einzellagen-Chardonnays und -Pinot-Noirs produziert. Das Weingut liegt im Green Valley, einer Unter-Appellation des Russian River Valley im Sonoma County. Die Trauben kommen auch aus Bereichen wie Carneros oder Santa Rita Hills. Vielleicht die größte Lage überhaupt, Seascape, stammt von der Sonoma Coast unmittelbar am Ozean. Der Jahrgang 2009 wurde als „Ten Years Library Release“ auf dem Weingut mit Winemaker Jeff Stewart verkostet. Der Wein hat sich phänomenal entwickelt. Schöne Textur und Druck, mit straffer Säure und jodiger Salzigkeit. Und dazu diese sensationelle Note von „kristallisiertem Ingwer“, wie Jeff Stewart es nennt. 97 Punkte

5. Penfolds Yattarna Bin 144 Chardonnay 2021

Yattarna bedeutet „Schritt für Schritt“ in der Sprache der indigenen australischen Bevölkerung und verkörpert den Anspruch Penfolds, den Benchmark-Chardonnay des Landes zu produzieren. Entsprechend dem Hausstil ist auch der Yattarna eine Assemblage von Weinen aus verschiedenen Regionen, in diesem Fall hauptsächlich aus Tasmanien, dazu Tumbarumba in New South Wales sowie den Adelaide Hills. 144 Versuche hat es bei Penfolds gegeben, den richtigen Blend zu finden, daher die Bin-Nummer. Mit dem 27. Jahrgang, den ich gemeinsam mit Weinmacher Peter Gago verkostet habe, zeigt sich der „weiße Grange“ seiner Ambition gewachsen. Beinahe farblos, aber schon überraschend zugänglich, mit leicht reduktiven Noten, Zitrus, Mandeln und dezentem Rauch. Noch sehr jugendlich in der Anmutung, mit einer wunderbar lebendigen Säure und raffinierten Salzigkeit. Strukturiert, präzise und elegant zugleich und schon jetzt sehr intensiv, auch wenn sich die ganze Komplexität des Weins derzeit erst andeutet. 97 Punkte

6. Denis Bachelet Charmes-Chambertin Vielles Vignes 1999

Auch Grand Crus aus dem Burgund haben ihre internen Hierarchien. Unter den acht oder neun (je nach Zählung) in Gevrey-Chambertin gilt der Charmes-Chambertin als der leichteste und relativ früh zu trinken. Aber alte Reben und Winzerkönnen vollbringen auch hier oftmals Wunder. Denis Bachelets 0,44 Hektar große Parzelle mit gut 90 Jahre alten Reben steht jedenfalls mit an der Spitze. Um Clive Coates zu zitieren: „zwar nicht ganz der Musigny von Gevrey, aber doch sein Amoureuses“. Jedenfalls sind die Flaschen von Bachelet, der insgesamt nur 3,5 Hektar Weinberge bewirtschaftet, rar und gesucht. Der 1999er, von einem großzügigen Freund und Sammler geöffnet, brauchte etwas Luft, um ins Gleichgewicht zu kommen. Aber dann zeigte der Wein seine Vorzüge, die wunderbare Verbindung von femininer Eleganz und Druck. 96 Punkte

7. Château L’Evangile 1995

Dieser Jahrgang stammt aus der ersten Phase des Neubeginns bei L’Évangile, der 1990 begonnen hatte. Seinerzeit hatte die Ducasse-Familie 70 Prozent der Anteile an den Rothschild-Zweig unter Eric de Rothschild (Lafite-Rothschild) abgegeben. In den Jahren nach seiner Auslieferung war der 1995er sehr umstritten gewesen. Selbst innerhalb des Wine Advocate zwischen den Kritikern Robert Parker und Neal Martin. Für Martin verkörperte der Wein ein „frustrierend verwirrendes, wechselhaftes [mercurical] Pomerol“, untypisch, ohne Substanz und zu sehr im „Neue Welt“-Stil (85-97 P.) Für Rober Parker dagegen war der Wein, auch wenn er sich verschlossen zeigte, fabelhaft extrahiert, multi-dimensional und körperreich (bis zu 96 P.) Heute zeigen Bewertungen auf Cellar-Tracker, dass der Altmeister richtig lag. Das bestätigte auch unsere Verkostung. Mit etwas Belüftung Unterholz, Zeder und Gewürze, am Gaumen seidig, konzentriert und lang, bei gut gereiften Tanninen. Hier ist derzeit überhaupt keine Eile vonnöten. 96 Punkte

8. Vérité La Muse 2013

Zwei Mal hatte ich das Privileg, die Weine von Vérité auf dem Weingut in Sonoma zu verkosten. Nach 2016 nun in diesem Sommer gemeinsam mit Co-Inhaber Christopher Jackson, dem Sohn des Firmengründers Jess Jacksons. Mit einem Merlot-dominierten Blend hatte 1998 bei Vérité alles begonnen – im Jahr später erhielt der Wein den Namen La Muse. Der La Muse 2013 – mit einer Assemblage aus 89 Prozent Merlot, 8 Prozent Cabernet Franc und 3 Prozent Malbec – hat schon früh für Furore gesorgt. Nach zehn Jahren Reife zeigt er sich unverändert in Topform. Aus dem klassischen, „europäischen“ Jahrgang 2013 stammend, zeigt sich der Wein komplex, alterslos und mit einer immensen Länge. Der Alkohol von 14,5 Prozent ist nicht spürbar, das Tannin völlig integriert. Über dem Bouquet von dunklen Beeren und Waldboden entfaltet sich ein fast außerirdischer Duft nach Walderdbeeren. Was für eine starke Vorstellung! 100 Punkte

9. Masseto 2006

Vor der ersten Sotheby’s-Verkostung aus der Schatzkammer von Masseto gab es ein spektakuläres Tasting in Bolgheri – und Sur-la-pointe war mit dabei. Masseto 2006 stammt vom Beginn der „modernen Ära“, nachdem die Frescobaldi-Familie das Mutterweingut Ornellaia 2005 übernommen und Axel Heinz zum Gutsdirektor ernannt hatte. Eine nahezu regenlose Periode zwischen April und August sorgte für kleine Beeren, ein nicht zu heißer Spätsommer für ideale Erntebedingungen. Das Resultat waren Trauben mit außergewöhnlichen Phenol-, Zucker- und Säurewerten. 2006 zeigte sich in perfekter Verfassung. Tief dunkel, in der Mitte fast schwarz im Glas. Die Nase luxuriös, fast dekadent und schier undurchdringlich in ihrer Komplexität. Monumentale Wucht auch am Gaumen, dabei vielschichtig und mit großer Finesse. Die Dramatik der Frucht erinnert an ganz große Kalifornier. Die Tannine sind überaus poliert, aber präsent, und erinnern daran, dass der Masseto 2006 erst ganz am Anfang seines Trinkfensters steht. 100 Punkte

10. Château Gilette Crème de Tête 1953

Zweimal bin ich nach Sauternes gereist und habe berühmte Güter wie Château d’Yquem, Rieussec oder Lafaurie-Peyraguey besucht. Und jedes Mal kam das Thema an irgendeinem Punkt auf Château Gilette. Ein Weingut, dass weder klassifiziert ist noch auf den höher gelegenen Terrassen über der Garonne liegt wie die renommierten Nachbarn. Das aber ein viel gesuchter, einzigartiger Mythos ist, nicht nur in der Region, sondern wohl weltweit. Denn der Sauternes reift hier nicht in Holz, sondern in Zement, und zwar 15 bis 20 Jahre lang. Der aktuelle Jahrgang ist 1997! Unser 1953er war die Spitzencuvée des Hauses: „Crème de Tête“. Obwohl schon 70 Jahre alt, schmeckte der Wein alterslos. Freilich nicht mit den Aromen von kandierten Früchten und der öligen Opulenz der klassischen Sauternes, sondern schlanker und präziser. Ein faszinierendes Erlebnis! 96 Punkte

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Beitragsbild: Der neue Barriquekeller von Vérité

Alle ©: Stefan Pegatzky / Time Tunnel Images

Mein Artikel über Masseto ist erschienen in der FINE 1/2023, über Klaus-Peter Keller und den G-Max in der FINE 2/2023, über Vérité und Penfolds in der FINE 4/2023.

Die Chardonnays von Hartford Court werden voraussichtlich eines meiner Themen in der 1. Ausgabe der FINE von 2024 sein.

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