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Jon Bonné: The New French Wine

Die Weinwelt ist im Umbruch – und die Weinautoren reagieren. Nach Pascaline Lepeltiers „Mille Vignes“ ist mit Jon Bonnés „New French Wine. Redefining the World’s Greatest Wine Culture“ in diesem Jahr bereits der zweite große Wurf zum Stand der Dinge erschienen. Lebendig geschrieben, streitbar und inspirierend. „Das Nachschlagewerk für modernen französischen Wein für die nächsten Jahrzehnte“, wie der Verlag verkündet, ist es freilich nicht.

5 Minuten Lesezeit
Jon Bonné

864 Seiten in zwei Bänden, das Resultat von acht Jahren Recherche und 30.000 in Frankreich gereisten Kilometern. Schon die Zahlen gebieten Respekt. Zumal der US-amerikanische Journalist Jon Bonné auch in Europa kein Unbekannter ist. Sein Buch „The New California Wine. A Guide to the Producers and Wines Behind a Revolution in Taste“ hatte in den USA einen Paradigmenwechsel signalisiert. 2013, ein Jahr nach dem Rückzug von Robert Parker als Chefredakteur des „Wine Advocate“ erschienen, öffnete er den Lesern den Zugang zu einer faszinierenden Weinwelt jenseits des Mainstreams. Nun also Frankreich, für Bonné noch immer „die Seele der weltweiten Weinindustrie“ und der „aufregendste Ort der Welt, um Wein zu trinken.“ Eine ungleich größere Aufgabe. „C’est compliqué. Es ist kompliziert“, lautet der erste, sympathische Satz des Buches.

Ein einseitiges Panorama

Bonnés Thema ist der „neue“ französische Wein. Das macht sein Buch spannend und problematisch zugleich. Spannend, weil es Einsichten zu aktuellen Entwicklungen verspricht, die derzeit Frankreichs Weinbau dramatisch verändern. Und Bonné destilliert aus seinen Reisen und Interviews wahrlich viel Stoff. Der erste Band „The Narrative“ enthält einen inhaltsreichen Überblick über die 16 zentralen Weinbauregionen samt Zwischenkapiteln zu aktuellen Themen wie Naturwein, die Kontroverse um das Appellationssystem, neue Wege der Weinbergbewirtschaftung sowie den Klimawandel. Der zweite Band „The Producers“ beinhaltet gut 800 Porträts von Winzerinnen und Winzern. Das ist erst einmal im positiven Sinne überwältigend, weil es immer lesenswert, von persönlichem Engagement getragen und „à jour“ ist. Aber, und das ist eine strukturelle Schwäche des Buches, es gewinnt ein Bild des „New French Wine“ in erster Linie aus Interviews mit prinzipiell sehr ähnlichen Gesprächspartnern, zumeist selbstständige Winzer aus Kleinbetrieben am Rande des Mainstreams. In Berlin würde man von einer „Blase“ sprechen.

Noch problematischer ist die Definition von „neu“ durch Bonné. Der Autor weiß natürlich, dass über „alt“ und „neu“ im französischen Weinbau seit eh und je diskutiert wird. So zitiert er bei der Frage des Entrappens der Trauben eine burgundische Debatte von 1968 über eine „méthode ancienne“ und eine „méthode traditionelle“, die sich letztlich bis 1801 zurückverfolgen lasse. Was ihn zu der richtigen Schlussfolgerung veranlasst, dass es die Opposition von „alten“ versus „neuen“ Weinstilen im Burgund etwa schon eine sehr lange Zeit gegeben habe und deren Fragestellungen letztlich noch immer ungelöst seien. Bonné meint aber mit „neu“ mehr als nur Methodenfragen. Und auch mehr als Autoren vor ihm wie etwa der Brite Andrew Jefford, dessen Buch „The New France“ 2002 ein Gründungsdokument der aktuellen Terroir-Bewegung war und das Bonné irritierenderweise mit keinem Wort erwähnt. Denn auch bei ihm ist die Wiederentdeckung des Terroirs natürlich ein zentrales Thema.

Eine weitreichende Agenda

Aber Bonné hat eine darüber hinausgreifende Agenda. „Neu“ umfasst bei ihm sowohl ökonomisch-soziologische, kunsttheoretische wie geschichtsphilosophische Aspekte. Da ist zum einen die markant individualistische Perspektive. Für die französische Genossenschaftsbewegung hat Bonné nur Verachtung übrig („alte Strukturen … seit Jahrzehnten im Niedergang“). Auch das Partnerschaftsmodell Winzer-Négociants, bei dem Produzenten ihre Trauben von Vertragswinzern kaufen, sieht er im Niedergang. Beide Fälle identifiziert Bonné mit Massenproduktion, während er Qualitätsweinbau nur beim selbstständigen Winzer verortet. Viel zu voreilig identifiziert er diesen Gegensatz mit dem vom „artisanalen“ und „industriellen“ Weinbau – und übersieht, dass auch Kooperativen und Négociants Weltklasseweine und -champagner produzieren. „You have to stand alone“, beschwört er die französischen Winzer, selbst wenn es um Gruppenbildungen wie beim Naturwein geht.

„Neu“ bei Bonné bedeutet darüber hinaus „progressiv“. Das ist nicht im politischen Sinne gemeint, sondern, wie er anhand eines Rückblicks in die Kunstgeschichte verdeutlicht, im ästhetischen Sinne. „Progressiv“ ist für ihn der Sieg des „hinreißend explodierenden Impressionismus“ gegen die konservativen Bewahrer und Formalisten. Es ist für ihn der gleiche Impuls, der für ihn im „New French Wine“ wirksam ist, was seiner Argumentation eine besondere Dringlichkeit gibt. Nun könnte man einwenden, dass das Avantgarde-Konzept auch schon 120 Jahre alt und heute längst beerdigt ist − „Das Ende der Avantgarde“ hieß etwa bereits 1995 eine große Kunstausstellung in München. Aber für Bonnés Argumentation ist nicht die künstlerische Bedeutung der Avantgarden wichtig, sondern, dass es ein Triumph der Abgelehnten und Außenseiter über den Mainstream war.

Individualistisch, progressiv und postmodern

„Knallrote Fake-Scheune“? Château L՚Évangile

Und so zählt für ihn dann nahezu jede Form des französischen Wein-Establishments zur alten, zum Untergang verurteilten Welt. Selbst in Bordeaux steht für ihn der kleine Vigneron und nicht das Château für die Zukunft, was dazu führt, dass im Médoc kein erstes oder zweitklassifiziertes Gewächs zum „New French Wine“ gezählt wird. Wie stark diese Auswahl von Ressentiment bestimmt wird, zeigt der Fall des Pomerol-Weinguts Château L՚Évangile. Dessen „knallrote Fake-Scheune“ dient Bonné tatsächlich als Beleg für den „finanziellen Übergriff“ des „Lafite Rothschild Imperiums“ – eine mehr als missverständliche Formulierung. Ausgerechnet Andrew Jefford, der vor Bonné über „The New France“ geschrieben hat, hat dagegen jüngst im „Decanter Bordeaux Guide 2023“ in einer großen Hommage an die Region noch einmal deren Größe beschworen. Weil uns Bordeaux noch immer die „Benchmark“ und „Referenzpunkte“ gibt, um die Diversität der Weinwelt einzuordnen.

Küfer auf Château Margaux

Fruchtbarer ist Bonnés Charakterisierung des neuen französischen Weinbaus als „postmodern-traditionalistisch“. An einer zentralen Stelle heißt es: „Zunehmend gibt es jedoch die Vorstellung, dass der Winzer von heute ein postmoderner Traditionalist sein muss, der die angeblichen Fortschritte des späten zwanzigsten Jahrhunderts zugunsten einer Rückkehr zu einigen der besseren Ideen der Vergangenheit verwirft.“ Der Begriff der „Postmoderne“ stammt mittlerweile ebenfalls, wie der der Avantgarde, aus der philosophischen Mottenkiste. Und Bonné benutzt ihn leider häufig recht unscharf, wenn er etwa von der „postmodernen Situation“ in Frankreich schreibt. Sinnvoll ist der Begriff aber als Gegensatz zur landwirtschaftlichen Moderne, also einer rein technisch- und produktionsmengenorientierten Agrikultur, die in der westlichen Welt die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wesentlich geprägt hat. Hier trifft Bonné einen Punkt und benennt einen wesentlichen Impuls von vielen der besten Winzerinnen und Winzer unserer Zeit.

Der äußere Rand

Es ist müßig darüber nachzudenken, was für ein großartiges Buch „The New French Wine“ hätte sein können, wenn es nicht so durchgehend durch seine polarisierende Weltanschauung geprägt wäre. Eine Zwischenüberschrift im Bordeaux-Kapitel, „The Outer Rim“, macht klar, wie Bonné die Weinwelt sieht: Nach dem Muster von Star Wars, in dem ein böses Imperium die Galaxis regiert und nur durch wenige Rebellen „am äußeren Rand“ herausgefordert wird. Niemand wird ernsthaft behaupten können, dass der Weinsektor eine heile Welt sei. Aber die eigentliche Gefahr droht heute von außerhalb: vom wachsenden Neo-Prohibitionismus etwa oder dem wachsenden Desinteresse der nachwachsenden Generationen, die mit Konzepten wie Herkunft oder Jahrgangsweinen schlicht nichts mehr anfangen können.

Leider enthält das Buch eine Reihe von Missverständnissen. Die wichtigste betrifft die Analogie von US-amerikanischer Prohibition und den Auswirkungen der Reblausplage in Frankreich: „Wenn die Prohibition die amerikanische Tradition des Weintrinkens unterbrach, so tat dies die Reblaus in Frankreich.“ Bonné benötigt diese Gleichsetzung, um zu begründen, warum sich nach der Phylloxera-Plage der französische Weinbau in das falsche System verwandelte, das dann der „neue französische Wein“ überwinden soll. Tatsächlich hat es eine Unterbrechung der französischen Weinkultur nie gegeben. Zum einen wirkte die Reblaus über mehrere Jahrzehnte regional mit ganz unterschiedlicher Intensität, zum anderen ersetzten die Importe aus „neuen“ Weinregionen wie Rioja, Katalonien oder Chile die einheimische französische Produktion. Französische und US-amerikanische Weinkultur unterscheiden sich in Wirklichkeit deutlicher, als Bonné es wahrhaben möchte – und so lässt sich sein in „The New California Wine“ erprobtes Konzept nicht so ohne Weiteres auf Frankreich anwenden. Denn es ist noch einmal alles viel komplizierter, als Bonné annimmt.

Jon Bonné: New French Wine. Redefining the World’s Greatest Wine Culture [in Englisch]

Ten Speed Press

864 Seiten, Hardcover, Format: 214 x 271mm, zahlreiche farbige Abbildungen

Bildrechte

Abbildungen des Buchcovers sowie Doppelseiten: Ten Speed Press, New York. Fotografien im Innenteil: Susannah Ireland. Illustrationen: Francesco Bongiorni

Porträt Jon Bonné: Erik Castro

Fotos Château L՚Évangile und Château Margaux: Stefan Pegatzky/Time Tunnel Images

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